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Zapping: Ein genialer Schachzug
Kultur 1 2 Min. 13.12.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Ein genialer Schachzug

Zug um Zug erobert sich Beth Harmon (Anya Taylor-Joy), hier bei einer Partie gegen Vasily Borgov (Marcin Dorocinski), ihren Platz in der von Männern dominierten Schachwelt.

Zapping: Ein genialer Schachzug

Zug um Zug erobert sich Beth Harmon (Anya Taylor-Joy), hier bei einer Partie gegen Vasily Borgov (Marcin Dorocinski), ihren Platz in der von Männern dominierten Schachwelt.
Fotos: Phil Bray/Netflix 2020
Kultur 1 2 Min. 13.12.2020 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Ein genialer Schachzug

Mireille MEYER
Mireille MEYER
„The Queen’s Gambit“ auf Netflix lässt Fans auf eine, unwahrscheinliche, zweite Season hoffen.

Wer vom Internet erfahren will, wie die Schacheröffnung „The Queen’s Gambit“ (das Damengambit) verläuft, braucht Geduld. Man muss dafür zuerst durch eine ganze Reihe von Artikeln scrollen, die sich mit dem Netflix-Phänomen gleichen Namens befassen und mit dem Schachboom, den die siebenteilige Serie ausgelöst hat. Ob nun das Damengambit eine gute Eröffnung ist oder nicht, darüber können Schachexperten streiten – die erste Episode der Serie ist auf jeden Fall eine, man ist sofort von der Story gefesselt.

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Beth Harmon (in der ersten Episode wird sie von Isla Johnston gespielt, dann von Anya Taylor-Joy) überlebt einen Autounfall, bei dem ihre Mutter getötet wird. Von einem Tag zum anderen aus dem ihr bekannten Leben herausgerissen, kommt die neunjährige Waise in das streng religiöse und freudlose „Methuen Home for Girls“. Sie bekommt im gemeinsamen Schlafsaal das Bett direkt neben dem Klo, und ihr einziger Trost ist die Freundschaft zu Jolene (Moses Ingraham) sowie die kleinen grünen Pillen, die man den Mädchen zwangsverabreicht, um sie ruhig zu halten.


ARCHIV - 08.02.2002, Schweiz, Zürich: Der Filmregisseur Jean-Luc Godard mit Kopfhöhrern und Zigarre während eines Filmvortrags an der ETH Zürich. Der Altmeister Godard wird am 3. Dezember 2020 90 Jahre alt. (Zu dpa: "Altmeister Godard wird 90: Der Bilderstürmer des französischen Kinos") Foto: Christof Schuerpf/epa/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Film-Altmeister Godard wird 90
Nicht klassifizierbar, erfinderisch, provozierend und revolutionär – der Bilderstürmer des französischen Kinos.

Durch Zufall sieht sie den wortkargen Hausmeister Mr Shaibel (Bill Camp), wie er im Keller des Gebäudes gegen sich selber Schach spielt. Sie ist sofort von dem Spiel fasziniert und bittet Mr Shaibel darum, es ihr beizubringen. Ihre schlaflosen Nächte (sie beginnt die Beruhigungspillen zu horten) verbringt sie nun damit, auf einem imaginären Schachbrett an der Decke des Schlafsaals die Könige schachmatt zu setzen.

Mit ihrer Adoptivmutter Alma Wheatley (Marielle Heller) reist Beth von einem Schachturnier zum nächsten.
Mit ihrer Adoptivmutter Alma Wheatley (Marielle Heller) reist Beth von einem Schachturnier zum nächsten.

Ihr einzigartiges Talent wird offensichtlich und von der Heimleitung hervorgehoben, als sich das Ehepaar Wheatley im Hinblick auf eine Adoption für Beth interessiert. In ihrem neuen Zuhause sieht Beth, wie Alma Wheatley (Marielle Heller) sich den Alltag ihrer unglücklichen Ehe schöntrinkt, experimentiert selber mit Alkohol und Beruhigungspillen, um ihr emotionales Trauma und ihr Gefühl der Unzulänglichkeit zu beseitigen. Die beiden Frauen entwickeln eine Beziehung zueinander, in deren Mittelpunkt die Teilnahme an Schachturnieren und das zu gewinnende Geld steht.

„The Queen’s Gambit“ basiert auf dem gleichnamigen Roman von Walter Tevis aus dem Jahr 1983. Man muss kein Schachenthusiast sein, um dem von Scott Frank und Allan Scott verfilmten Weg von Beth an die Spitze dieser Männerdomäne mit Spannung zu folgen. Sie macht sich dabei einen Ratschlag ihrer Mutter zu Nutze: „Du wirst in deinem Leben Männern begegnen, die dir Dinge beibringen möchten. Das macht sie nicht schlauer. Du lässt sie einfach an dir vorbeiziehen, gehst weiter und machst genau das, was du willst.“

Ihre Freundin Jolene (Moses Ingram), die Beth im Waisenhaus kennengelernt hat, holt sie wenn nötig wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.
Ihre Freundin Jolene (Moses Ingram), die Beth im Waisenhaus kennengelernt hat, holt sie wenn nötig wieder auf den Boden der Tatsachen zurück.

Schach, ein strategisches Brettspiel, ist weiß Gott kein visuelles Drama. Doch Steven Meizler (Kinematographie) und Michelle Tesoro (Editing) schaffen es, den Spielszenen eine Intensität zu verleihen, der sich sogar der absolute Laie nicht entziehen kann. Was besonders zur Attraktivität der Serie beträgt, ist das Design der Produktion. Die 1960er Jahre spiegeln sich auf wundervolle Weise in den fantastischen Kleidern, dem extravaganten Make-Up, den aufdringlichen Tapeten, alles ist einfach nur schön anzuschauen.

Die Geschichte hat genug emotionellen Tiefgang, um den Zuschauer bis zur letzten Episode bei der Stange zu halten. Die schauspielerischen Darbietungen sind allesamt erster Klasse. Anya Taylor-Joy ist so überzeugend in ihrer Hingabe an das Spiel, aber eben auch an ihre Sucht, dass man sie in manchen Szenen am liebsten rütteln möchte vor Verzweiflung und Angst, sie könne ihr Talent ungenutzt wegschmeißen. Eine kunstvoll gefertigte Show, an deren Ende die weiße Königin gewinnt.

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