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Zapping: "The Sinner" : Der schwarze Schatten der Sünde
Vom Opfer zur Täterin: Jessica Biel spielt die von ihrer Vergangenheit eingeholte Cora Tannetti.

Zapping: "The Sinner" : Der schwarze Schatten der Sünde

Foto: Netflix
Vom Opfer zur Täterin: Jessica Biel spielt die von ihrer Vergangenheit eingeholte Cora Tannetti.
Kultur 1 3 Min. 07.01.2018

Zapping: "The Sinner" : Der schwarze Schatten der Sünde

Marcel KIEFFER
Jede gute Krimiserie hat ihre Eigenart, doch diese ist definitiv anders. „The Sinner“ geht in einer Weise unter die Haut, die diese neue Netflix-Produktion zu einem besonders schaurig mitreißenden Abstieg in die Untiefen des nur allzu gegenwärtigen Bösen werden lässt.

Bei allem Bemühen um neue Absatzmärkte in diesem Segment durch gezielte Kooperationen in Europa und Südamerika, bleibt die Streamingplattform Netflix ihrem US-amerikanischen Krimiserienpublikum treu. Mit „The Sinner“ hat sie nun eine in allen Hinsichten gelungene Produktion ins Netz gestellt, die dabei besonders durch Originalität und Spannung besticht.

Auf der gleichnamigen Bestseller-Romanvorlage der im Psychogenre bestbekannten deutschen Autorin Petra Hammesfahr beruht dieser von Derek Simonds konzipierte und von USA Network produzierte Thriller mit durchaus unter die Haut gehendem Realismusfaktor. Hinter der ebenso polierten wie trügerischen Fassade provinzieller Gemütlichkeit und bourgeoiser Ehrenhaftigkeit offenbaren sich ungeahnte dunkle menschliche Seelentiefen in all ihren Facetten, lautet die Botschaft.

Suche nach dem Motiv

Eine scheinbar normale, unbescholtene junge Ehefrau und Mutter führt ein ebenso normales, sorgenfreies Leben in einer amerikanischen Kleinstadt im Staat New York. Die Familienharmonie scheint ungetrübt, doch hinter der biederen Idylle droht Ungeahntes. Und dann geschieht das Unerklärliche. Was konnte die junge Frau dazu bringen, eines Tages bei einem Familienausflug am Ufer eines vielbesuchten Sees, plötzlich und von einer erschreckenden Rage gepackt, mit einem Küchenmesser über einen jungen Arzt herzufallen und diesen mit sieben Stichen zu töten?

Ein von Dutzenden von Zeugen beobachtetes Verbrechen, das keine Zweifel an der Täterschaft zulässt, allein das Motiv fehlt. Cora Tannetti (Jessica Biel) kannte ihr Opfer offensichtlich nicht, über das sie urplötzlich mit dem Messer herfiel, mit dem sie Sekunden noch zuvor ihrem kleinen Sohn das Obst in Scheiben geschnitten hatte und auch dem ermittelnden Inspektor Harry Ambrose (Bill Pullman) kann sie keine Erklärung geben, was sie dazu brachte, dem jungen mit seiner Freundin herumalbernden Mann von einem Moment auf den anderen das Leben zu nehmen.

Das Geheimnis ihrer schrecklichen Tat liegt wohl in ihrer Kindheit. Der von regelmäßigen Rückblenden strukturierte Erzählstrang führt den Zuschauer immer wieder in Coras Vergangenheit zurück und damit in eine von ebenso rücksichtsloser wie selbstzerstörerischer Bigotterie geprägte Alltagswelt der amerikanischen middle class society.

Das titelgebende Motiv der Sünde ist omnipräsent in der von ihrer streng religiösen Mutter dominierten Kindheit und der schuldhaft-verschwörerischen Beziehung zu ihrer kranken Schwester Phoebe (Nadia Alexander). Die Täterin Cora Tannetti, das wird sehr bald deutlich, ist auf ihre Art ein Opfer in der schicksalhaften Verstrickung von obskurantistischer Ignoranz und eines in den Kategorien von Schuld und Sühne zum Ausdruck kommenden Köhlerglaubens an einen allmächtigen strafenden Gott.

Eine Bahn durch die Hölle

Der von seinen ganz eigenen Dämonen geplagte Inspektor Harry Ambrose hat den nötigen Sinn, um den Zugang zu der verstörten Cora zu finden und damit Licht ins Dunkel ihres rätselhaften Morddrangs zu bringen, dessen Ursprung und Erklärung definitiv in all den entsetzlichen Erfahrungen liegen, die sie als Kind, Jugendliche und junge Frau auf eine leidvolle Bahn durch die Hölle führte.

Die junge Mörderin und der um ihre Erlösung aus ihrer verzweifelten Verirrung bemühte Inspektor sind, dank Jessica Biel – deren Serienerfahrung vor allem auf ihre Rolle in „Eine himmlische Familie“ mit 243 Episoden zwischen 1996 und 2007 zurückgeht – und Bill Pullman, die herausragenden, mit überzeugender Tiefe und Intensität verkörperten Figuren dieser Serie, die am Beispiel einer dramatischen Familiengeschichte im provinziellen Amerika von heute, unserer Zeit den Spiegel ihrer Widersprüche und verhängnisvollen Schuldhaftigkeit vorhält.

Vielschichtiges Psychodrama

„The Sinner“ ist eine sehr gelungene, vielschichtige Psycho-Serie, die in den USA und Canada mit großem Erfolg lief und zweimal für die Golden Globes nominiert wurde. Ihre Spannung bezieht sie aus einer geschickten, von Antonio Campos ins Bild gesetzten Inszenierung, wobei ein immer wieder aus der Psyche der Täterin auftauchendes dunkles Tapetenmuster in ungeahnte Dimensionen verweist, in die es letztlich Inspektor Ambrose gelingt, gemeinsam mit Cora vorzustoßen. Gerade dessen Figur ist es denn auch, die beim Zuschauer mysteriöse Ahnungen hinterlässt.

Seine eigenen dunklen Geheimnisse könnten ihn zur zentralen Figur in einer nächsten Staffel von „The Sinner“ machen. Denn seine Geschichte stehe noch ganz am Anfang, hat Derek Simonds wohlweislich angedeutet. Und wer würde daran zweifeln, dass auch sie mit Sünde, Schuld und Sühne zu tun hat.

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„The Sinner“ ist auf Netflix abrufbar.