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Zapping "After Life": Weniger Witz, mehr Derbheit
Kultur 2 3 Min. 07.06.2020

Zapping "After Life": Weniger Witz, mehr Derbheit

Anne (Penelope Wilton) und Tony (Ricky Gervais) sinnieren auf dem Friedhof über den Sinn des Lebens ohne ihre Partner.

Zapping "After Life": Weniger Witz, mehr Derbheit

Anne (Penelope Wilton) und Tony (Ricky Gervais) sinnieren auf dem Friedhof über den Sinn des Lebens ohne ihre Partner.
Foto: Netflix
Kultur 2 3 Min. 07.06.2020

Zapping "After Life": Weniger Witz, mehr Derbheit

Mireille MEYER
Mireille MEYER
Ein Misanthrop, der der Gesellschaft den Mittelfinger zeigt, hat nun mal mehr Comedy-Potenzial als ein Geläuterter, der ein besserer Mensch werden will – das ist so. Und daran kränkelt die zweite Staffel der von Ricky Gervais geschriebenen Netflix-Serie „After Life“.

In der ersten Staffel setzt Tony (Gervais) – durch den Tod seiner Frau und die Trauer zum Menschenfeind geworden – seinen Weltschmerz wie eine Superkraft ein, macht nur noch, was er will, und sagt jedem seine Meinung ins Gesicht. Ohne Rücksicht auf Gefühle und soziale Konventionen. Er hat ja nichts mehr zu verlieren; wenn ihm alles zu bunt wird, kann er sich immer noch das Leben nehmen, so seine Überlegung. 

Doch dann besinnt er sich eines Besseren, erkennt, dass nicht alle Menschen Idioten sind, und lädt die Pflegerin seines Vaters, Emma (Ashley Jensen), schließlich auf einen Drink ein. Die Geschichte war mit der ersten Staffel eigentlich abgeschlossen.

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Doch Netflix hat aufgrund der hohen Zuschauerzahlen eine zweite in Auftrag gegeben, und nun kommt Tony als empathischer Mann daher, der versucht, zu all seinen Mitmenschen freundlich und liebenswert zu sein. Wer den Humor von Ricky Gervais kennt, der weiß, dass Nettigkeiten nicht seine Stärke sind. Wenn er die Golden Globes präsentiert, fürchtet sich ganz Hollywood vor seiner scharfen Zunge, die seine Fans hingegen sehr schätzen. 


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Nebst einem Händchen für kühne Unverschämtheiten hat Gervais zum Glück auch das Talent, emotional mitreißende Szenen zu schreiben, was die erste Staffel zu einer tiefgründigen Überlegung über Verlust, Tod und Trauer machte. Nun steht Tony weniger im Mittelpunkt – er trauert noch immer, und bei all dem Selbstmitleid möchte man am liebsten ein ernstes Wort mit ihm reden – und es bleibt Platz für die Entwicklung der anderen Charaktere der Serie. An sich eine gute Sache.

Was ist mit den Erzählsträngen los?

So kommen sich die großherzige Sexarbeiterin Roxy (Roisin Conaty) und der träge Briefträger Pat (Joe Wilkinson) näher – eine unwahrscheinliche Bekanntschaft, die genau deswegen viele Gelegenheiten für Lacher bietet. Der gewissenhafte Chef der Tambury Gazette Matt (Tom Basden) hat Eheprobleme, seine treuherzige Mitarbeiterin Kath (Diane Morgan) wittert ihre Chance und macht sich ran.


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Tonys fleißige Journalistenkollegin Sandy (Mandeep Dhillon) leidet unter ihrer familiären Situation und dem Wischmopp, den ihre Eltern ihr zum 30. Geburtstag geschenkt haben. Allesamt interessante und teilweise auch amüsante Erzählstränge, die aber leider nicht zu Ende geführt werden.

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Zu den Highlights einer jeden Folge zählen auch in dieser Staffel die Begegnungen zwischen Tony und Anne (Penelope Wilton) auf dem Friedhof, wo beide die Gräber ihrer verstorbenen Partner besuchen. Mit geistreichen Bemerkungen und einem verständnisvollen Lächeln rückt sie Tony immer wieder zurecht. Bemerkenswert sind die schauspielerischen Fähigkeiten – die entwaffnende Verletzlichkeit und ehrliche Emotionalität –, die Ricky Gervais in „After Life“ an den Tag legt. Er ist beileibe nicht bloß ein Stand-up-Comedian, der seine Gags verfilmt.

Einfach unerträglich

In dieser Staffel sind aber gerade die Lacher ein Problem: Sie fehlen. Oder besser gesagt, ein großer Teil davon fällt gnadenlos flach. So zum Beispiel in der Talentshow, an der die Einwohner Tamburys teilnehmen; hier reicht es nicht, dass der Blockflötenspieler und Praktikant bei der Lokalzeitung James (Ethan Lawrence) sich vor Aufregung nur sprichwörtlich in die Hosen macht. Fast nicht zu ertragen ist die Figur des großmäuligen Psychiaters (Paul Kaye).


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Nicht dass Kaye seine Rolle nicht überzeugend spielen würde, ganz im Gegenteil. Er ist in einem solchen Maße irritierend, abstoßend, vulgär, sexistisch, blöd und peinlich, dass man fast nicht an sich halten kann. Dabei hätte der Psychiater in der zweiten Staffel gar nicht mehr auftauchen müssen, denn Tony hat ja bereits in der ersten Staffel mit ihm abgerechnet. Doch nun sucht Matt wegen seiner Beziehungsprobleme bei ihm Rat – weiß der Himmel warum.


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Die Fans der Serie haben Gervais die Fehltritte allerdings verziehen und Netflix hat aufgrund des erneuten Erfolgs bereits eine dritte Staffel in Auftrag gegeben. „After Life“ ist damit die erste seiner Serien, die Ricky Gervais nicht nach der zweiten Staffel (und einigen Specials) beendet.

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„After Life“, Season 2, kann man auf Netflix streamen.

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