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WM-Spielstätten: Stadien-Architekten in Fußballlaune
Kultur 26 4 Min. 12.06.2014 Aus unserem online-Archiv

WM-Spielstätten: Stadien-Architekten in Fußballlaune

Kultur 26 4 Min. 12.06.2014 Aus unserem online-Archiv

WM-Spielstätten: Stadien-Architekten in Fußballlaune

Einen Rundgang durch die WM-Stadien gefällig? Google Maps bietet 360 Grad-Panoramen aus dem inneren der Austragungsstätten über seinen Dienst Streetview an. Auch die „Arena da Amazônia“ in Manaus ist darunter. Ein meisterlicher Prachtbau, der den Brasilianern aber wohl noch lange Kopfzerbrechen machen wird.

(dco) - Einen Rundgang durch die WM-Stadien gefällig? Google Maps bietet 360 Grad-Panoramen aus dem inneren der Austragungsstätten über seinen Dienst Streetview an. Auch die „Arena da Amazônia“ in Manaus ist darunter. Ein meisterlicher Prachtbau, der den Brasilianern aber wohl noch lange Kopfzerbrechen machen wird. Dennoch: Vor jedem sportlichen Großevent wird die Debatte um den Nutzen, die Kosten und die Folgeeffekte des Neu- oder Umbaus von Wettkampfstätten hochgekocht. Das ist auch bei der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien nicht anders. Doch die Architekten haben dennoch  mit viel Kreativität versucht, jedem der zwölf WM-Stadien eine besondere Atmosphäre zu geben.

Zitronen, Orangen, Grapefruits – alle Farbschattierungen dieser Früchte, die in der Kultur und im Alltagsleben der Amazonasregion einen besonderen Stellenwert haben, sollen sich im Interieur des  Stadions widerspiegeln. Ein Detail, aber ein architektonisches Symbol, das beeindruckt. So schillern die Sitze im über 200 Millionen Euro teuren Stadion-Neubau am Rande der tropisch heißen Stadt Manaus in Abstufungen von hellgelb bis dunkelorange. Solche Ideen sind nicht ungewöhnlich: Anleihen an die Kulturen, Traditionen, Landschaften oder auch die Farben von Vereinen, Regionen und Nationen sind immer wieder Inspirationsquellen für einen Stadionbau.

Silhouetten mit Charakter

Wird die „Arena da Amazônia“ in Manaus auch nach der WM wirklich gut gefüllt sein? Kritiker bezweifeln das.
Wird die „Arena da Amazônia“ in Manaus auch nach der WM wirklich gut gefüllt sein? Kritiker bezweifeln das.
BRUNO KELLY

Am deutlichsten werden sicher die Außenhüllen der High-Tech-Arenen wahrgenommen werden. Bei allem was technisch notwendig ist, kommt hier die meiste Kreativität ins Spiel. Die Silhouette ist eben auch das, was den meisten Betrachtern – auch denen, die keine Tickets erhalten haben – in den zwölf Austragungsorten der Weltmeisterschaft ins Auge fallen wird. Ein indianischer Strohkorb bzw. das großflächige Plattwerk tropischer Bäume diente dem deutschen Architekturbüro „gmp“ (Gerkan, Marg und Partner) als Vorbild für die Arenaform in Manaus.

Das Hamburger Büro gilt als internationaler Marktführer im Bereich Stadionbau, der 2005 mit dem Umbau des Berliner Olympiastadions oder dem Nationalstadion in Warschau für internationales Aufsehen in der Szene gesorgt hatte. Für die WM in Brasilien lieferte „gmp“ gleich drei Entwürfe für Um- und Neubauten, die dann auch umgesetzt wurden: Neben dem Neubau der Arena in Manaus bekam das Stadion von Bela Horizonte eine Dacherweiterung und neuste Solartechnik und Brasilia eine an die Philharmonie Luxemburg erinnernde „Esplanade“ als Außenkonstruktion, die sich in das Ensemble der von dem berühmten Stararchitekten Oscar Niemeyer entworfenen Hauptstadtgebäude einpassen sollte.

