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Zapping: „Harlots“ : Senkrechtstart im horizontalen Gewerbe
„Harlots“ emanzipiert sich überraschend schnell und wirkungsvoll vom Klischee des (Un)Sittengemäldes.

Zapping: „Harlots“ : Senkrechtstart im horizontalen Gewerbe

Foto: Hulu
„Harlots“ emanzipiert sich überraschend schnell und wirkungsvoll vom Klischee des (Un)Sittengemäldes.
Kultur 1 3 Min. 23.04.2017

Zapping: „Harlots“ : Senkrechtstart im horizontalen Gewerbe

Pol SCHOCK
Pol SCHOCK
Schwaches Geschlecht? Von wegen! „Harlots“ präsentiert starke weibliche Figuren, die sich durch Prostitution eine bessere Zukunft aufbauen wollen.

Von Vesna Andonovic

Sogar Jack the Ripper würde sich bei diesen „Harlots“ – was übersetzt soviel wie „Dirnen“ bedeutet – wohl ein Stückweit unterlegen, ja geradezu entmannt fühlen: Denn Margaret Wells und ihre Mädchen sind – ebenso wenig wie Margarets Widersacherin Lesley Manville – alles andere als Vertreterinnen des „schwachen“ Geschlechts, geschweige denn nur Opfer des Systems. Sie verfolgen alle das eine, einzige Ziel: Sich durch das (knochenharte) Geschäft im Rotlichtmilieu ein kleines Plätzchen auf der Sonnenseite des Lebens zu sichern. Dass sie dafür ihre Reize verkaufen müssen, nehmen sie mit gleichmütiger Abgeklärtheit hin. „Geld bedeutet Freiheit für eine Frau“ – so das Motto.

London, 1763, Margaret versteigert gerade die Jungfräulichkeit ihrer jüngsten, Tochter Lucy (Eloise Smyth) gegen Bares. Sie braucht das Geld – und zwar dringend, um sich mit ihren Mädchen in der Greek Street, inmitten des Londoner Stadtteils Soho zu etablieren. Ein kleiner sozialer Aufstieg, der ihrer Konkurrentin und ehemaligen Chefin Lesley Manville, die unweit von Margarets neuem Etablissement einen Edelpuff im Golden Square leitet, ein Dorn im Auge ist.

Im Gegensatz zu den Herren, unter denen ein Schlag unter die Gürtellinie in gegenseitigem Einvernehmen tabu ist, wird im horizontalen Gewerbe mit harten Bandagen gekämpft – denn die Samthandschuhe der Damen bergen eine stählerne, eiskalte Hand.

Statt sich auf die Zulieferung von Inhalten durch Dritte zu verlassen – und so von ihnen abhängig zu sein, macht die Streaming-Plattform Hulu es, in Zusammenarbeit mit ITV, der Konkurrenz Netflix nach und produziert mit „Harlots“ nun eine eigene Serie.

Reißerischer kann man sich deren Kulisse nicht vorstellen: Rotlichtmilieu vor historischem Hintergrund mit allen denkbaren Klischees, die sich sogleich vor dem geistigen Auge materialisieren. Bemerkenswert leichtfüßig setzt sich „Harlots“ jedoch über all diese Vorurteile hinweg und verblüfft mit der Art, wie es Humor und Empathie mit einer durchaus von Modernität und Relevanz geprägten Auseinandersetzung mit der Prostitution verbindet.

Die eigentliche Tour de Force ist, wie spielerisch „Harlots“ sich von der impliziten Klischeevorstellung emanzipiert. Dass dabei gerade richtige Frauenpower hinter der Produktion steckt, überrascht zweifelsohne: Die Serienmacherinnen Moira Buffini und Alison Newman setzen nämlich auch hinter der Kamera auf weibliches Einfühlungsvermögen und haben mit Coky Giedroyc, China Moo-Young und Jill Robertson ebenfalls drei Regisseurinnen verpflichtet.

Wahrscheinlich ist es dann auch gerade diese ungewöhnliche Kombination aus feministisch geprägter Sicht des 21. Jahrhunderts und dem gepflegt gestalteten 18. Jahrhundert-Setting der „Harlots“, der die Serie sehenswert macht.

Downton Abbey im Puff

Die klassischen Klischees, die in der ersten haben Stunde der ersten Folge eines nach dem anderen schön brav aufgereiht werden, machen nämlich sehr schnell einem recht eigenwilligen visuellen Stil mitsamt überaus gelungener Charakterzeichnung der Figuren Platz, die sich beide ganz in den Dienst mehrerer Erzählstränge sprich Schicksale stellen.

Samantha Mortons Darstellung von Margaret Wells bietet einen soliden Ankerpunkt, um den herum ihre und die Geschichte der anderen Protagonisten sich zügig entwickeln. Jessica Brown Findlay, die ihre ältere Tochter Charlotte und selbst etablierte Prostituierte spielt, zeigt sich kantiger und vielschichtiger als in ihrer Rolle der Lady Sybil in „Downton Abbey“. Auch Lesley Manville als Edelpuff-Madame Lydia Quigley gibt eine spannend vielschichtige Widersacherin.

Komponist Rael Jones verpasst, dank seiner „Sherlock“- und „Wallander“-Serienerfahrung, „Harlots“ einen frischen Look, der die altmodische Patina regelrecht in aufgemotztem Licht erstrahlen lässt. Ein vielversprechender Start, der neugierig auf die Weiterentwicklung der Figuren und ihrer Geschichten macht.

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Die drei ersten Folgen der ersten Staffel von „Harlots“ sind auf der Streaming-Plattform Hulu abrufbar. Wöchentlich kommt jeweils mittwochs eine Episode hinzu.