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Zapping: Tragödien „on the rocks“
Kultur 1 2 Min. 08.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Tragödien „on the rocks“

Katarina Baker (Kaya Scodelario) galt als Jahrhunderttalent, bevor ein Sturz ihr Angst vor Sprüngen beschert.

Zapping: Tragödien „on the rocks“

Katarina Baker (Kaya Scodelario) galt als Jahrhunderttalent, bevor ein Sturz ihr Angst vor Sprüngen beschert.
Foto: Netflix
Kultur 1 2 Min. 08.03.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Tragödien „on the rocks“

Kathrin KOUTRAKOS
Kathrin KOUTRAKOS
Netflix-Produktion „Spinning Out“ punktet mit exzellenten Dialogen und solidem Storytelling.

Ein Ort, an dem man die Zumutungen des Alltags für eine Weile vergessen kann, ist neben dem Theater die Eislaufbahn. Unendliche Pirouetten, der Schwerkraft trotzende Hebefiguren und der sagenumwobene vierfache Rittberger scheinen auch dann noch unmöglich, wenn sie passieren. Das hinter dieser Fassade von Schönheit, Schwerelosigkeit und Leichtigkeit dunkle Abgründe lauern, ist Thema der Netflix-Produktion „Spinning Out“.

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Was „Black Swan“ vor einigen Jahren für das Ballett durchdekliniert hat, erzählt die zehnteilige Serie für die nicht weniger fordernde Disziplin des Eiskunstlaufs. Hauptfigur Katarina Baker (Kaya Scodelario) galt als Jahrhunderttalent, bevor ein Sturz ihr eine Schädelfraktur und eine scheinbar unüberwindbare Angst vor Sprüngen bescherte.

Doch das Schicksal hat diese gebeutelte junge Frau noch schwerer beladen: Eine überambitionierte Mutter (January Jones) mit bipolarer Persönlichkeitsstörung und einem Hang zu häufig wechselnden Partnern, eine ebenfalls talentierte jüngere Schwester (Willow Shields), die nur auf ihre Chance zum Überholen wartet, und ständig drängende finanzielle Sorgen.

Kammerspiel

Hauptschauplatz der Serie ist ein Wintersport-Hotelkomplex mit Skipiste und Eislaufbahn, in dem die Figuren wie in einem Kammerspiel aufeinandertreffen. Katarina jobbt hier an der Bar, um ihre unterbrochene Eislaufkarriere zu finanzieren.

Hier kreuzt sich ihr Weg mit Justin Davis (Evan Roderick), Sohn des Hotelbesitzers, Nachwuchshoffnung im Paarlaufen und Enfant Terrible der Eiskunstlauf-Szene. Den Schmerz über den Unfalltod seiner Mutter und die neue Frau an der Seite seines Vaters betäubt er mit wahllosen Liebschaften. Seine Trainerin Dasha (Svetlana Efremova), eine Grande Dame des Sowjet-Eiskunstlaufs, sieht das Wettkampfpotenzial in der Vereinigung der beiden krisengeschüttelten jungen Menschen.

Natürlich entwickelt sich die Partnerschaft der beiden schon bald über die Eisfläche hinaus. Als Katarina, die die bipolare Störung ihrer Mutter geerbt hat, ihre Medikamente absetzt, um besser zu performen, zieht die Katastrophe Freunde, Familie und ihren Partner mit in den Abgrund.

Die Serie punktet mit exzellenten Dialogen und einem soliden Storytelling, das nicht nur von seinen facettenreichen Hauptpersonen lebt, sondern auch von Nebenfiguren, die mit einem sicheren Gefühl für die große Schnittmenge von Komik und Tragik gezeichnet sind: Von Katarinas bester Freundin Jenn (Amanda Zhou), die den Druck als ewig Zweitplatzierte mit bissigem Humor und Tequila-Shots am Vormittag kompensiert, bis zu Katarinas afroamerikanischem Bar-Kollegen Marcus (Mitchell Edwars), den der strukturelle Rassismus einholt, als seine lang ersehnte Karrierechance zum Greifen nah ist.

Vielschichtige Erzählung

Mit diesem durchdachten Personal gelingt es der Serie, neben dem Hauptstrang einer bipolaren Eisprinzessin unter Leistungsdruck eine Vielzahl an Themen zu verhandeln: von sexuellem Missbrauch im Sport über die Misere des US-amerikanischen Gesundheitssystems bis zu rassistischer Diskriminierung.

Was überladen klingen mag, fügt sich in „Spinning Out“ auf überzeugende Weise zu einer vielschichtigen Erzählung, die unmittelbar in ihren Sog zieht. Die Klammer, die alles zusammenhält, ist die ausführliche Beleuchtung der Beziehungsgeflechte zwischen den Figuren: Vertrauensbrüche, Enttäuschung und Lügen, aber dann auch immer wieder Hoffnung, Versöhnung und Liebe über alle Hindernisse hinweg.

Nicht zufällig ist die Musik zur finalen Triumph-Kür Prokofievs „Romeo und Julia“.

Alle Folgen von „Spinning Out“ sind auf Netflix abrufbar. 


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