Wählen Sie Ihre Nachrichten​

ZAPPING: Die Quadratur des Kreises ist möglich
Sprühender Witz und bitterer Humor: Den Studenten der schwarzen Campus-Community ist nicht immer zum 
Lachen zumute.

ZAPPING: Die Quadratur des Kreises ist möglich

Foto: Netflix
Sprühender Witz und bitterer Humor: Den Studenten der schwarzen Campus-Community ist nicht immer zum 
Lachen zumute.
Kultur 1 3 Min. 11.06.2017

ZAPPING: Die Quadratur des Kreises ist möglich

Marcel KIEFFER
Kann man auch locker mit dem Rassismusproblem umgehen und trotzdem dem Ernst der Thematik in all ihren Aspekten gerecht werden? Mit dem Serienremake seines preisgekrönten gleichnamigen Films von 2014 „Dear White People“ wagt Justin Simien aufs neue, und mit noch mehr Risiko, die Quadratur des Kreises. Sie gelingt.

Waghalsig ist das Unterfangen in mindestens doppelter Hinsicht. Wohl hatte der Erfolg seiner Highschool-Satire „Dear White People“, die 2014 z. B. den Nachwuchspreis beim Sundance-Festival einheimste, dem US-amerikanischen Filmemacher Justin Simien den Beweis erbracht, dass man ernsten Themen durchaus auch mit Witz und Ironie zu Leibe rücken kann, doch für den Entschluss, nun noch einen Schritt weiter zu gehen und dieselbe Geschichte in quasi identischem Erzählrahmen und zum Teil sogar mit denselben Schauspielern von 108 Spielfilmminuten in eine zehnteilige TV-Serie umzudeklinieren, dazu bedurfte es ebenso der kreativen Entschlossenheit wie des unternehmerischen Mutes. Doch das Resultat gibt ihm (auch diesmal wieder) Recht. „Dear White People“ die zweite, also in Serienformat, kann gefallen, unterhalten und dabei dem Ernst des Themas erneut gerecht werden.

Leben in der Community

An US-amerikanische Produktionen gewöhnt – und mithin auch mit dortigen gesellschaftlichen Eigenarten durchaus vertraut – dürfte sich der europäische Zuschauer ziemlich problemlos in Ambiente und Thematik dieser in ihrer ungewöhnlichen, aber bewusst gewählten Form ganz besonderen Serie zurecht finden. Es geht um den für amerikanische Verhältnisse nicht unüblichen, von Generationen überlieferten und in den verschiedensten wie komplexesten Verhaltensmustern feststellbaren Alltagsrassismus, in diesem Fall am Beispiel der (fiktiven) Universität Winchester.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Was dort die Studenten der vor allem schwarzen Community umtreibt sind ebenso persönliche Identitäts- und Sexualitätsprobleme wie ihre Erfahrungen und Empfindungen angesichts einer immer wieder zu Spannungen führenden Koexistenz auf dem Campus. Klug setzt Simien dabei die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und Charaktere in Szene: die immer wieder kritisch hinterfragende Samantha White (Logan Browning), Studentin der Medienwissenschaften und unbequeme Moderatorin des Campusradio, den um Objektivität bemühten, introvertierten Schülerzeitungsjournalisten Lionel Higgins (DeRon Horton), die nur scheinbar oberflächliche, konfliktscheue Coco Conners (Antoinette Robertson), den um Einfluss und Ausgleich bemühten, von seinem Vater bevormundeten Dekan-Sohn Troy Fairbanks (Brandon P. Bell) oder auch den verschlossenen, mit seinen inneren Verletzungen auf ganz persönliche Weise kämpfenden Reggie. Alle sind sie mehr oder weniger schwarz (wobei ein ganz besonderer Community-interner Rassismus zum Ausdruck kommt), mit Ausnahme von Samanthas Freund Gabe Mitchell (John Patrick Amedori), was die Sache für sie nicht immer einfacher macht.

Zwischen Witz und Tragödie

Der perspektivisch inszenierte Handlungsstrang – hier kommen die Vorteile des Serienformats gegenüber dem Kinofilm deutlich zum Ausdruck – orientiert sich an zwei zentralen Ereignissen, die die Wellen auf dem Campus, zwischen schwarzer und weißer Gemeinschaft, immer wieder hochschlagen lassen: die Organisation einer in der amerikanischen Studententradition durchaus realen rassistischen „Black-face-Party“, bei der sich weiße Studenten schwarz anmalen, sowie der an jüngste brutale Polizeiübergriffe in den USA erinnernde bewaffnete Security- Einsatz bei einer harmlosen Identitätskontrolle auf einer Studentenparty. Dann schlagen Ton und Atmosphäre der Serie mit einem Mal vom Satirischen und Komödiantischen ins Ernsthafte um, wobei nur allzu deutlich wird, wie nahe (und wahrscheinlich nicht nur im Studentenalltag in den USA) Witz und Tragödie beieinander liegen und wie schnell die Gräben zwischen den Gemeinschaften wieder aufbrechen können. Wie gerade junge Leute mit diesem alltäglichen und allgegenwärtigen, sich ebenso am eigenen Verhalten wie an den Reflexen einer mit vielen Unwägbarkeiten behafteten Gruppendynamik entzündenden Druck umgehen, zeigt die Serie sehr deutlich und mit klugem Nüancenverständnis.

Wie und unter welchen Abwandlungen äußert sich gewollte und ungewollte rassistische Gewalt und wie kann sie von den Opfern verstanden, missverstanden und verarbeitet werden? Dafür gibt es die klassischen, nicht immer versöhnlichen Mittel, wie auch die ganz persönlichen Kanäle und Methoden der heutigen Rap- und Internetgenerationen. „Dear White People“ liefert in diesem Sinne einen neuen, alternativen Ansatz zur Bewältigung eines historischen Gesellschaftsproblems. Er ist insofern vielversprechend, als er sich der Mittel bei aller Streitbarkeit positiver Mentalitäten bedient, die insbesondere in vielleicht heißen, aber vor allem jungen und klugen Köpfen gedeihen.

„Dear White People“ ist in zehn Folgen (von je rund 30 Minuten Dauer) auf Netflix abrufbar.