Zapping: "Gypsy"

Der verführerische Charme fremder Seelenqual

Die Psychologin Jean Holloway (Naomie Watts) bricht aus dem 
sorgenfreien Berufs- und Familienleben aus, hinein in die anstrengend-
verführerischen Konfliktwelten ihrer Patienten.
Die Psychologin Jean Holloway (Naomie Watts) bricht aus dem 
sorgenfreien Berufs- und Familienleben aus, hinein in die anstrengend-
verführerischen Konfliktwelten ihrer Patienten.
Foto: Netflix

Von Marcel Kieffer

Wenn die Neurosen der Anderen sich im eigenen Leben einschleichen, dann gerät aus der Bahn, was bis dahin ordentlich und geregelt erschien. Für die Psychologin Jean Holloway wird in der Netflix-Serie „Gypsy“ das Spiel mit dem Feuer zum inneren Höllenritt.

Auf dem bisher reich gepflasterten Genre des psychologischen Thrillers hat Netflix nun mit „Gypsy“ versucht, neue Wege zu gehen. Mit der zumindest für die ersten beiden Folgen (sowie für ein insgesamt gelungenes Casting) verpflichteten Macherin von „Fifty shades of grey“, Sam Taylor-Johnson, hat man sich, zur Umsetzung des Drehbuchs der talentierten Lisa Rubin, eine absolute Expertin des erotischen Fachs an Bord geholt.

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Im darstellerischen Teil ließ die mehrfach Oscar-nominierte Naomi Watts in der Hauptrolle der mit dem Frust im eigenen ehelichen und beruflichen Leben kämpfenden Psychologin Jean Holloway die höchsten Erwartungen zu. Herausgekommen ist tatsächlich eine Produktion, die von ihrer Thematik her den Zuschauer zu fesseln versteht und ihn in existenzielle Gedankenwelten entführt, die am Ende eine evidente, hinter der Banalität des Alltags kaschierte Bedrohlichkeit suggerieren.

Wie schnell spielerische Realitätsflucht in nur allzu reale Seelenqualen münden kann, zeigt der der leise, allmähliche, aber stete Absturz der Psychotherapeutin Jean Holloway, die von ihrem bürgerlichen Alltag gelangweilt, den nicht nur beruflich fatalen Fehler begeht und sich in die psychischen Konfliktzonen ihrer Patienten hinein begibt.

Ob es das schwierige Verhältnis von Claire zu ihrer längst erwachsenen Tochter Rebecca ist, oder die schweren Drogenprobleme der instabilen Allison, die Therapeutin Jean taucht hinter dem Rücken ihrer Patienten in deren nur allzu realen Konflikte und Probleme ein und gerät dabei immer mehr in Situationen, in denen sie nicht nur ihre Professionalität und Berufsethik aufs Spiel setzt, sondern schließlich auch ihre persönliche und menschliche Integrität verliert.

In Erwartung des wahren Glücks

Aus der therapeutischen Beratung des in seinem Liebesleben verwirrten Sam (Karl Glusman) entsteht so die Faszination und schließlich die in zunehmendem Maße völlig halt- und hemmungslose Liebesaffäre mit der jungen, manipulativen Sidney. Das geregelte, materiell sorglose Leben der Hausfrau und Mutter Jean gerät so immer mehr aus den Fugen. Die anfänglich spielerische Affäre führt die Therapeutin immer weiter weg von den stabilen Pfaden ihrer beruflichen und familiären Existenz hinein in eine fiktive, mit immer mehr und größeren Lügen aufrecht erhaltene Doppelidentität, hinter der sich jedoch die Erwartung des echten Glücks verbirgt.

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„Gypsy“ ist kein Psycho- oder gar Erotik-Thriller in der Art von „The Affair“ oder „Doctor Foster“, in denen ebenfalls der Aspekt des „Fremdgehens“ in seiner ganzen dramatischen Intensität thematisiert wird. Hier drängt sich, thematisch gekonnt in die vordergründig unspektakuläre Handlung integriert, die Frage der Authentizität der eigenen Lebensgestaltung, der persönlichen Willensfreiheit und letztlich der fließenden Grenzen zwischen innerer und äußerlicher Identität. „Ich weiß nicht mehr, wer mein echtes Ich ist und wer ich sein möchte“, sagt Jean, die letztlich in ihrer Zwischenexistenz zwischen realer und fiktiver Lebenswelt vor den Scherben ihrer Ehe und beruflichen Existenz steht.

Die zehnteilige Serie, in der neben Naomi Watts vor allem Billy Crudup in der Rolle ihres Ehemanns Michael zu gefallen weiß, weist stellenweise Längen sowie manche allzu sprunghafte Erzählstränge auf und geht auch nicht spurlos am Gemüt des Zuschauers vorbei. In der Erwartung immer wieder ausbleibender dramatischer Effekte schwankt er zeitweise zwischen Langeweile und ungeduldiger Erwartung, letztlich aber setzt sich der positive Eindruck einer geschickt inszenierten Subtilität durch, die ihn mit der Erkenntnis konfrontiert, dass vor den Versuchungen existenzieller Sinnfragen niemand gefeit ist.

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„Gypsy“ ist als zehnteilige Serie auf Netflix abrufbar.