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Zapping - Unsere TV-Kritik: "Luke Cage" : Held wider Willen
Im Zwiegespräch mit seiner toten Frau findet Cage (Mike Colter) die Motivation zum Helden zu werden.

Zapping - Unsere TV-Kritik: "Luke Cage" : Held wider Willen

(FOTO: NETFLIX)
Im Zwiegespräch mit seiner toten Frau findet Cage (Mike Colter) die Motivation zum Helden zu werden.
Kultur 3 Min. 09.10.2016

Zapping - Unsere TV-Kritik: "Luke Cage" : Held wider Willen

Der Reigen der Marvel-Superhelden auf Silberleinwand sowie Fernsehröhre geht mit Netflix’ „Luke Cage“ in die nächste Runde. Ein Held wider Willen

von Pit Thommes

„Ich erkenn dich am Bleichmittel“, meint ein blinder Zeitungsverkäufer, als er Luke Cage (Mike Colter) den neuesten „New Yorker“ in die Hand drückt. Cage büßt für seine Sünden: Er hat gleich zwei Jobs, bezahlt viel zu viel für seine Wohnung über einem chinesischen Restaurant und vermeidet soziale Kontakte. Der Tod seiner Frau, an dem er sich schuldig fühlt, verfolgt ihn bis in seine Träume.

Seine Fähigkeiten, unzerstörbare Haut und Superkräfte, spielen zunächst eine untergeordnete Rolle, wenn man vom Aufheben einer Waschmaschine absieht.

Der Reigen der Marvel-Superhelden auf Silberleinwand sowie Fernsehröhre geht mit Netflix’ „Luke Cage“ in die nächste Runde. Nach „Daredevil“ und „Jessica Jones“ ist er der dritte der New Yorker Straßenhelden – Superhelden, deren Fähigkeiten etwas bescheidener sind als die von Thor oder Spider-Man.

Die Last des Erfolges

Der Erfolg ist eine Last. Ursprünglich plante Netflix für jeden Superhelden eine einzige Staffel, bevor sie dann alle vereint in der „Defenders“-Miniserie auftreten sollten.

Doch der Erfolg von „Daredevil“ machte alle Pläne zunichte. Fans warten bereits auf die dritte Staffel, bei der gemächlicheren „Jessica Jones“ darf man sich auf eine zweite freuen. Ob „Luke Cage“ auch erweitert wird, steht noch in den Sternen. Mit Cheo Hodari Coker hat man jedenfalls einen viel versprechenden Showrunner verpflichtet, der tief aus der afroamerikanischen Kultur des Harlems schöpft.

Mike Colter, Nebendarsteller in „Jessica Jones“, hat nun endlich  Gelegenheit, die massive Figur des Luke Cage völlig auszufüllen.

Da Cage die Hauptrolle ist, hat Mike Colter, Nebendarsteller in „Jessica Jones“, nun Gelegenheit, die massive Figur völlig auszufüllen. Aufregend ist weniger die Action, da Cage durch seine Unzerstörbarkeit eher einer Abrissbirne ähnelt. Vielmehr knistert es dort, wo Colter die Figur menschlich werden lässt. In seinen Zeilen schwingt selbst beim Flirten eine Verletzbarkeit mit, die in starkem Kontrast zum muskulösen Äußern steht. Ein Held wird Cage eher wider Willen. Er hilft in Notfällen und erst dann, wenn er sich im Zwiegespräch mit seiner toten Frau selbst überzeugt hat, dass Gewalt der einzige Ausweg ist.

Eine visuelle Identität für jeden Helden

Anerkennung muss man Manuel Billeters Kinematografie dafür zollen, dass sie jedem Helden eine visuelle Identität gibt. Der unverwechselbare Stil findet sich sowohl in der Färbung als auch in den Einstellungen wieder. Billeter setzt auf langsame Schnitte. Die einzelnen Szenen kommen fast einem Theaterstück näher denn einer TV-Serie. Gelbfilter und körniges Bild tun ihr Übriges, um Cages Streifzug durch Harlem wie einen Film aus den 80ern erscheinen zu lassen.

Die Hip-Hop-, Jazz- und R&B-Soundkulisse von "Luke Cage" setzt sich deutlich von der von „Daredevil“ oder „Jessica Jones“ ab.

Die kurzen Actionsequenzen greifen hingegen die Blaxploitationfilme der 70er auf. Blutig, langsam, mit überraschenden Zeitlupeneinstellungen – dafür aber sehr spärlich – betonen sie Cages übermenschliche Kräfte, ohne ihn darauf zu reduzieren. Geschickt umgeht man dadurch das Problem, dass eine Abrissbirne eben immer gewinnt. Die Soundkulisse besteht aus Hip-Hop, Jazz und R&B und setzt sich deutlich von „Daredevil“ oder „Jessica Jones“ ab.

Einzig allein Drehbuchschwächen verhindern, dass „Luke Cage“ von gleicher Qualität wie die soeben genannten ist. Schöpfer Coker lässt sich etwas zu viel Zeit, bis die Serie ab der siebten Episode an Fahrt gewinnt. Dort kommt es zu einer Wende, deren Kühnheit der Zuschauer zwar bewundert, er sich gleichzeitig aber fragt, ob hier nicht alle bisherigen Errungenschaften für einen dramaturgischen Kniff geopfert wurden. Die Konsequenzen halten jedenfalls bis ins Staffelfinale an. Bewusst bleibt ein Urteil dazu aus. Das sollte sich tunlichst jeder selbst bilden.

„Luke Cage“, amerikanische Superhelden-Action. TV-Serie, 13 Folgen, seit 30. September im Streaming-Angebot von Netflix.