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Zapping - die TV-Kritik: Wohlerzogene Rebellin
Noch ist die Welt in Ordnung: Helga von Boost (Maria Ehrich) beim Hochzeitstanz mit ihrem Ehemann Wolfgang von Boost (August Wittgenstein).

Zapping - die TV-Kritik: Wohlerzogene Rebellin

Foto: ZDF /Stefan Erhard
Noch ist die Welt in Ordnung: Helga von Boost (Maria Ehrich) beim Hochzeitstanz mit ihrem Ehemann Wolfgang von Boost (August Wittgenstein).
Kultur 3 2 Min. 20.03.2016

Zapping - die TV-Kritik: Wohlerzogene Rebellin

Ab Sonntag, dem 20. März, setzt das ZDF mit dem Dreiteiler "Ku'damm 56" einmal mehr auf ein Familienepos. Unsere Kritikerin Maria Falkner hat reingeschaut.

Von Maria Falkner

Ab 20. März entführt das ZDF seine Zuschauer in die Bundesrepublik der 1950er Jahre. Konservativismus, Prüderie und eine klare Rollenverteilung prägten die Zeit zwischen Kriegsende und Wirtschaftswunder, in der scheinbar jeder glücklich war. Dass es hinter den familiären Kulissen teils heftig brodelte, beschreibt Serienerfinderin Annette Hess in „Ku’damm 56“.

Im Mittelpunkt steht die Berliner Familie Schöllack. Mutter Caterina (Claudia Michelsen) ist Leiterin der Tanzschule Galant, die nur gesellschaftsfähige Standardtänze anbietet. Mit ihrem im Krieg verschollenen Ehemann hat sie drei Töchter im heiratsfähigen Alter, die es nun endlich an den Mann zu bringen gilt.

Während die älteste das Abziehbild ihrer Mutter ist und in der Züchtigkeit der Zeit förmlich aufgeht, stellt sich Sandwichkind Monika (Sonja Gerhardt) gegen all jene Werte, die Mutter Caterina predigt.

Viel Arbeit im Detail

In ihrer Darstellung der Figuren legen Drehbuchautorin Hess und Regisseur Sven Bohse Wert auf Authentizität. Trotz hochgeschlossener Blusen, Föhnfrisuren und Petticoats liegt die Stärke von „Ku’damm 56“ aber vor allem in der Abbildung der generationsbedingten Reibungsflächen.

Hess, die bereits als Autorin der DDR-Serie „Weissensee“ ein glückliches Händchen für gesellschaftspolitisch relevante Themen bewies, fokussiert in „Ku’damm 56“ jedoch nicht die politische Situation, sondern den Wandel des Frauenbildes im deutschen Westen. Ihre Handschrift ist unverwechselbar, die Figuren sprühen vor Leben und erfahren trotz schwieriger Zeiten lustige Momente.

Für den Erfolg einer Miniserie sind aber auch die Schauspieler verantwortlich. Dank einer gelungenen Mischung aus alten Hasen und unverbrauchten Gesichtern gelingt es dem Cast von „Ku’damm 56“ einem biederen Jahrzehnt Dynamik und Schwung einzuhauchen. Für die Nachwuchstalente bedeutete ihr Teilhaben an der Serie gezielte Recherche und Vorbereitung, um eine Zeit, in der Frauen wenig zu sagen hatten, auch wirklich zu verstehen.

"Eiche rustikal"

Eine stocksteife Körperhaltung musste genauso erlernt werden, wie ein unterwürfiger Sprachduktus. Für die betagteren Darsteller war die nötige Vorbereitung anderer Natur. Eine bewusste Erinnerung an das Elternhaus, das Wohnzimmer Typ Eiche rustikal sowie die beschürzte Mama genügte meist, um sich zurückzuversetzen.

Für Claudia Michelsen, die strenge Tanzschulleiterin der Serie, mutet das von ihr zu verkörpernde Frauenbild dennoch fremd an. In der DDR aufgewachsen ist sie nämlich zeitlebens an emanzipierte Frauen gewohnt. Uwe Ochsenknecht hingegen fühlt sich durch die Darstellung der Rolle Fritz Assmann, Freund der Familie Schöllack, wie in seine Kindheit zurückversetzt.

Übers Ziel hinausschießen

Es bleibt offen, ob der Dreiteiler mit seinem Anspruch auf Authentizität letztlich nicht doch übers Ziel hinausschießt. Regisseur Bohse steuert zwar einer zu konstruierten Darstellung bewusst entgegen, indem er das Leitthema der weiblichen Emanzipation nur mit Bedacht einsetzt. Dennoch bergen zeitlicher Kontext sowie unsere heutigen Vorurteile und Klischees über die 1950er Jahre die Gefahr, die Jugend unserer Eltern oder Grosseltern zu bunt und idyllisch wahrzunehmen.

Ob „Ku’damm 56“ mit vergleichbaren ARD-Produktionen wie „Der Turm“ oder „Weissensee“ mithalten kann, hängt aber nicht zuletzt vom ZDF ab. Denn bislang bewies das Zweite Deutsche Fernsehen bei zeitgeschichtlichen Themen eher, dass man Kitsch gegenüber Authentizität bevorzugt.
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„Ku'damm 56“, deutsche Nachkriegs- und Familiengeschichte, am 20., 21. und 23. März jeweils um 20.15 Uhr auf ZDF.