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Zapping: Die Schöne und das Böse
Emilias und ihr Präsidentengatte Diego.

Zapping: Die Schöne und das Böse

FOTO: K. JACQUES / NETFLIX
Emilias und ihr Präsidentengatte Diego.
Kultur 2 3 Min. 07.05.2017

Zapping: Die Schöne und das Böse

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Wie Netflix mit dem Polit-Drama „Ingobernable“ auch den lateinamerikanischen TV-Markt erobern will.

Von Marcel Kieffer

Produktionen, die sich mit den im eigenen Land grassierenden Missständen beschäftigen, liegen offenbar im Trend. Mit „Ingobernable“ hat Netflix nun eine mexikanische TV-Serie im Stil von „House of Cards“ herausgebracht. Doch die US-Vorlage bleibt unerreicht.

Polit-Suspense ist ein Fach für sich. In den USA ist Netflix mit „House of Cards“ der große Erfolg gelungen. In Frankreich ging mit „Marseille“, trotz Gérard Depardieu in der Hauptrolle, der Versuch eher daneben. Die im März gestartete mexikanische Produktion „Ingobernable“ geht nun in die gleiche Richtung und dabei zugleich eigene Wege. Doch auch hier geht es in erster Linie um dunkle Machenschaften an der politischen Spitze der Macht, um Gier und Herrschsucht, Intrigantentum und heroische Widerspenstigkeit.

Dabei agieren die Macher mit den handelsüblichen Klischees einer auf quasi staatsdurchdringender Kriminalität und Korruption basierenden Gesellschaft, die ja im Fall von Mexiko tatsächlich auch in der realen Nachrichtenlage schon seit langem für negative Schlagzeilen sorgt. Wobei diese erste, 15-teilige Staffel dann aber doch den Eindruck hinterlässt, dass ihr wahrer Anspruch eher auf kurzweiliger, spektakulärer Unterhaltung denn auf ebenso subtiler wie kritischer Beleuchtung komplexer Zusammenhänge beruht.

„Primera Dama“ mit Charakter

Konkret geht es um die turbulente Geschichte der mexikanischen First Lady Emilia Urquiza (Kate del Castillo), eine Frau mit Charakter, die sehr wohl um die politischen und sozialen Missstände in dem von ihrem Mann, Präsident Diego Nava (Erik Hayser), regierten Land Bescheid weiß und etwas dagegen unternommen sehen will. Es geht dabei um klassische mexikanische Themen: die Brutalität der Drogenkartelle, ihre Verquickung mit den Repräsentanten der Macht, aber auch um offensichtliche Demokratiedefizite in der politischen Führung des Landes, die Unterdrückung der Opposition, die Verfolgung Andersdenkender und der im Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit zu allem bereiten Aktivisten. Als Emilias Glaube an die Entschlossenheit ihres Präsidentengatten schwindet, kommt es zum Drama.

Nach einem heftigen Streit mit ihr stirbt Nava durch einen spektakulären Balkon-Sturz einen rätselhaften Tod. Die Geschichte nimmt ihren Lauf. Die First Lady muss flüchten, hin und her gerissen zwischen Schuldgefühlen und dem unbändigen Willen, den sich um den Präsidentenpalast rankenden Geheimnissen auf die Spur zu kommen. So taucht sie ein in die ganz andere Welt eines gegen die Schergen der Macht und um das eigene Überleben kämpfenden Volkes, dargestellt durch eine zu allem entschlossene Aktivistengruppe um den charismatischen Held Canek Lagos (Alberto Guerra), selbst Opfer des Regimes und dessen furchtloser Herausforderer.

Starke Inszenierung

So beginnt sich die durchaus aufwendig gemachte, zuweilen mit beeindruckender Inszenierung glänzende, Serie recht bald in die Niederung primärer Actionthematik zu verirren, die denn auch immer wieder auch die noch so großzügig gesteckten Grenzen von Realismus und Glaubwürdigkeit ausreizt. Das, was sie dabei an Spannung gewinnt, verliert die Serie an sozialthematischer Relevanz, was sie in fortschreitender Episodenfolge abseits von jedem an die amerikanische Vorlage „House of Cards“ angelehnten Anspruch entfernt.

Bemerkenswert bleibt dabei die Persönlichkeit der Mexikanerin Kate del Castillo in der Rolle von Emilia Urquiza. In ihrem Rollenverständnis sucht sie tatsächlich den Vergleich mit der Figur der First Lady in „House of Cards“, Robin Wright – mit der sie in puncto Ausstrahlung und charakterlicher Intensität allerdings in keiner Weise mithalten kann. Mit Kate del Castillo als Hauptdarstellerin in der gefeierten amerikanisch-spanisch-kolumbianischen Seifenoper „La Reina del Sur“ haben sich die Netflix-Macher dabei dennoch einen Publikumsmagneten gesichert.

Neben ihrer immer wieder öffentlich kommunizierten kritischen Sicht der politischen und sozialen Verhältnisse in Mexiko verschaffte sich Kate del Castillo unlängst auch eine große, international ausstrahlende Eigenpublicity durch ihre im vergangenen Jahr bekannt gewordene (platonische) Romanze mit dem seit Jahren flüchtigen mexikanischen Drogenbaron Joaquín „El Chapo“ Guzmá, die denn auch in dem medialen Höhepunkt eines gemeinsam arrangierten geheimen Treffens mit Sean Penn in einem mexikanischen Dschungeldorf gipfelte.

Das Ganze hat ihr eine juristische Untersuchung und ein Aufenthaltsverbot in ihrem Heimatland Mexiko und damit weitere persönliche Publicity eingebracht, die letztlich den kommerziellen Projekten der an einer verstärkten Präsenz auf dem lateinamerikanischen TV-Markt interessierten Netflix-Macher (nach der Fußballkomödie „Club de Cuervos“ ist „Ingobernable“ die zweite mexikanische Eigenproduktion) in letzter Konsequenz auch nicht schaden dürfte.

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„Ingobernable“ ist in Luxemburg auf dem französischen Sprachenkanal von Netflix in spanischer Originalversion abrufbar.