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Zapping: "Suburra": Italien, deine Mafia
Der „Samurai“ (li., Francesco Acquaroli) hat es auf den idealistischen, aber ehrgeizigen Politiker Cinaglia 
(Filippo Nigro) abgesehen.

Zapping: "Suburra": Italien, deine Mafia

Foto: Emanuela Scarpa/Netflix
Der „Samurai“ (li., Francesco Acquaroli) hat es auf den idealistischen, aber ehrgeizigen Politiker Cinaglia 
(Filippo Nigro) abgesehen.
Kultur 1 3 Min. 22.10.2017

Zapping: "Suburra": Italien, deine Mafia

Marcel KIEFFER
Mit „Suburra“ steht nun auch eine neue Netflix-Serie im Streaming-Angebot, die nichts von dem vermissen lässt, was man sich unter dieser im Laufe der Filmgeschichte mehr als zur Genüge beanspruchten Thematik vorstellen kann.

Italien und seine Mafia, eine unendliche Geschichte. Mit „Suburra“ steht nun auch eine neue Netflix-Serie im Streaming-Angebot, die nichts von dem vermissen lässt, was man sich unter dieser im Laufe der Filmgeschichte mehr als zur Genüge beanspruchten Thematik vorstellen kann.

Von thematischer Originalität kann demnach keine Rede sein, wenn nun auch mit „Suburra“ italienische Filmemacher eines ihrer häufigsten National-Klischees auf den Flat-Screen bringen, zumal erst vor zwei Jahren Stefano Sollima quasi dieselbe Geschichte mit identischem Titel, allerdings in Spielfilm(über)länge (zwei Stunden und 15 Minuten!) herausbrachte.

Aber Mafia-Serien versprechen immer spannende Unterhaltung und jenen ganz besonderen Schauder, der von der Ahnung ausgeht, dass so Manches, was sich, wie in „Suburra“ die Drehbuchautoren Giancarlo de Cataldo und Carlo Bonini sowie Regisseur Michele Placido einfallen ließen, oft der Realität sehr nahe kommt. Und genau dieser Anspruch – spannende Unterhaltung bieten – steckt denn auch hinter der von Netflix verfolgten Strategie, sich mit Eigenproduktionen in diversen Ländern und Kooperationen mit lokalen Fernsehanstalten (in diesem Fall mit der RAI) neue Märkte zu erschließen.

Den Zugang zu der Geschichte in „Suburra“ findet der Zuschauer dabei erst allmählich. Zu eng gestrickt erscheint das mafiöse Netz in der italienischen Gesellschaft, als dass es sich in einer simplen linearen Geschichte aufrollen ließe. So überwältigt der einleitende Pilotfilm den Zuschauer in einer Weise, die ihn leicht den Überblick über all die Familien und Banden, Klein- und Großkriminelle, Interessen und Begierden verlieren lässt, die sich hinter den feinen, sonnenbeschienenen und filmisch sehr ansprechend ins Bild gesetzten römischen Fassaden tummeln. Objekt der Begierde sind in diesem Fall rund 20 Hektar besten Baulandes in Ostia, das durch einen neuen Flächennutzungsplan der Stadt Rom erschlossen werden kann und für den sich der Vatikan als Eigentümer den Käufer aussuchen kann. Man ahnt, was eine solche Ausgangssituation alles an möglichen und denkbaren Handlungsszenarien nach sich ziehen kann.

Ein römisches „Gomorrha“

Und so haben die „Suburra“-Macher sich wenig Zurückhaltung auferlegt, um ein römisches „Gomorrha“ in Szene zu setzen, in dem sich korrupte Politiker, nur allzu leicht verführbare Prälaten und rücksichtslose Kriminelle die Klinke in die Hand geben. Unter so vielen dunklen Unterweltgestalten schälen sich allmählich die Hauptfiguren einer Handlung heraus, bei der sich alles wieder nur um Raffgier, Lust und Gewalt dreht.

Jungmafiosi Aurelio (l., Alessandro Borghi) und der Polizistensohn Lele (Eduardo Valdarnini) sind in die dunklen Machenschaften verstrickt.
Jungmafiosi Aurelio (l., Alessandro Borghi) und der Polizistensohn Lele (Eduardo Valdarnini) sind in die dunklen Machenschaften verstrickt.
Foto: Emanuela Scarpa/Netflix

Die mafiöse Übergestalt ist der „Samurai“ (Francesco Acquaroli), Statthalter der „Familien des Südens“, die in Ostia die Chance auf einen neuen Drogenumschlagsplatz wittern. Sein Gegenpart ist das ebenso idealistische wie ehrgeizige Stadtratsmitglied Cinaglia (Filippo Nigro), dessen Rolle einen Einblick in die korrupte Welt der Stadtpolitiker, Spekulanten und Immobilienhaie Roms gewährt. Und die sich zum Teil dilettantisch gebärenden Jungmafiosi Aurelio (Alessandro Borghi) und Spadi (Giacomo Ferrara) sowie der Polizistensohn „Lele“ (Eduardo Valdarnini), der bei ihren glamourösen Parties die Reichen und Schönen der Stadt mit Kokain und Prostituierten versorgt, repräsentieren ihrerseits die nicht minder dunklen Machenschaften lokaler Clans und Banden bzw. die verkommene, trügerische Welt der „ehrbaren“ römischen Bourgeoisie.

Einem solchen geradezu monumentalen mafiösen Panoptikum wohnt eine Gefahr inne: jene ins Klischeehafte abzurutschen, dem Reiz der bildlichen und figürlichen Übertreibung nachzugeben, der Versuchung zu erliegen, die Charaktere und den Ausdruck ihrer menschlichen Fehlbarkeit, ihrer kriminellen Verdorbenheit, ihrer Verblendung und Hypokrisie geradezu ins Groteske und Karikaturhafte zu übersteigern. Die Macher von „Suburra“, die sich vielleicht in der Nachfolge von „Gomorrha“ - des Films ebenso wie der Serie nach der Buchvorlage von Roberto Saviano sahen – haben sie mit Sicherheit unterschätzt... Was nicht heißen will, dass ihre Serie weder spannend noch unterhaltsam wäre, oder Netflix sie nicht als einen weiteren Erfolg verbuchen könnte.

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„Suburra“ ist auf Netflix abrufbar. Die erste Staffel besteht aus zehn Folgen von jeweils rund 50 Minuten.