Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Zapping: Gemächlich durch Schnee und Eis
Kultur 1 3 Min. 21.06.2020

Zapping: Gemächlich durch Schnee und Eis

André Layton (Daveed Diggs) wird als Klassenloser von den Zughostessen Ruth (Alison Wright) und Melanie (Jennifer Connelly) mit der Aufklärung von zwei Morden betraut (v.l.n.r.).

Zapping: Gemächlich durch Schnee und Eis

André Layton (Daveed Diggs) wird als Klassenloser von den Zughostessen Ruth (Alison Wright) und Melanie (Jennifer Connelly) mit der Aufklärung von zwei Morden betraut (v.l.n.r.).
Foto: Netflix
Kultur 1 3 Min. 21.06.2020

Zapping: Gemächlich durch Schnee und Eis

Marc THILL
Marc THILL
Nach dem Comic und dem Film nun die Netflix-Serie „Snowpiercer“, der es aber an Biss fehlt.

Klimawandel, Kriege und Katastrophen – die Menschheit geht daran zugrunde. Wissenschaftler starten einen allerletzten Versuch, um den Kollaps doch noch abzuwenden – sie wollen die Erde künstlich abkühlen, versprühen einen Wirkstoff in der Atmosphäre, doch das Experiment scheitert. Eine plötzliche Eiszeit löscht nun jedes Leben aus und nur einige schaffen es noch rechtzeitig auf einen endlos fahrenden Zug, den der visionäre Mr. Wilford entworfen hat. Dieser Zug ist eine moderne Arche, rast wie ein Perpetuum mobile rund um den Erdball und bahnt sich seinen Weg durch Gletscher und Lawinen.

An Bord herrscht aber nicht unbedingt Glückseligkeit, es ist eine Welt im Kleinen, in der es auch Reiche und Mächtige, Arme und Verstoßene, Helden und Feiglinge gibt. Kurzum, es ist ein Zug der Gewalt, der Sünde und der Klassentrennung.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Die neue Netflix-Serie „Snowpiercer“ ist ein Reboot des gleichnamigen Films von Bong Joon-Ho, dem gefeierten südkoreanischen Filmregisseur, dessen „Parasite“ nach der Goldenen Palme in Cannes im Frühjahr mit vier Oscars – bester Film, beste Regie, bestes Drehbuch und bester fremdsprachiger Film – ausgezeichnet wurde.

„Snowpiercer“ hat aber noch eine andere Vorgeschichte, die bereits in der Welt des französischen Comics beginnt. Jacques Lob und Jean-Marc Rochette haben ihren „Transperceneige“ in den 1980er-Jahren als Graphic Novel abfahren lassen, zu einer Zeit, in der die Erderwärmung noch kein Thema war. Reminiszenzen an diesen Comic gibt es daher sowohl im Film als nun auch in der Serie.

So hat Bong Joon-Ho einen Klassenlosen zu einem Maler gemacht, der die Revolten an Bord des Zuges mit seinen Farbstiften dokumentiert und dessen Bilder auch als filmisches Stilmittel genutzt werden – dargestellt wird dieser Maler übrigens vom Comiczeichner Jean-Marc Rochette selbst.

Die Serie erinnert auch an die Graphic Novel, indem sie zunächst den Rahmen zur Geschichte in Form eines Zeichentrickfilms erzählt, auch das ist ein Verweis auf das ursprüngliche Comicbuch. Und es gibt noch einen zusätzlichen „clin d’oeil“, ebenfalls in Richtung des Zeichners Jean-Marc Rochette – einer der drei Sicherheitsbeamten im Zug trägt den Namen Roche.

Kult-Comic, Film, Serie

Vor Bong Joon-Ho war „Transperceneige“ nur Insidern des postapokalyptischen Science Fiction ein Begriff und erst danach wurde daraus ein Kult-Comic. 2013 kam der Film in die Kinos, 2015 brachte der Verleger Casterman mit „Terminus“ eine Fortsetzung zum „Transperceneige“ heraus, vor einem Jahr erschien dann ein Prequel in zwei Alben, „Extinctions“ und „Apocalypse“.

