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Zapping: Legenden lässt man besser ruhen
Kultur 1 2 Min. 27.09.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Legenden lässt man besser ruhen

Adam Pålsson spielt den jungen Wallander, der in Malmö seine ersten Schritte als Polizist macht.

Zapping: Legenden lässt man besser ruhen

Adam Pålsson spielt den jungen Wallander, der in Malmö seine ersten Schritte als Polizist macht.
Foto: Netflix / J. Paulin
Kultur 1 2 Min. 27.09.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Legenden lässt man besser ruhen

Marcel KIEFFER
Marcel KIEFFER
Neflix‘ „Der junge Wallander“ oder der gescheiterte Versuch, eine zeitlose Romanfigur nachzuzeichnen

Frage: Wie unternimmt man bei einem Serienprojekt einen Zeitsprung von mindestens 50 Jahren in die Vergangenheit, ohne auf Smartphones, Laptops und schnittige moderne Autos zu verzichten, und will dabei gleichzeitig den Zuschauer von der Kohärenz und Glaubwürdigkeit des Unternehmens überzeugen?

Antwort: Am besten gar nicht, denn es kann nicht klappen! So kläglich scheitert denn auch bereits mit den ersten Sequenzen die neue britisch-schwedische Crimeserie „Der junge Wallander“ an dem eigenen Anspruch, an die Historie einer legendären Literatur- und Filmfigur anzuknüpfen und diese um die Dimension ihrer eigenen Vorgeschichte zu bereichern. Nach der ersten, sechsteiligen Staffel steht nur eins umso eindeutiger fest: Wo Wallander draufsteht, ist noch längst nicht Mankell drin!  

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Um den jungen Wallander geht es in dieser neuen Netflix-Serie und seine auf Ende der sechziger Jahre datierten Anfänge bei der Polizei Malmö, die allerdings aufgrund einer nicht nachvollziehbaren inszenatorischen Idee in die heutige Gegenwart zurück projiziert wurde (was soll das?). 


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Allerdings darf man zudem nicht zu sehr mit der Geschichte des von Henning Mankell geschaffenen und zur zeitlosen literarischen wie filmischen Figur gewordenen Wallander vertraut sein, um dieser größtenteils von Ben Harris („Devils“”, „Dream Team“, „Marcella“) geschriebenen und produzierten Serie ein Minimum an positiven Eindrücken abzugewinnen. Eigentlich kann sie nur dann irgendwie gefallen, wenn man sie sich ohne jegliches Vorwissen um den unsterblichen Kommissar aus Ystad zu Gemüte führt.

Eine beliebige Geschichte

Schon die Geschichte ist ziemlich beliebig und erinnert bis auf wenige Details kaum bis gar nicht an die berühmte Vorlage. Als junger, idealistischer und – zugegeben – sehr talentierter Polizist bekommt Kurt Wallander (Adam Pålsson) es mit der Aufklärung eines grausam inszenierten Mordes in einem von kriminellen Jugendgangs umkämpften Vorort von Malmö zu tun, in dem er selber wohnt. Angeleitet und in seinem jugendlichen Eifer von den beiden erfahrenen Kollegen Frida Rask (Leanne Best) und Hauptkommissar Hemberg (Richard Dillane) ermutigt, recherchiert er unerschrocken über die Hintergründe einer Tat, bei der es offensichtlich auch um rechtsextremen Hass auf Asylanten und viel sozialen Sprengstoff geht.


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Als er bei seinen Nachforschungen immer wieder auf Verbindungen zu der steinreichen schwedischen Unternehmerfamilie Munck stößt, nähert er sich einem Milieu, in dem ganz eigene Gesetze und Praktiken herrschen.

Es war zweifellos ein couragiertes Unterfangen der Macher dieser Serie, ihren Wallander-Darsteller, den schwedischen Schauspieler und Musiker Adam Pålsson (übrigens der einzige Schwede im gesamten Casting), dem sich zwangsläufig aufdrängenden Vergleich mit den großartigen Interpreten des „echten“ Wallander – Krister Henriksson, Kenneth Branagh und Rolf Lassgård – auszusetzen. 

Der Eigenbrötler bricht immer wieder durch

Auch wenn es dem jungen Nachfolger zeitweilig gelingt, der Figur durch eine bedächtige Mimik und eine reflektierte Introvertiertheit eine gewisse Tiefe zu verleihen, ist das Experiment letztlich zum Scheitern verurteilt. Immer wieder dringt das Bild des eigenbrötlerischen, von Einsamkeit und Zweifeln geplagten und trotz allem charismatischen Originals durch, dem nun einmal diese neue, sich vor allem an Äußerlichkeiten orientierende Version in keiner Weise gerecht wird.


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An Legenden rührt man nun einmal nicht. Und wenn man es doch und vor allem dann tut, weil man sich von der Anlehnung an das berühmte Vorbild einen positiven Publicity-Effekt für das eigene Projekt verspricht – tatsächlich bleibt der Name Wallander eine feste Größe oder auch eine starke Marke im Film- und Literaturgeschäft (vergessen wir nicht, dass er als Romanfigur geboren wurde!) –, dann wird in letzter Konsequenz das Scheitern nur umso wahrscheinlicher.

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„Der junge Wallander“ ist als sechsteilige Serie auf Netflix abrufbar.

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