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Zapping: Auch Wahnsinnige müssen Gassi
Kultur 1 3 Min. 21.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Auch Wahnsinnige müssen Gassi

 Wie der Herre, so's Gescherre? Malcolm (Slovan Naim) und Bruno landen bei Gericht.

Zapping: Auch Wahnsinnige müssen Gassi

Wie der Herre, so's Gescherre? Malcolm (Slovan Naim) und Bruno landen bei Gericht.
Foto: Netflix/Stage13
Kultur 1 3 Min. 21.07.2019 Aus unserem online-Archiv

Zapping: Auch Wahnsinnige müssen Gassi

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Die Netflix-Serie „It‘s Bruno!“ lässt ein brüllend komisches Soziotop mit schrägen Typen erblühen.

Große Hunde gelten meist als lässig und folgsam, kleinere Exemplare als drollig und liebebedürftig, was aber temporäre Anflüge von exzessiver Selbstüberschätzung, die sich schon mal in schrill-keifender Giftigkeit äußern kann, keinesfalls ausschließt.

Was für seltsame Gewächse wiederum die Besitzer der bellenden Fellknäuel sein können, führt eine Netflix-Serie gleichsam unterhaltsam wie liebevoll vor. In „It‘s Bruno!“ treffen sie alle als wunderliche Gestalten aufeinander: Als verrückte Typen bevölkern sie einige Straßen in New Yorks Brooklyn, auf denen sie sich beim Gassigehen immer wieder über den Weg laufen. Schließlich müssen schwelende Konflikte ausreichend Raum bekommen, um sich stilecht hochschaukeln zu können. Und das gilt für die Rivalitäten an beiden Enden der Leine. Mancher Besitzer eines wölfischen Abkömmlings wird sich da vielleicht heimlich wiedererkennen, mit Sicherheit aber an andere Hundebesitzer aus seiner Nachbarschaft erinnert fühlen

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Protagonisten auf diesem mal heiß umkämpften, mal gefährlichen Laufsteg der Fellnasen und Herrchen sind Malcolm und sein Hund Bruno. Das eingeschworene Duo ist den Typen und Damen von nebenan in mehreren persönlichen Feindschaften innig verbunden – sei es mit dem Supermarktleiter, der keine lebenden Tiere reinlässt, sei es mit der süßen Hündin aus der Tierfutterwerbung und ihrem arroganten Dosenöffner, sei es mit der Polizistin, die Strafen wegen abgelaufener Impfungen ausspricht oder mit dem zugezogenen Yuppie, der seinen Windhund in die Nachbarschaft machen lässt und dann in seinen superkurzen Shorts die Flucht ergreift.


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Malcolm und Bruno als Sympathieträger wiederum haben simple Bedürfnisse: Frische Truthahnscheiben und Respekt für Bruno – und bloß nicht ungefragt streicheln. Und so tobt in jeder Folge ein anderer Wahnsinn.

Hass-Freunde und heiße Flirts

Dabei sind die Figuren so gnadenlos überzeichnet, dass sich Bruno und seine Hass-Freunde von einer absurden Situation zur nächsten wälzen. Auf die herrliche Idee beispielsweise, dass Malcolm nur Flirterfolge feiert, weil die Dame dem süßen Bruno nahe sein will, muss man erst mal kommen. Und, als wäre das nicht genug, wird noch eine wahnwitzige Überraschung draufgesetzt.

Hinter der Satire steckt der New Yorker Filmemacher und Rapper Solvan „Slick“ Naim, der hier mit seinem eigenen Hund drehte und seinem Viertel gleichzeitig eine Liebesbekundung erbrachte. Denn jenseits von Haustierbesitzern, Tierfanatikern und Hundehassern zeichnet Naim eigentlich ein Bild eines liebenswerten Soziotops, in dem menschliche Schwächen unterhaltsam gegeneinander ausgespielt werden, und in dem randseitige Typen zwar kritisiert werden, aber letzten Endes ungestört und toleriert weiter existieren dürfen. Auch fällt wohltuend auf, dass der Rapper eine ethnisch sehr vielfältige und begabte Schauspieltruppe vor seine Kamera geholt hat.


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So sind die kurzweiligen Episoden, die zwischen 12 und 21 Minuten dauern, also nach acht Folgen flugs ausgeschaut. Schade. Wer Bruno ins Herz geschlossen hat, muss auch noch verkraften, dass noch nicht klar ist, wann und ob die Gehwegstreifzüge der beiden fortgesetzt werden. Das könnte auch daran liegen, dass Herrchen Naim neben seiner Musik schon das nächste Filmprojekt umsetzt. Für Netflix wird er bei einem Hip-Hop-Musical Regie führen, das Shakespeares „Romeo and Juliet“ auf die Mattscheiben bringen soll, als Produzenten haben sich unter anderem Queen Latifah und Will Smith verpflichtet.

Das sieht nach einer Real-Life-Battle – allerdings ohne Leinenzwang – aus, denn Blockbuster-Meister Steven Spielberg hat für Weihnachten 2020 wiederum seine Neuverfilmung des Musicals „West Side Story“, ebenfalls auf Shakespeares Liebesdrama basierend, angekündigt. Ob Naims Romeo seine Julia vielleicht doch dank der Hilfe eines Bruno auf sich aufmerksam machen wird, ist indes noch nicht bekannt.

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Alle acht Folgen von „It's Bruno!“ sind auf Netflix abrufbar (Abo kostenpflichtig).