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Zapping: "Altered Carbon"
„Jeder ist seines Glückes Schmied“.

Zapping: "Altered Carbon"

(FOTO: NETFLIX)
„Jeder ist seines Glückes Schmied“.
Kultur 1 2 Min. 25.02.2018

Zapping: "Altered Carbon"

Der Traum vom ewigen Leben, in der Welt von „Altered Carbon“, ist wahr geworden: In der Zukunft des 25. Jahrhunderts muss niemand mehr sterben. Neugeborenen wird ein Speichermedium implantiert, auf dem das Bewusstsein für die Ewigkeit gespeichert wird – die Seele auf dem USB-Stick.

Von Kahtrin Schug

Es gehört zum guten Ton, die Seelen von verunfallten Kindern und verstorbenen Großmüttern in einem fremden Körper, sogenannten „Sleeves“, wieder zu „dekantieren“ – dass die Oma im Körper eines tätowierten Rockers und die sechsjährige Tochter in Gestalt einer verlebten Mittvierzigerin wiederkehren, das muss man als Normalsterblicher eben schlucken.

Wer das nötige Kleingeld hat, leistet sich die Unsterblichkeit deluxe: Bei Beschädigung oder Zerstörung wird der eigene Körper geklont, sodass die reifende Seele über Jahrhunderte in einem stets frischen Gefäß hausen kann. Ein kostspieliges Verfahren, das einer kleinen Elite, den sogenannten „Meths“ (in Anlehnung an Methusalem) vorbehalten ist. Sie residieren in atemberaubenden Wohntürmen weit über den Wolken, zwischen Marmor, Gold und barocken Gärten, die nicht grundlos an die Dekadenz einer absolutistischen Herrscherkaste erinnern.

Zu ihren Freizeitvergnügungen gehören nicht nur rauschende Feste mit Zigaretten und Alkohol (vor ungesundem Lebenswandel muss sich schließlich niemand mehr fürchten), sondern auch Gladiatorenkämpfe, in denen dem Gewinner ein Upgrade auf einen besseren Körper winkt. Die Spaltung der Gesellschaft in allmächtige Reiche, die sich als neue Götter verstehen, und machtlose Armen, denen – Marx wörtlich genommen – nichts bleibt, als ihre eigene Haut zu Markte zu tragen, findet in dieser Welt eine bestechend plastische Allegorie. Die schulterzuckende Bemerkung des Spielleiters – „Es zwingt sie ja niemand, zu kämpfen“ – ist da nur die konsequente Entsprechung des liberale Mantras „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Diese Welt ist das Setting, in das der Held Takeshi Kovacs (Joel Kinnaman) geworfen wird: Der ehemalige Elitesoldat wird von dem mächtigen Strippenzieher Laurens Bancroft (James Purefoy) angeheuert, um dessen Tod aufzuklären.

Suche nach der Wahrheit Kovacz, der in den Körper eines Polizisten transferiert ist, gerät auf seiner Suche nach der Wahrheit in einen Strudel aus Intrigen, Verschwörungen und Täuschungsmanövern. Zeitsprünge, gestaltwandelnde Protagonisten und ein komplexer Kosmos von Begriffen und Referenzen bedeuten nicht nur für den Ermittler Anstrengung, sondern verlangen auf dem Zuschauer viel ab.

„Altered Carbon“ ist keine Serie, die auf leisen Sohlen daherkommt: Gewalt, Schießereien und Folterszenen werden in einer Brutalität zelebriert, die das Zuschauen mitunter schwer macht.

Das opulente Szenenbild und die detailreiche Ausstattung machen kein Geheimnis daraus, dass Geld in dieser Produktion keine Rolle gespielt hat. Dennoch entfaltet die Serie ihre größten Stärken abseits bombastischer Effekte: Die kleinen Verständigungen von Mensch zu Mensch über Sterblichkeit, Endgültigkeit und die unheilvollen Folgen blinder Technikbegeisterung. In solchen Momenten der Klarheit vollbringt „Altered Carbon“ einen großen Dienst am Zuschauer: Man ist regelrecht erleichtert, dass das Sterben noch nicht abgeschafft ist.

Alle Folgen auf Netflix.