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Zapping: "Godless": „High noon“ im Land ohne Gott
Der brutale, mystisch verklärte Bandenführer Frank Griffin wird von Jeff Daniels gespielt.

Zapping: "Godless": „High noon“ im Land ohne Gott

Foto: Netflix
Der brutale, mystisch verklärte Bandenführer Frank Griffin wird von Jeff Daniels gespielt.
Kultur 1 3 Min. 21.01.2018

Zapping: "Godless": „High noon“ im Land ohne Gott

Marcel KIEFFER
Western-Romantik hat noch immer Konjunktur. Mit „Godless“ beweist Netflix, dass bewährte Themen nicht notwendigerweise nach altem Muster bedient werden müssen, auch wenn es, wie eh und je, um den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse geht.

„Godless“ bietet Western vom Allerfeinsten – wobei von Romantik im eigentlichen Sinne dabei keine Rede sein kann. Ausflüge in das so sehr von Stereotypen überlagerte, modernen filmischen Ansprüchen an Fantasie und Technik scheinbar zuwiderlaufende Western-Genre, sind immer ein Risiko, es sei denn, man geht meisterhaft vor.

Das Geheimnis des Erfolgs ist dabei seit den großen Zeiten von Fred Zinnemann, William Wyler, John Ford oder Robert Aldrich dasselbe geblieben: das sich mit der bildhaften Monumentalität der Kulisse, der ebenso scharfen wie simplen Charakterzeichnung der Figuren sowie der Faszination einer rauen Abenteuerromantik verbindende, stets an die moralischen Grundbedürfnisse des Zuschauers appellierende Gegenspiel von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Tod und (Über)Leben, Scheitern und Erfüllung.

Wobei die filmischen Rezepte ebenso simpel wie zeitlos effizient geblieben sind: starke Bilder, kantige Charaktere, eine von Ton, Musik und Sprache geschickt gezeichnete Atmosphäre sowie eine auf eine alles entscheidende Konfrontation hinauslaufende Handlung. All das zeichnet die neue von Netflix produzierte, erstklassig besetzte Westernserie „Godless“ aus und lässt in deren Macher Scott Frank, der als Drehbuchautor und Regisseur sämtlicher Episoden auftritt, einen Meister seines Fachs erkennen.

„Godless“: der Titel ist Programm. Bereits mit dem einleitenden Pilotfilm tut sich eine in grau-dunkle Farben getauchte Welt ohne Gott auf. Dabei haben die Handlung wie auch ihre mit zum Teil schockierendem Realismus umgesetzte Inszenierung etwas von jenem entmystifizierenden Charakter, mit denen gerade jüngere Produktionen des Genres im Filmformat – man denke an Quentin Tarantinos „Django Unchained“ – der verklärten Westernromantik aus früheren Zeiten zu Leibe rückt. Der Titel verheißt dabei denn auch jene Authentizität eines historisch belegten, gnadenlosen Überlebenskampfes, die nur noch durch die Drastigkeit der Bilder unterstrichen wird.

Wir befinden uns im Jahr 1884, im wahren Westen, in New Mexiko, und werden Zeuge einer todesschwangeren Konfrontation von Gut und Böse. Der brutale, mystisch verklärte Bandenführer Frank Griffin (Jeff Daniels) ist auf der Suche nach seinem einstigen Zögling und Komplizen Roy Goode (Jack O’Connell), um blinde Rache an ihm zu üben. Goode, reumütig und zum Guten bekehrt, hatte ihm die Gefolgschaft gekündigt und um die Beute eines Zugraubs gebracht.

Pulver, Blut und kantige Gestalten

Eine fürchterliche Blutspur hinter sich herziehend – sie hatten die ganze Stadtbevölkerung von Creede zu Tode gelyncht – versuchen Griffin und seine Mordgesellen nun Roy Goode aufzuspüren. Dieser ist in der Kleinstadt La Belle, die quasi nur noch von Frauen bewohnt ist, nachdem ein schreckliches Minenunglück sie dort alle zu Witwen gemacht hat. Auf der Ranch der attraktiven, alleinstehenden Alice Fletcher (Michelle Dockery), die ihre amerikanisch-indianische Patchwork-Familie gegen allenthalben drohende Todesgefahren mit der Waffe in der Hand verteidigt, stellt er sich seinem Schicksal.

Als der nur allzu sehr auf sich allein gestellte Verteidiger des Rechts und Beschützer der Bevölkerung von La Belle tritt zudem die heroische Gestalt des Marshall John Cook (Sam Waterston) auf, der in dem einst heldenhaften, nun aber langsam erblindeten Sheriff Bill McNue (Scoot McNairy) keine große Hilfe mehr hat.

Mit zunehmender Spannung treibt die Handlung auf das unvermeidliche „High noon“ hin. Das Finale gerät zu einem fulminanten epischen Höhepunkt, in einem Land ohne Gott, dem „Paradies der Heuschrecken, Eidechsen und Schlangen, das Land der Klingen und Gewehre, ohne Recht und Ordnung“ (Frank Griffin).

Bei den vielen Stärken von „Godless“ überwiegen neben der handwerklichen Perfektion in der filmischen Umsetzung vor allem die überzeugende darstellerische Charakterzeichnung der Figuren durch ein hochrangiges Casting, wobei der bewusst langsame Erzählstrang und die Bedachtsamkeit der Dialoge und Bilder, bis hin zu einer greifbaren Authentizität der Originalstimmen, jede Szene zu einer geradezu sinnlichen Erfahrung machen.

Die echten Freunde des Westerns werden an „Godless“ ihre Freude haben.