Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Zapping "Norsemen": Die spinnen, die Wikinger
Geschlechterklischee „Frau am Herd“? Von wegen: Frøya (Silje Torp, r.) zieht viel lieber mit den Kerlen 
auf Plünderzug.

Zapping "Norsemen": Die spinnen, die Wikinger

Foto: NRK
Geschlechterklischee „Frau am Herd“? Von wegen: Frøya (Silje Torp, r.) zieht viel lieber mit den Kerlen 
auf Plünderzug.
Kultur 1 2 Min. 24.09.2017

Zapping "Norsemen": Die spinnen, die Wikinger

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Rauben, Morden und Plündern kann anstrengend sein. Dass es selbst für unbeteiligte Zuschauerrichtig unterhaltsam ist, beweisen die „Norsemen“. Die norwegische Serie tischt Klischees auf, um sie umso hemmungsloser aufzumischen. Ein Genuss im Quicky-Format.

Lichtentzug macht bekanntlich komische Sachen mit dem menschlichen Gehirn: Entweder man fällt buchstäblich in ein tiefes, schwarzes Loch, oder aber die natürliche Abwehr setzt ein, und die Neurone treiben es umso bunter.

Letzteres ist der Fall bei „Norsemen“, das das Wikingerdasein im Dörflein Norheim anno 790 nach Christus schildert. Und die Probleme, die die wilden Kerle und ihre Damen da zu bewältigen haben, sind so ziemlich die gleichen Sorgen und Wehwehchen, wie wir heute: Konkurrenzkampf, Beziehungsstress, Unterhaltssorgen, Freizeitvertreib – das komplette Register der Emotionen wird durchgespielt. Ernst nimmt sich dabei niemand, und das macht die Serie letztlich auch so unterhaltsam.

„Monty Python meets Game of Thrones“

Anders Tangen, der u. a. die preisgekrönten „Dag“ und „Lilyhammer“ produzierte, ließ bei „Vikingane“, wie die gleichzeitig auf Norwegisch und Englisch gedrehte Serie im Original heißt, den Neulingen Jon Iver Helgaker und Jonas Torgersen freie Hand. Ein cleverer Schachzug, denn diese warten mit erfrischender Schrägheit auf – wobei das leicht schleppende Englisch mit nordischer Singsang-Melodie ein Genuss der Extraklasse ist.

Wer „Kaamelott“ des Franzosen Alexandre Astier kennt und mag, wird bei „Norsemen“ auch glücklich. Denn die Produktion des staatlichen Senders NRK setzt auf dieselbe Mischung aus historischem Hintergrund, aufgemischt mit aktuellen Referenzen, liebenswert schrägen Figuren und schwarzem Humor.

Keine Zeit, sich eine gesicherte Existenz aufzubauen, weil man seine Zeit auf Raubzügen verbringt? Kein Problem: Man fordert einfach einen Gutsbesitzer zum Duell, haut ihm den Kopf ab und schon hat man, sprich der Wikinger Arvid, (s)ein Gut – und das passende Weib dazu! „Monty Python meets Game of Thrones“, so die Werbung, die hält, was sie verspricht – und zwar durchweg.

Dabei braucht der Zuschauer anfänglich zwar etwas Zeit, um sich an den lockeren Ton zu gewöhnen, doch die Diskrepanz zwischen psychologisierenden Dialogen, wie man sie heutzutage überhören könnte, und dem rustikalen Dorfsetting sind eine helle Freude im 30-Minuten-Quicky-Format.

Erfrischend ist zudem, dass kein einziges Gesicht der Besetzung dem Zuschauer, es sei denn, er hat bereits „Lilyhammer“ gesehen, vertraut vorkommt – aus dem simplen Grund, weil es sich hier allesamt um dem breiten Publikum wenig bekannte Schauspieler aus dem Hohen Norden handelt.

Die sind trotzdem perfekt auf ihre Charaktere passend gecastet. Trond Fausa ist der weltgewandte Schöngeist und Schauspieler Rufus, der sich aus dem zivilisierten Rom plötzlich als Sklave am Arsch der Welt wiederfindet und alles daransetzt, seinen Traum, aus dem Wikinger-Kaff ein Kulturzentrum zu machen, Wirklichkeit werden zu lassen. Damit sorgt er regelmäßig für den klassischen „comic relief“.

Statt am Herd verbringt Frøya (Silje Torp) lieber ihre Zeit mit den Männern auf Raubzügen, während ihr eigentlich homosexueller Ehemann lieber daheim in der warmen Stube bleibt. Und Haudegen Arvid (Nils Jørgen Kaalstad) findet sich als Ehemann im gutbürgerlichen Dasein und in seiner Rolle als Ehemann so gar nicht zurecht. Die zweite Staffel der perfekten „Binge-watching“-Serie ist auch bereits abgedreht und wird wohl in Kürze ebenfalls auf Netflix abrufbar sein. Politisch korrekt sind diese „Norsemen“ also nicht, aber genau deshalb sind sie ja auch so erfrischend ...

Die sechs Folgen der ersten Staffel von „Norsemen“ sind über das kostenpflichtige Abo auf Netflix abrufbar.