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Zapping: Aus Liebe zu den Drogen
Kultur 1 3 Min. 28.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Aus Liebe zu den Drogen

Maximilian Mundt (l.) und Danilo Kamperidis (r.) prägen die neue Netflix-Serie um junge Online-Drogendealer als Protagonisten.

Zapping: Aus Liebe zu den Drogen

Maximilian Mundt (l.) und Danilo Kamperidis (r.) prägen die neue Netflix-Serie um junge Online-Drogendealer als Protagonisten.
Foto: Netflix
Kultur 1 3 Min. 28.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Aus Liebe zu den Drogen

Sara GOERRES
Sara GOERRES
Wurden wir nicht alle schon einmal sitzen gelassen oder einfach kalt abserviert? Das zu akzeptieren, ist natürlich hart. Aber dass man gleich so radikal wie der Teenager und Außenseiter Moritz Zimmermann (Maximilian Mundt), die Hauptfigur in „How to Sell Drugs Online (Fast)“, reagiert, wirkt überraschend und anfangs etwas unglaubwürdig.

Um seine Lisa (Anna Lena Klenke), „die einzige Frau in seinem Leben, die ihm noch etwas bedeutet“, zurückzugewinnen, ist Moritz zu allem bereit.

So steigt er über Nacht sozusagen in das Drogenbusiness ein. Lisa findet ihren ehemaligen Vertrauten nach ihrem Auslandsjahr in den USA gar nicht mehr so cool. Sie steht jetzt auf Daniel (Damian Hardung), den blonden Macho mit Sixpack, der nebenbei mit kleinen Pillen dealt. Schon wieder eine Nullachtfühnzehn-Teenie-Serie? 

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Doch wohl eher nicht. Trotz der Herzschmerzsituation geht die Handlung der Drogentragikomödie tief unter die Haut und zeigt in den sechs Folgen den langsamen Verfall eines gewöhnlichen Teenagers von nebenan.  

Ihr Debüt feierte das Netflix-Original mit einem Screening der ersten beiden Folgen beim diesjährigen Filmfestival in Cannes. Es spielt in dem fiktiven Ort Rinseln, der stellvertretend für jede öde deutsche Kleinstadt steht. 


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Erzählt wird die Serie zum großen Teil aus der Sicht des Siebzehnjährigen. Seine angenehme Stimme, die ihm der gebürtige Hamburger Mundt verleiht, führt aus dem Off den Zuschauer durch das alltägliche Chaos. Man beobachtet Moritz und den Rest der Schauspieltruppe beim Nachrichten tippen und folgt gebannt ihren einsamen Spiegelbildern in den Bildschirmen.  

Generation Z

Moritz Zimmermann und seine Freunde sind Teil der Generation Z („Gen Z“); die die nach den sogenannten Millennials kommt. Sie sind im Umgang mit digitalen Medien Profis und könnten sich eine Welt ohne Whatsapp, Instagram, usw., gar nicht mehr vorstellen.

Die digitalen Medien sind allgegenwärtig. Sie bestimmen das Leben der Jugendlichen, welche zwei Identitäten besitzen: die reale und die, die sie sich online erschaffen. 

Ganze Dialoge funktionieren nur durch das Hin- und Her-Messagen und ganz ohne wirkliches Sprechen oder einer Darstellung durch Computerstimmen.

Hauptdarsteller Mundt überzeugt in seiner Rolle als Moritz Zimmermann.
Hauptdarsteller Mundt überzeugt in seiner Rolle als Moritz Zimmermann.
Foto: Netflix

Inspiriert haben sich die Autoren von „How to Sell Drugs Online (Fast)“ zum Teil an einer wahren Geschichte: Der damals 17 Jahre alte Maximilian S. begann 2013 aus seinem Kinderzimmer im Leipziger Viertel Gohlis Drogen jeder Art online auf seiner Website „Shiny Flakes“ zu verticken. 

Alles schien blendend zu laufen, bis er 2015 von der Polizei überführt wurde und seit jeher in Haft sitzt. 320 Kilogramm Drogen im Wert von 4,1 Millionen Euro wurden in den Regalen seines Kinderzimmers gefunden.

„Eine Serie über dein Leben“

Die erste Folge beginnt mit einem Flashback: Ein lässiger Moritz sitzt nach seiner Festnahme vor der Kamera im Interview und gibt Tipps, was man nicht tun sollte, wenn man Drogen via Internet vertreiben will: „Auf gar keinen Fall machen: wildfremden Menschen davon erzählen. Also, außer natürlich: Netflix ruft an und sagt, sie wollen ’ne Serie über dein Leben machen.“


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Zusammen mit seinem besten, todkranken Kumpel Lenny (Danilo Kamperidis), mit dem ihn eine jahrelange enge Freundschaft verbindet, programmiert er einen erst harmlosen Online Shop zu einer Dealer-Plattform um.

Daneben wirkt das Duo Mundt und Kamperidis extrem vertraut, was das Netflix-Original umso authentischer macht. Im Gegenteil zu Maximilian S. limitieren sich die besten Kumpels nur auf die kleinen Pillen, wir sind jedoch erst bei Staffel 1. Wer weiß, was in der nächsten Episodenreihe, die dank des bisherigen Erfolgs kürzlich angekündigt wurde, noch alles so passieren wird.


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Beeindruckend wirkt die Serie, weil das ständige Nutzen der sozialen Medien und unser Leben in überdurchschnittlich schneller Zeit durch den rasanten Kamerawechsel zwischen Bildschirmen und Realität imitiert wird. 

So betont der Hauptcharakter ebenfalls am Anfang der Serie: Sie seien die Generation, die „das Wissen der gesamten Menschheit in der Hosentasche herumträgt“ und eigentlich „mit einem Klick berühmt werden könnte.“

Moritz (Maximilian Mundt) und seine Lisa (Anna Lena Klenke) waren vertraut und verliebt noch vor nicht zu langer Zeit.
Moritz (Maximilian Mundt) und seine Lisa (Anna Lena Klenke) waren vertraut und verliebt noch vor nicht zu langer Zeit.
Foto: Netflix

Illegales Handeln steht natürlich im Mittelpunkt, aber es wird daneben deutlich, wie stark Jugendliche der „Gen Z” nach Anerkennung streben; eine Flucht aus der Einsamkeit und der Möglichkeit etwas Richtiges zu fühlen.

In einer Welt, in der alles überdurchschnittlich schnell abläuft, wo in eineinhalb Sekunden ein Herz, eine jahrelange Freundschaft per Whatsapp, iMessage oder Facebook Messenger gebrochen werden kann, wie können da nicht plötzlich einem alle Sicherungen durchbrennen?
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Alle sechs Folgen sind auf Netflix verfügbar (Abo kostenpflichtig).


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