Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Zapping: „Narcos“: El Pate oder die Geschichte von Pablo Escobar
Wagner Moura verkörpert Pablo Escobar.

Zapping: „Narcos“: El Pate oder die Geschichte von Pablo Escobar

Foto: Netflix
Wagner Moura verkörpert Pablo Escobar.
Kultur 2 3 Min. 11.12.2016

Zapping: „Narcos“: El Pate oder die Geschichte von Pablo Escobar

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
Netflix erzählt mit "Narcos" die blutige Geschichte vom Aufstieg und Fall des legendären Drogendealers Pablo Escobar. Und zugleich vermittelt sie ein Bild von den politischen Verwicklungen des Drogenkriegs.

Von Pol Schock

Als er keinen anderen Ausweg mehr kennt, sucht Pablo Escobar Zuflucht bei jemandem, den er eigentlich nicht mehr sehen wollte – seinem Vater. Abel Escobar lebt zurückgezogen als Bauer auf einer Finca in den Bergen von Kolumbien. Es kommt zu einer beeindruckenden Vater-Sohn-Szene zwischen dem „Kokainkönig“ und dem Kleinbauern.

Pablo Escobar sucht die Konfrontation und will wissen, was sein Vater von ihm hält. Dieser verweigert jedoch eine Antwort und befiehlt ihm beim Schlachten eines Schweins zu helfen. Der Vater sticht tief ins Tier, das herausspritzende Blut landet auf Pablo. Gekränkt von der Abweisung erhebt Pablo seine Stimme: Er sei einer der reichsten Menschen der Welt, er habe den Namen Escobar groß gemacht, der Vater hingegen sei ein ignoranter alter Mann. Abel Escobar blickt daraufhin seinem Sohn tief in die Augen und sagt: „Ich schäme mich: Du bist ein Mörder.“

Die Szene gehört zu den stärksten Momenten der Serie „Narcos“. Doch dazu später mehr. Im Zentrum der Serie steht die Geschichte von Aufstieg und Fall des kolumbianischen Drogenhändlers Pablo Escobar. Skrupellos, machtsüchtig und größenwahnsinnig ging Escobar nicht nur über Leichen – Angst und Terror waren sein Geschäftsmodell. Dadurch wurde er Mitte der 1980er-Jahre zu einem der reichsten, aber gleichzeitig auch gefährlichsten Menschen der Welt. Er industrialisierte die Kokainproduktion und machte damit mehr Geld als er ausgeben konnte. Er versteckte überall in Kolumbien Dollarnoten in alten Häusern oder vergrub sie unter der Erde – wo genau, wusste er irgendwann selbst nicht mehr. Und wie der „Spiegel“ und „d'Land“ berichteten, legte er auch fünf Millionen auf einem Konto in Luxemburg an.

Verflechtung des Drogenkriegs

Während die erste Staffel mehr als 15 Jahre im Leben Escobars beleuchtete, konzentriert sich die Fortsetzung auf seine letzten 18 Monate. Die Macher wechseln dabei stets geschickt Perspektiven und zeigen die Verflechtungen des Drogenkriegs von Polizei, Medien, Drogenkartellen und Bevölkerungen. Ähnlich wie die große HBO-Serie „The Wire“ verzichten sie auf vereinfachende Schwarz-Weiß-Darstellung: „Gut und Böse sind relative Konzepte“, sagt auch DEA-Agent Murphy (Boyd Holbrook) gleich in der ersten Episode, der als Erzähler fungiert. Gemeinsam mit seinem Kollegen Javier Peña (Pedro Pascal) will er Escobar dingfest machen.

Die große Kunst von „Narcos“ liegt jedoch darin, dass die Serie Pablo Escobar als janusköpfige Figur zeigt: Nach Außen ein unberechenbarer Tyrann, der nur über die Sprache der Härte und Gewalt kommuniziert. Die Menschen fürchten ihn – genauso wie sie ihn für seine sozialen Taten, wie den Bau von Krankenhäusern und Schulen, als eine Art „Robin Hood“ verehren. Er lässt mehrere Tausend Widersacher umlegen, tötet sie wenn nötig auch selbst mit bloßen Händen oder verübt gar Bombenattentate auf Flugzeuge und Einkaufszentren.

Nach Innen wirkt er wie eine liebevoller Familienvater, der mit seinem Sohn Fußball spielt und viel Zeit für seine Tochter aufbringt. Durch seine Wertvorstellungen von Treue und Familie erinnert er an die italienischen Mafiosis, wie Don Corleone aus „The Godfather“ oder auch an Tony Soprano der gleichnamigen Serie „The Sopranos“. Gerade deswegen wirkt auch die Vaterszene so stark – denn sie zeigt Escobar als gescheiterten Menschen, der von seinem Vater zurückgewiesen wird.

Zwischen Fiktion und Realität

Hinzu kommt das hervorragende Spiel von Wagner Moura – er verlieht Escobars Figur sowohl Charisma als auch die nötige Unberechenbarkeit – die Körpersprache ist beeindruckend und geht bis hin zu Details wie die markanten schweren Atemzüge.

Nun handelt es sich nicht um den historisch exakten Pablo Escobar. Die Macher haben sich die Freiheit genommen, von der Biografie des „Kokainkönigs“ abzuweichen, wie sie vor jeder Folge ankündigen. Das hat viel Kritik hervorgebracht. Unter anderem von Escobars Sohn Sebastián Marroquín, der vor Jahren einen anderen Namen angenommen hat. Er kritisierte Ungenauigkeiten – die Darstellung seines Vaters stellt er jedoch nicht in Frage.

Bereits die erste Staffel galt 2015 als eine der meistgefeierten Serien. Und die zweite Staffel, die seit September auf der Onlineplattform Netflix zu sehen ist und mittlerweile auch als Download angeboten wird, kann die erste gar noch übertreffen. Zwei weitere Staffeln sind für die kommenden Jahre in Planung.