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Zapping : "Atypical": Pinguine lieben für immer
Bestimmte Orte und Geräusche überfordern den 18-jährigen Sam. Seine Kopfhörer helfen ihm, besser mit
den Situationen umzugehen.

Zapping : "Atypical": Pinguine lieben für immer

Foto: Netflix
Bestimmte Orte und Geräusche überfordern den 18-jährigen Sam. Seine Kopfhörer helfen ihm, besser mit
den Situationen umzugehen.
Kultur 1 3 Min. 01.10.2017

Zapping : "Atypical": Pinguine lieben für immer

Netflix versucht sich in der Serie „Atypical“ mit einer autistischen Hauptfigur – wirklich witzig ist das nicht.

Von Maximilian Richard

„Ich mag keine Katzen, wärst du bereit, Simba loszuwerden?“, fragt Sam (Keir Gilchrist). Er trägt „Noise-Cancelling-Kopfhörer“, deshalb schreit er ein wenig. So versucht er, die Geräuschkulisse im Lokal auszublenden. Sein Gegenüber, eine junge Frau, blickt ihn fassungslos an. Zu einem zweiten Rendezvous kommt es nach dem Treffen nicht.

Erste Dates sind nicht immer einfach. Für den 18-jährigen Sam sind sie allerdings besonders schwer. Denn Sam ist Autist. Bestimmte Orte und Geräusche überfordern ihn, versteckte Anspielungen versteht er nicht. Dennoch, angetrieben von seiner Therapeutin Julia (Amy Okuda), stürzt sich Sam in der Netflix Serie „Atypical“ auf den Single-Markt. Seine Familie versucht, ihn dabei mehr oder weniger zu unterstützen.

Mit brutaler Ehrlichkeit konfrontiert Sam seine Familie mit seinen Bedürfnissen. „Ich will Sex“, sagt er ganz trocken zu seiner Mutter Elsa (Jennifer Jason Leigh) während einer Autofahrt. Ihr bleibt da natürlich erst einmal die Spucke weg. Gerade durch seine Ehrlichkeit gelingt es Sam aber auch zu punkten. Noch in der ersten Folge schafft er es so in das Schlafzimmer eines Mädchens. Zu mehr kommt es nicht.

Sams Vater Doug (Michael Rapaport) ist ein typischer „American Dad“ und somit ein Meister der Doppelmoral. Den neuen Freund seiner Tochter will er am liebsten aus dem Haus vertreiben. Wenn es aber darum geht, seinem Sohn ein Date (und mehr) zu verschaffen, ist Doug Feuer und Flamme. Dabei läuft natürlich nicht immer alles wie geplant. Sam nimmt die Ratschläge seines Vaters nämlich teilweise zu wörtlich.

Die arme Hausfrau

Mutter Elsa fällt es hingegen schwer, den Wunsch ihres Sohnes nach einer Beziehung zu akzeptieren. Sie fühlt sich nicht mehr gebraucht, denn Sam lässt sich in Mädchenangelegenheiten lieber von seinem Vater beraten. Durch die neu gewonnene Freizeit entdeckt Elsa aber auch ihre eigenen Bedürfnisse. Die führen sie allerdings in die Arme eines attraktiven Barkeepers, was natürlich zu Spannungen führt. Wie einen normalen Teenager behandeln Sam aber nur seine Schwester Casey (Brigette Lundy-Paine) und sein Freund Zahid (Nik Dodani). Mit Rat und Tat stehen die beiden dem Jugendlichen bei seinem Unterfangen zur Seite.

Die Serie unterscheidet sich eigentlich kaum von einer klassischen Comedy-Show. Immer wieder wird die Handlung allerdings durch Szenen unterbrochen, in denen Sam aus dem Off über sein Innenleben berichtet. Meist redet er dabei über sein Lieblingsthema: die Antarktis.

Er erzählt über das Leben der Tierwelt auf dem eisigen Kontinent und zieht Vergleiche zu dem Verhalten der Menschen. Dabei kommt er etwa zu dem Schluss, dass Pinguine eigentlich die besseren Liebespaare sind. Denn haben die flugunfähigen Vögel sich erst einmal einen Liebespartner ausgesucht, bleiben sie bis zum Lebensende mit ihm zusammen.

Eine wirkliche Revolution ist die Einführung einer Hauptfigur mit Autismus allerdings nicht mehr. In TV-Serien wie „Big Bang Theory“ und „Community“ und Filmen wie „Power Rangers“ gibt es solche tragenden Rollen. Sie dienen in den meisten Fällen als Comic Relief, und auch in „Atypical“ sollen Sams autistische Eigenschaften meist für einen Lacher sorgen.

Im vergangenen März sorgte die Sesamstraße für Schlagzeilen. Julia, eine Puppe mit Autismus, soll die Zuschauer der Kinderserie über die Behinderung aufklären. „Atypical“ ist somit Teil einer neuen Reihe von Bemühungen, Menschen mit Autismus weniger auszugrenzen. Somit verfolgt die Serie vielleicht einen guten Zweck – eine gute Serie ist „Atypical“ trotzdem nicht.

Wenig Feingefühl

Vielleicht wollten sich die Macher nach der Entscheidung für eine Hauptfigur mit Autismus nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Denn bei den restlichen Rollen sucht man vergebens nach Besonderheiten. Auch Sams Figur wirkt eigentlich so, als hätten die Macher sich in der großen Fundgrube von autistischen Figuren in der Literatur-, Serien- und Filmwelt bedient und für Sam alle typischen Autismusmerkmale ausgesucht, die der Zuschauer erwartet.

In der Serie ist eigentlich alles so, wie man sich das bei einer typischen Comedy-Serie vorstellt. Autismus lässt sich aber nicht auf ein paar Eigenschaften herunterbrechen und am Ende hätte man sich deshalb von Netflix mehr Feingefühl bei der Darstellung von Sam gewünscht.

Die acht Folgen der ersten Staffel von „Atypical“ sind über das kostenpflichtige Abo auf Netflix abrufbar.