Mehr als einfach nur eine Spielstätte

Auch im Maracanã wurde auf neuste Standards gesetzt.
Auch im Maracanã wurde auf neuste Standards gesetzt.
SERGIO MORAES

Der architektonische Erfolg, den Fachspezialisten „gmp“ bescheinigen, liegt dabei an dem fast leicht wirkenden Spiel zwischen Pflicht und Kür, an dem sich auch die anderen Architekten der anderen neun Stadien versuchen. Selbst bei den Voraussetzungen, die die Fifa in den Bereichen Umweltschutz, Energieeffizienz, Sicherheitswege, Brandschutz, Parkplatzmöglichkeiten, behindertengerechte Einrichtungen, VIP-Bereiche und Erfordernisse für die Spieler und Medienvertreter setzt, gelangen den Architekten recht individuelle, technisch hochgerüstete Bauten, die ihre Region und den Sport repräsentieren sollen. Dazu kamen Herausforderungen wie der möglichst freien Blick von allen Plätzen, einer leichten, aber sicheren Dachkonstruktion oder die Beleuchtungen.

Fasziniert blicken Architekturfreunde jetzt auf betongegossene Ideen wie die „Stadion-Dünenlandschaft“ von Natal oder die „Hufeisen-Öffnung“ des Stadions Fonte Nova in Salvador, die den Blick auf den „Deich von Tororó“ frei gibt, oder das Dach des umgebauten Maracanã-Stadion. Der Mythos „Maraca“ bietet nach dem Facelift zwar nicht mehr die klassische Stehplatzatmosphäre, hat dafür aber frischen Glanz schon für die Olympischen Spiele 2016 erhalten und wird mit nur 14 Meter Abstand von den ersten Tribünenplätzen bis zum Spielplatz ein echter Hexenkessel für das WM-Finale.

Und dennoch geraten die Architekten im medialen Dauerfeuer rund um die verschleppten Bauzeiten und Kosten mit in die Kritik. Die Vorwürfe sind hart: Die Baukosten seien nicht richtig kalkuliert worden. Warum sind überhaupt so viele Austragungsorte geplant und damit zuviele Stadien für bisher 2,74 Milliarden Euro errichtet worden, die auch langfristig auf den Geldbeutel der Kommunen drücken?

Debatte um Baukosten und Infrastruktur

Polizisten im Einsatz: Noch vor ein paar Tagen mussten vor dem neuen Nationalstadion in Brasilia Demonstranten zurückgehalten werden.
Polizisten im Einsatz: Noch vor ein paar Tagen mussten vor dem neuen Nationalstadion in Brasilia Demonstranten zurückgehalten werden.
EDILSON RODRIGUES

Letztlich sind das Entscheidungen, die die Fifa gerne nach Brasilien zurückspielt: „Die Fifa hat nie zwölf Stadien gefordert“, informierte Generalsekretär Jérôme Valcke gegenüber den Medien im Vorfeld. Der Verband, der acht, maximal zehn Arenen vorsah, habe damals dem Drängen des populären Staatspräsidenten Luiz Inacio Lula da Silva nachgegeben, der eine WM für ganz Brasilien wollte.

Es hängt alles davon ab, wieviel die Menschen vor Ort die Strahlkraft der Bauten nutzen. Es gilt, sie auch wirklich als Schrittmacher weiterzuentwickeln. Leider zeigen Beispiele wie die Entwicklung in Südafrika nach der letzten WM, dass das größter Anstrengungen bedürfte, ja sogar die Stadien drohen, zum Schandfleck zu verkommen. Das Problem bleibt in Brasilien neben der Nutzung der Stadien die Infrastruktur. Die Regierung nahm im November 2013 14 Bauprojekte an Häfen, Flughäfen und der urbanen Mobilität aus dem WM-Bauprogramm. Es bleibt viel zu tun.