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Zapping: "The Mist": Der Nebel bringt den Tod
Wer sich nicht zügig in geschlossene Räume rettet, findet den grausamen Tod.

Zapping: "The Mist": Der Nebel bringt den Tod

(Foto: Netlix)
Wer sich nicht zügig in geschlossene Räume rettet, findet den grausamen Tod.
Kultur 1 2 Min. 03.09.2017

Zapping: "The Mist": Der Nebel bringt den Tod

Wer Fenster und Türen nicht geschlossen hält, dem droht der sichere Tod. Die erste Staffel der Horror-Serie „The Mist“ bedient sich zwar mancher Klischees, überzeugt aber mit spannenden Wandlungen.

Von Kathrin Schug

In Bridgeville, Maine, scheint das amerikanische Kleinstadtleben in Ordnung. Der Sheriff wacht über Recht und Gesetz, der breitschultrige Quarterback ist der Schwarm der Mittelstufen-Mädchen und die Teenager schleichen sich nachts auf Hauspartys, um ihren ersten Vollrausch zu erleben. Mitten in dieses Vorstadt-Idyll bauen sich die Copelands ihr Nest als Kleinfamilie: Der sanftmütige Vater Kevin (Morgan Spector), Teenie-Tochter Alex (Gus Birney) und die hochattraktive Mutter Eve (Alyssa Sutherland), die im Einfamilienhaus mit Garten ihre wilde Vergangenheit abstreifen möchte.

Die Vorlage dieser Serie wäre allerdings nicht aus der Feder von Stephen King, wenn diese Fassade nicht zügig ihre Abgründe offenbaren würde: Eines Morgens legt sich ein ebenso mysteriöser wie todbringender Nebel über die Stadt.

Fantasievolle Todesformen

Wer sich nicht zügig in geschlossene Räume rettet, findet den grausamen Tod in individuell zugeschnittener Form. Von Vögeln, die Augen auspicken, über einen todbringenden Säugling an der Brust, bis zu den apokalyptischen Reitern in ihrer ganzen Pracht sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt.

Familie Copeland befindet sich an verschiedenen Orten, als der Ausnahmezustand ausbricht, und so folgt der Zuschauer nicht nur ihrem – an Action und Schrecken reichen – Weg zueinander, sondern auch den weltanschaulichen Grabenkämpfen, die sich unterwegs auftun. Die beiden Hauptschauplätze sind eine Kirche und ein Einkaufszentrum – die öffentlichen Räume einer Gesellschaft, die zwischen Konsum und Spiritualität ihr Heil sucht.

Hier werden in den obligatorischen gruppendynamischen Entwicklungen die wichtigsten Themen durchdekliniert: Gerechtigkeit und Selbstjustiz, Zweifel am Glauben, die Rechtschaffenheit der Protagonisten, die Verklärung von Freundschaften und Familie. Das ist manchmal redundant, oftmals überpädagogisch, aber aufgrund der gut gecasteten Schauspieler und der interessanten Figurenzeichnung fast immer gut zu ertragen.

Mit dem Nebel ist ein Motiv mit weitreichender und vielschichtiger Kulturgeschichte aufgegriffen: Weiße Schwaden, die sich sanft über Wiesen und Wälder legen, gehören zum Kerninventar der naturverliebten Romantiker ebenso wie in die Trick-Kiste des Horror-Genres. Wen wundert's, schließlich ist das Nicht-Sehen ein sicherer Garant für Schrecken und Mysterium. In „The Mist“ erfährt der Nebel jedoch eine paradoxe Wandlung.

Brüchiges Eis der Zivilisation

In der Sichtbeschränkung des Dunstes wird erst sichtbar, was am hellen Tage verborgen ist: die Heuchelei, die Doppelmoral und auch das urwüchsige Böse. Erst der Nebel lässt die Kleinstädter klar sehen, wie brüchig das Eis ihrer Zivilisation ist.

Nicht ohne Grund spielt die Natur eine zentrale Rolle in dieser Serie: Erst verklärt als ökologisches Gleichgewicht, das alles Leben in Balance hält, entpuppt sich der Naturzustand als Hauen und Stechen Hobbes'schen Ausmaßes: Empathie, Mitleid und Altruismus halten hier nur auf.

Doch was hat es nun auf sich mit dem Nebel? Ist er ein missratenes militärisches Experiment? Eine göttliche Plage zur Vergeltung der verrotteten Moral? Oder, wie die Alt-Hippie-Dame Nathalie (Frances Conroy) nicht müde wird zu betonen, die Rache einer gedemütigten Natur, die durch den Menschen aus dem Gleichgewicht geraten ist? Die erste Staffel bleibt diese Antwort schuldig. Als Zuschauer kann man nun geduldig auf die Fortsetzung warten, oder – und das ist fast immer eine gute Idee – schnell zum Buch greifen.

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„The Mist“: alle Folgen der ersten Staffel auf Netflix.