Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Zapping: Schwachbrüstiger "Boi"
Kultur 1 3 Min. 15.09.2019

Zapping: Schwachbrüstiger "Boi"

Wie die Protagonisten in dieser Szene läuft auch die Story von „Boi“ in alle möglichen Richtungen. Den Zuschauer stellen die vielen Abzweigungen jedoch auf eine Geduldsprobe.

Zapping: Schwachbrüstiger "Boi"

Wie die Protagonisten in dieser Szene läuft auch die Story von „Boi“ in alle möglichen Richtungen. Den Zuschauer stellen die vielen Abzweigungen jedoch auf eine Geduldsprobe.
Foto: Netflix
Kultur 1 3 Min. 15.09.2019

Zapping: Schwachbrüstiger "Boi"

Jörg TSCHÜRTZ
Jörg TSCHÜRTZ
Im Netflix-Film „Boi“ stolpert ein gescheiterter Schriftsteller durch die Halbwelt von Barcelona.

Netflix lernt Spanisch: Der Streamingriese hat das Königreich im Südwesten Europas zu einem wichtigen Wachstumsmarkt auserkoren. Massig Geld fließt in neue Produktionen – und die Investitionen zahlen sich aus: Mit der in Madrid spielenden Panzerknackerserie „Haus des Geldes“ („La casa de papel“ im Original) landete Netflix einen seiner größten internationalen Hits.

Auch die Handlung des Spielfilms „Boi“, der seit Sommer auf dem Portal läuft, klingt auf den ersten Blick durchaus verlockend: Ein junger Chauffeur, der mit zwei dubiosen Mitfahrern im Businessclass-Wagen durch die Unterwelt von Barcelona cruist: Da denkt man sofort an Genreklassiker wie „The Driver“ (1978) von Walter Hill mit dem ebenso coolen wie wortkargen Ryan O'Neal in der Hauptrolle – oder an Nicolas Winding Refns neonfarbenes Meisterwerk „Drive“ aus dem Jahr 2011 mit Ryan Gosling als edlem Ritter hinter dem Lenkrad.

Doch mit hartgesottenen Asphaltcowboys wie den beiden Ryans hat der schwachbrüstige Boi aus Barcelona (den Namen gibt es im Katalanischen offenbar wirklich) auch rein gar nichts am Hut.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Der junge Hauptdarsteller Bernat Quintana, der wie Regie Jorge M. Fontana aus Barcelona stammt und bisher nur als Protagonist einer Telenovela auffiel, bleibt in der Rolle des VIP-Chauffeurs leider so blass wie dessen Gesichtsfarbe. Dabei hätte die Handlung durchaus Potenzial: Der 27-jährige Protagonist mit der Internatsschülerfrisur stolpert gerade durch eine veritable Lebenskrise.

Er träumt von der großen Karriere als Schriftsteller, doch niemand will seine Texte drucken. Hier kommt Fontanas Inspirationsquelle ins Spiel und zwar die haarsträubend tragische Entstehungsgeschichte des Romans „A Confederacy of Dunces“ von John Kennedy Toole.


Episode 1
William of Baskerville and his novice Adso try suspect that there is more to the case than meets the eye.
„Der Name der Rose“ als langsamer Tod
Zapping-Serienkritik: Umberto Ecos moderner Klassiker „Der Name der Rose“ erhält in der aktuellen Serienform zwar neue Unternoten, entpuppt sich aber nicht als Großtat für eingefleischte Streaming-Fans.

Dem jungen US-Schriftsteller war es Zeit seines Lebens nicht vergönnt, einen Verlag für sein Erstlingswerk zu finden. Erst 1980 – elf Jahre nach seinem Suizid – erschien die bitterböse Satire posthum in einem kleinen Verlag. Kurz darauf gewann das Werk den Pulitzerpreis. Geschrieben hatte Toole den Text über den faulen Egozentriker Ignatius J. Reilley bereits 1963.

Rasch kommt einem die Sache ziemlich spanisch vor – lohnt es sich wirklich, der behäbigen Handlung bis zum Schluss zu folgen?  

Im Netflix-Film „Boi“ finden sich einige Verweise auf die „A Confederacy of Dunces“: Ein erfolgloser Schriftsteller, ein Papagei und ein geheimnisumwitterter Nachtclub, in dem die zwei dubiosen asiatischen Fahrgäste des Chauffeurs verkehren.

Die Reise in eine surreale Parallelwelt, auf die die beiden ausländischen Manager den verunsicherten Einheimischen mitnehmen, lässt den Zuschauer aber eher ratlos zurück. Regieneuling Fontana kommt mit seiner Fahrer-Story nicht richtig in die Gänge und fährt mit zahlreichen versteckten Anspielungen und absurden Szenen häufig neben der Spur. Rasch kommt einem die Sache ziemlich spanisch vor – lohnt es sich wirklich, der behäbigen Handlung bis zum Schluss zu folgen?

Barcelona for Business

Fontana beleuchtet in „Boi“ zum Glück noch eine andere Facette: Schmucklose Hochhäuser, graue Parkdecks und triste Hinterhöfe ziehen an den Autofenstern vorbei, während der junge „Conductor“ das zwielichtige Duo aus Fernost zu diversen Terminen fährt. Fernab der Strandpromenade und anderer Touristenhotspots richtet Fontana hier den Fokus auf die glanzlosen Ecken seiner Heimatstadt. Statt auf Flip-Flops und kurze Hosen trifft man im Umfeld der Messehallen der „Fira Barcelona“ eher auf glänzende Lackschuhe und Slimfit-Anzüge.


Ein toter Pizzabote ruft die schwangere Kip Glaspie (Carey Mulligan) auf den Plan. Die Ermittlerin weigert sich, an einen willkürlichen Akt 
sinnloser Gewalt zu glauben.
Tödliche Bestellung
Mit einer gewagten Thematik und mehrschichtigen Figuren bringt die Miniserie „Collateral“ frischen Wind in das oft monotone Krimigenre.

Nicht zufällig fanden die Dreharbeiten für „Boi“ während des Mobile World Congress statt, der weltgrößten Mobilfunkmesse, die jedes Jahr im Spätwinter Tausende Besucher und Geschäftsleute in die katalanische Hafenmetropole spült.

Als Kontrast präsentiert Fontana die Überreste des „echten“ Barcelona, das den Airbnb-Touristenhorden meist verborgen bleibt: Arbeitercafés mit Spielautomaten, die Altbauwohnung des Protagonisten mit Mosaikboden, hohen Räumen und Flügeltüren. Fontana erweist sich hier als nostalgischer Kritiker des modernen Business-Tourismus und der tristen Neubauten, die in seiner Heimatstadt emporsprießen.

Immerhin: Der Trip in die Halbwelt mit seinen zwei Gefährten scheint dem blassgesichtigen „Boi“ wieder etwas Leben einzuhauchen. Der Zuschauer erfährt aber leider nicht, wie die asiatischen Anzugträger ein derart vertrauensvolles Verhältnis mit ihrem Chauffeur aufbauen konnten. Der vermeintliche Showdown von „Boi“ verläuft dann auch mehr als enttäuschend. Es ist längst nicht alles Gold, was glänzt bei Netflix.

______

„Boi“ ist auf Netflix abrufbar.