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Zapping: Bunte Nazi-Jagd
Kultur 1 3 Min. 28.03.2020

Zapping: Bunte Nazi-Jagd

Jonah Heidelbaum (Logan Lerman l.) wird vom alten Meyer Offerman (Al Pacino) in den Kreis der „Hunters“ aufgenommen.

Zapping: Bunte Nazi-Jagd

Jonah Heidelbaum (Logan Lerman l.) wird vom alten Meyer Offerman (Al Pacino) in den Kreis der „Hunters“ aufgenommen.
Foto: Amazon
Kultur 1 3 Min. 28.03.2020

Zapping: Bunte Nazi-Jagd

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Die Amazon-Serie „Hunters“ verheddert sich in eigenen Fallstricken.

Es hätte ein spannungsgeladenes Thrillerdrama um Rache, Wahnsinn und Vergebung sein können. Shoah-Überlebende, welche die nicht-existente Strafverfolgung von untergetauchten Nazischergen in den USA selbst in die Hände nehmen und wie eine Liga der Superhelden für moralische Gerechtigkeit sorgen. Die 1977 angesiedelte Serie „Hunters“ unternimmt diesen Versuch in zehn Folgen. Sie spürt dabei, mit Oscarpreisträger Al Pacino starbesetzt, auch eine für die USA gefährliche Verschwörung inklusive sehr tödlicher Viren auf.

Im Zentrum steht Teenager und Comic-Fan Jonah Heidelbaum (Logan Lerman), der sich nach der Ermordung seiner Großmutter Ruth, einer Auschwitz-Überlebenden, in seiner Heimat New York auf die Suche nach ihrem Mörder macht. Dabei trifft er auf den Anwalt Meyer Offerman (Al Pacino), der mit seiner Großmutter das KZ überlebte und der ihn großväterlich unter seine Fittiche nimmt. Als Jonah erfährt, dass Meyer mit sechs Komplizen hauptberuflich und superheldenmäßig alten Nazis das Lebenslicht ausbläst, will er dazugehören. 

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Er muss sich fragen, wohin ihn diese Rachefeldzüge führen – zumal sich die idealistische, afro-amerikanische FBI-Agentin Millie Morris (Jerrika Hinter) auch für die rätselhaften Morde interessiert.

Schon die Eröffnungssequenz des Pilotfilms deutet an, woran es „Hunters“ trotz guter Einfälle, einiger cooler Charaktere und szenenweise mangelt. Wie in dem genreklassischen Thriller „Marathon Man“ mit Dustin Hoffman erkennt auch hier eine Jüdin einen untergetauchten Nazi, dort höllisch boshaft verkörpert von Laurence Olivier, und versucht, seine wahre Identität aufzudecken. 

Eine albtraumhafte Spannung  

Wer schon Erinnerungen an die einprägsame Szene evoziert, muss sich nun mal auch an ihr messen lassen. „Hunters“ versucht sich an jener albtraumhaften Spannung eines John Schlesinger, kann aber nur den Kürzeren ziehen, wenn man lieber in Richtung burleskem Pulp schielt.

Ist der Zuschauer hier trotzdem geschockt, dann eher aus Konditionierung statt aus tatsächlich erzeugter Emotion. Von solchen verpufften Schlüsselszenen gibt es leider noch einige. So liegt ein Manko der Serie auch in den Rückblenden in die KZ-Erlebnisse von Ruth und Meyer. Der ambitionierte Versuch, Nazis mit extra fiesen Foltermethoden besonders grausam darzustellen, lässt manche Szene nur zum kurzen Aufreißen des roten Vorhangs verkommen, hinter dem sich ein sensationslüsternes Panoptikum abspielt. Bei dem Thema eigentlich unverzeihlich. Exemplarisch dafür steht die Szene, in der Nazis in Auschwitz mit Juden als echte Spielfiguren eine Schachpartie auf Tod und Tod spielen, und welche aufgrund ihrer Fiktionalisierung des Realen heftigen Protest des Auschwitz-Museums hervorrief. Als ob die Wahrheit für die Serie nicht grausam genug war.

Poppige Einspieler

Nachdem der Plot etwas holprig durch den Pilotfilm stolpert, sind die nächsten Folgen der von Jordan Peele („Get out“) koproduzierten Serie stringent, einfallsreich und spannend. Ein großer Gewinn ist zweifelsohne Al Pacino, der seine Szenen über jeden Zweifel erhaben trägt und sehenswert macht. Pacino spielt den abgeklärten Nazijäger, der wohl auch eigene Geheimnisse hat, mit einer Mischung seiner hinterlistigen „The Devil’s Advocate“-Launen und der unerschütterlichen Beharrlichkeit seines Shylock aus „The Merchant of Venice“. Lena Olin als Nazi-Anführerin hingegen gerät, wie die meisten ihrer Mitläufer, zur klischeehaften, ferngesteuerten Schablone. Was für deutschsprachige Zuschauer oft befremdlich wirkt, ist das teils unverständliche Deutsch, das die von anglophonen Schauspielern verkörperten Nazis und KZ-Insassen sprechen. Man mag sich gar nicht vorstellen, was sie wohl auch mit ihren Sätzen in Jiddisch, Polnisch und Hebräisch anstellen.

Mitunter störend wirken poppige Einspieler, welche die Handlung sarkastisch kommentieren oder Jonahs Coming-of-Age nachzeichnen. Denn sie lassen sich nicht immer bruchlos in die düstere Geschichte um abgrundtiefes KZ-Leid und lebenssinnstiftende Selbstjustiz einflechten. So kommen Szenen zustande, in denen Jonah bekifft unterm Riesenrad auf „Stayin' Alive“ tanzt, um urplötzlich mit dem KZ-Geist seiner Großmutter konfrontiert zu werden. Das ist manchmal zu dick aufgetragen.

  70er-Jahre-Zeitkolorit  

 Es steht aber in dem 70er-Jahre-Zeitkolorit, der als Hintergrundkulisse dient und mit seiner Musik und seinen Klamotten groovy gut gelingt, und in der Comic-Tradition, in die sich die Serie nun mal einreiht.

Wer sich nicht daran stört, dass „Hunters“ teils in einen kruden, vorhersehbaren Plot abdriftet und einen eleganten Spagat zwischen emotionalem Geschichtsdrama und auf brutalen Effekten basierender Unterhaltung nicht immer schafft, wird gute Gründe zum Weiterschauen finden. So etwa auch einige spannende Figuren – etwa Schwester Harriet aus der Nazijäger-Liga, die mit der Panzerfaust noch besser umgehen kann als mit ihrem Rosenkranz –, die wohl für die offen angedeutete zweite Staffel sorgen werden.

Alle Folgen von „Hunters“ sind auf Amazon Prime abrufbar.  

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