Die Geschichte um die unheimliche Zugarche in der eisigen Kälte hat sich demnach über viele Jahre in ganz unterschiedliche Richtungen entwickelt, was es den Drehbuchautoren der Serie nun erlaubt, aus dem Vollen zu schöpfen. Die erste Staffel umfasst zehn Folgen, fünf sind inzwischen auf Netflix abrufbar, jeden Montag kommt eine weitere hinzu, und eine zweite Staffel ist bereits fest eingeplant.

Die Serie ist vielschichtiger als der Film, der sich in einer sehr linearen Erzählung ausschließlich auf den Klassenkampf und die Rebellion an Bord konzentriert. Am Ende lässt Bong Joon-Ho zwei Zuginsassen überleben, eine Asiatin und einen Afrikaner. Er hat seinen Film demnach auch als Allegorie ausgelegt, die Autoren der Serie erzählen dafür eine realistischere Geschichte, wobei der Klassenkampf aber leider zu kurz kommt. Unterschiedliche Register werden gezogen, – Dystopie, Thriller, Survival- und Sozialgeschichte – einige zu viel.

Manche, die vom Film begeistert waren, werden sich deshalb vielleicht mit der Serie schwertun. Ihnen fährt der Zug bisweilen zu gemächlich. Aber man muss der Serie zugute halten, dass auch sie es schafft, die Zugarche immer wieder als Abbild unserer Gesellschaft darzustellen, und man kann darin die westliche Welt erkennen, die sich gegen Migration abschottet. Sichtbar wird die Doppelmoral: Migranten werden auf Distanz gehalten, als Sklaven aber aufgenommen – mit ihnen werden Schwarzmarkt, Drogenhandel und Prostitution organisiert.

Bei der Musik fahren die Serienmacher übrigens auf der zur Geschichte passenden Nostalgiewelle und haben alte Lieder ausgegraben wie etwa von Murray Head „Say It Ain’t So Joe“, einen politischen Song über den Watergate-Skandal in den USA.

Die fünf ersten Folgen der ersten Staffel von „Snowpiercer“ sind auf Netflix abrufbar. 

Folgen Sie uns auf Facebook und Twitter und abonnieren Sie unseren Newsletter.


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Die Oscar-Gewinner im Überblick
Überraschung bei den Oscars: Die südkoreanische Satire „Parasite“ gewinnt als erste nicht-englischsprachige Produktion den Preis für den besten Film.
TOPSHOT - (L-R) Best Actor Joaquin Phoenix, Best Actress Renee Zellweger and Best Supporting Actor Brad Pitt pose in the press room with their Oscars during the 92nd Oscars at the Dolby Theater in Hollywood, California on February 9, 2020. (Photo by FREDERIC J. BROWN / AFP)
Vier Oscars für das Kinomärchen „Shape of Water“
Monster, Fabelwesen und Außenseiter haben es dem mexikanischen Regisseur Guillermo del Toro besonders angetan. Mit „Shape of Water“ setzt er ein anrührendes Statement gegen Arroganz und Intoleranz und holt vier Oscars - darunter den für den besten Film.
Director Guillermo del Toro poses in the press room with the Oscars for best picture and best director during the 90th Annual Academy Awards on March 4, 2018, in Hollywood, California.  / AFP PHOTO / FREDERIC J. BROWN
Zapping "Stranger Things": Die ewigen Achtziger
Im vergangenen Jahr konnte Netflix einen überraschenden Coup landen: „Stranger Things“ wirkte wie eine vertraute Serie aus den Achtzigern, ohne jedoch Kopie zu sein. Die zweite Staffel knüpft nahtlos an die Qualität der ersten an.
stranger things