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Zapping: Historienfresko in Pappmaché
Kultur 1 2 Min. 12.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Historienfresko in Pappmaché

Selbst bekannte Namen wie Katja Riemann (2.v.r.) können die Schwächen des Drehbuchs nicht ausbügeln.

Zapping: Historienfresko in Pappmaché

Selbst bekannte Namen wie Katja Riemann (2.v.r.) können die Schwächen des Drehbuchs nicht ausbügeln.
Foto: ARD
Kultur 1 2 Min. 12.04.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Historienfresko in Pappmaché

Marcel KIEFFER
Marcel KIEFFER
Wie die ARD mit „Unsere wunderbaren Jahre“ den Ernst der Geschichte verkennt.

„Was ist aus uns geworden?“, singt Hans Albers in einer stimmungsschwangeren Szene, und tatsächlich dürfte das von der ARD ausgestrahlte Historiendrama über die vermeintlich „wunderbaren Jahre“ in Deutschland zwischen Kriegsende und Aufbruch ins Wirtschaftswunder den vom Hamburger Barden angesprochenen deutschen Zuschauer bei dem Versuch überfordern, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, von der eigene Erfahrungen oder die kollektive Geschichte ihm ganz andere Attribute nahegelegt haben. Tatsächlich kann diese seichte, allzu schablonenhaft angelegte Familiensaga dem Anspruch eines ernsthaften Zeit- und Gesellschaftsporträts in keiner Weise gerecht werden. Nicht einmal als kurzweilige Ablenkung in komplizierten Quarantäne-Zeiten (oder gar als gute Alternative zur zahlungspflichtigen Streaming-Konkurrenz) kann diese aufwendig produzierte Verfilmung des gleichnamigen Romans von Peter Prange durchgehen.

Worum geht es? Um die Geschichte einer sauerländischen Industriellenfamilie, deren gebieterischem Oberhaupt Eduard Wolf (Thomas Sarbacher) nichts erspart bleibt, um das wankende Metallunternehmen nach Kriegsende vor dem Untergang zu retten.

Die Geschichte beginnt im Jahr 1948. Es ist die Zeit, in der Kriegsgewinnler und Wendehälse eine neue Chance wittern, während für Mitläufer und überführte Kollaborateure die Stunde der Sühne geschlagen hat.

Für die scheinbar unbescholtene Industriellenfamilie hängt nun die Zukunft vom Wohlwollen des britischen Militärgouvernements ab ebenso wie von den in den Berliner Puffs geschmiedeten Intrigen korrupter Geschäftemacher.

Großes Potenzial verspielt

So sehr auch von der historischen Kulisse dieser Serie ein besonderes Potenzial ausgeht – was wäre aus diesem prägenden Momentum deutscher Geschichte nicht alles an kontroverser Thematisierung zu schöpfen gewesen! –, so flagrant versagt das in diesem Fall alles entscheidende Drehbuch von Florian Puchert und Robert Krause, das keinen Platz lässt für nuancenreiche Figurenzeichnung und eine subtile Darstellung der sowohl kollektiven als auch individuellen Schuldfrage der Deutschen.

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Stattdessen beschränkt es sich auf die simplistischen Biografien der drei Töchter des Patriarchen und auf die Frage, ob und wie sie, im Verein mit der konturlos gezeichneten und von Katja Riemann wenig überzeugend gespielten Mutterfigur, das Familienunternehmen retten können, nachdem der von der eigenen Duplizität in den Selbstmord getriebene Vater es ihnen unter ungünstigsten Vorzeichen überlassen hat.

Obwohl sie unterschiedlicher kaum sein könnten – die jüngste, rebellische Tochter Ulla (Elisa Schlott), die verschlossene und vom Vater unterschätzte Gundel (Vanessa Loibl) oder auch die älteste, emotional dem untergegangenen Dritten Reich verbundene Margot (Ana Maria Mühe) – im Endeffekt reduziert sich ihre Geschichte auf ihre jeweiligen amourösen Abenteuer, die sich nur allzu oberflächlich in den historischen Kontext einfügen.

Wie ein Historienfresko in Pappmaché wirkt diese Auftragsproduktion von WDR und ARD, die ihre schwächsten Momente in der flagranten Flachheit der Charakterzüge der Personen sowie in einer allzu raschen Abfertigung der für die Glaubwürdigkeit der Gesamthandlung elementaren Kontexte erfährt.

Der mutige, aber seinem eigenen Glück selbst im Weg stehende Arbeiterheld Tommy (David Schüttler), der gewiefte Charmeur Benno (Franz Hartwig), der sich vom kritischen Apothekersohn zum ehrgeizigen Politiker entwickelnde Jürgen (Ludwig Trepte) sowie der mit allen Wassern gewaschene Ex-Nazi und Geschäftemacher Walter Böcker (Hans-Jochen Wagner) – auch die männlichen Parts der das Maximale aus der schwachen Figurenzeichnung herausholenden Besetzung decken manche der im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland repräsentativen Menschencharaktere ab.

Doch auch ihnen gelingt es nicht, die Serie aus der Seichtheit ihrer thematischen Untiefen zu erheben, die dann auch noch in einen banalen und eiligst zusammengeflickten Schluss mündet.

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„Unsere wunderbaren Jahre“ ist als sechsteilige Serie in der ARD-Mediathek zu sehen.

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