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Zapping: "I LoveDick": Der weibliche Blick schlägt zurück
Chris (Kathryn Hahn) ist von Dick (Kevin Bacon,r.) fasziniert.

Zapping: "I LoveDick": Der weibliche Blick schlägt zurück

Foto: Amazon
Chris (Kathryn Hahn) ist von Dick (Kevin Bacon,r.) fasziniert.
Kultur 2 3 Min. 30.07.2017

Zapping: "I LoveDick": Der weibliche Blick schlägt zurück

Darf man Begierde so schmerzhaft genau sezieren? Amazon macht aus dem literarisches Feminismusmanifest "I love Dick" zum Serien-Highlight. In einer der Hauptrollen: "Footloose"-Star Kevin Bacon.

Von Kathrin Schug

Als die Künstlerin Chris Kraus vor 20 Jahren ihr Buch „I Love Dick“ vorlegte, war die Empörung groß: Darf man so unzensiert über eine biografische Begebenheit berichten? Darf man Begierde so schmerzhaft genau sezieren? 

 Als die Künstlerin Chris Kraus vor 20 Jahren ihr Buch „I Love Dick“ vorlegte, war die Empörung groß: Darf man so unzensiert über eine biografische Begebenheit berichten? Darf man Begierde so schmerzhaft genau sezieren? Heute macht Amazon eine Serie daraus. Darf man die Grenzen literarischer Genres so freimütig überschreiten? Dabei war unterschwellig natürlich immer gemeint: Darf eine Frau das? Heute gilt „I Love Dick“ als literarischer Meilenstein und wichtiges feministisches Manifest. Pünktlich zum Erscheinen der deutschen Übersetzung wurde das Werk von Amazon als Serie adaptiert. In enger Zusammenarbeit mit der Autorin hat Regisseurin Jill Soloway eine Serie geschaffen, die den scharfsinnigen Geist des Buches einfängt und mit viel Witz in betörend schöne Bilder übersetzt.

Ihren Anfang nimmt die Geschichte in der Ehe des Akademiker-Ehepaars Sylvère (Griffin Dunne) und Chris (Kathryn Hahn), die intellektuell eng verbunden sind, deren Liebesleben nach einem vielversprechenden Anfang jedoch zum Erliegen gekommen ist. In dieser Verfassung reisen sie gemeinsam in eine texanische Künstlerkolonie, wo Sylvère auf Einladung seines Kollegen Dick (Kevin Bacon) sein Buch vollenden will. 

Dort angekommen, reicht ein einziger Blick in die durchdringenden Augen des Gastgebers, um Chris in seinen Bann zu ziehen. Dick – dessen Name sowohl die Abkürzung des Namen Richard als auch eine vulgäre Bezeichnung für das männliche Glied oder eine wüste Beschimpfung bedeuten kann – scheint all das in sich zu vereinen, was ihr intellektueller, aber täppischer Ehemann vermissen lässt: Ein raubeiniger Künstler-Cowboy, der Selbstgedrehte raucht, auf einem Pferd in die Stadt einreitet, ohne Umwege sagt, was er will und sich das auch nimmt. Die Karikatur eines Kerls, so überzeichnet wie der Marlboro-Mann.

Menage à Trois

Die acht halbstündigen Episoden folgen dem Verlauf dieser schicksalhaften Menage à Trois, die das Leben aller Beteiligten tüchtig durcheinanderrüttelt. Interessant wird die Serie durch die Analyse der Dialektik von Chris' Begehren: Ihr Selbstbild als „Hardcore-Feministin“ (wie sie sich selbst bezeichnet) ist erschüttert, als sie sich eingestehen muss, dass ein Mann „die Fassade, die ich mir über Jahre hinweg aufgebaut habe, mit einem einzigen Blick zunichte machen konnte“. 

Die Erzählung nimmt konsequent die Perspektive der Frau ein und verhandelt das Thema der weiblichen Selbstbestimmung auf mehreren Ebenen: Das Ringen um eine autonome künstlerische Formensprache, der Umgang mit der Arroganz der männlich dominierten (Kunst-)Welt und nicht zuletzt die Souveränität, die eigene Identität zu definieren.

Universum literarischer und popkultureller Referenzen  

Nicht nur inhaltlich, auch formell nimmt Soloway Anleihen an Kraus' Buch: Auszüge aus Chris‘ Liebesbriefen, die ein zentrales erzählerisches Element sind, werden in typografischen Stills eingeblendet. Schlaglichtartige Zwischenschnitte verweisen auf das reiche Universum literarischer und popkultureller Referenzen, von denen die Vorlage durchzogen ist. Niemals verbissen und getragen von einem klugen, hintersinnigen Humor.

In einer Szene erklärt Dick in schönster chauvinistischer Herablassung mit einem süffisanten Grinsen, dass Filme von Frauen nun einmal einfach nicht so gut seien wie die von Männern. Chris kontert das mit einem Namedropping fantastischer Produktionen von Frauen. Für die nächste Begegnung mit Vertretern dieser Art hat man jetzt ein weiteres Argument in der Hinterhand: „I love Dick“ setzt Maßstäbe – ästhetisch, erzählerisch und inhaltlich.

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„I Love Dick“ – alle Folgen verfügbar auf Amazon.


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