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„Wir sind alle krank“
David Farrier ist der „Dark Tourist“ – Todeszonen und Sperrgebiete gehören zu seinen Reisezielen.

„Wir sind alle krank“

Foto: Netflix
David Farrier ist der „Dark Tourist“ – Todeszonen und Sperrgebiete gehören zu seinen Reisezielen.
Kultur 1 2 Min. 09.09.2018

„Wir sind alle krank“

Marcel KIEFFER
Es ist eine Grenzwanderung, hart an der Schwelle des guten Geschmacks, die der Streaming-Gigant Netflix mit seinem neuen Serienformat unternimmt. „Dark Tourist“ jongliert mit der Befriedigung dunkler menschlicher Instinkte und der dokumentarischen Erhellung beängstigender Dimensionen jenseits einer trügerisch heilen Welt.

„Nukleartourismus, wer hätte gedacht, dass es so etwas gibt?“, fragt David Farrier, Journalist aus Neuseeland, und schon sitzt er im Bus nach Fukushima, ungeduldig mit anderen Reisenden, um die strahlenden Ruinenfelder zu erkunden. Farrier ist ein journalistischer Tausendsassa, der, von der Neugier getrieben, jene unmöglichen Orte und Begegnungen aufsucht, die durch Tod oder Katastrophen berühmt wurden und die der Normaltourist scheut wie der Teufel das Weihwasser. Dabei geht er ganz bewusst bis zum Äußersten, dringt zum Beispiel bis ins Zentrum des Sperrgebiets ein, und als sie den 50-fachen Strahlungshöchstwert im atomaren Ödland erreichen, ist die Panik unter den Teilnehmern mit Händen greifbar.

Rosa Shorts mit Ananas

„Dark Tourist“ ist ein Doku-Format der besonderen Art, das sich hart an der Grenze der Vernunft und des guten Geschmacks bewegt, dabei aber auch viele Facetten des realen Lebens zum Vorschein bringt, die uns die zivilisierte, urbanisierte Existenz des modernen Menschen vorenthält. Die Serie ist zugleich ein heikles, nicht immer glückliches Jonglieren mit profanen menschlichen Instinkten zwischen krankhafter Neugier und morbider Sensationslust sowie dem Bedürfnis, sich den eigenen Ängsten und Vorurteilen zu stellen. Das mag noch unterhaltsam sein, solange es den unerschrockenen Journalisten zu verbotenen oder schrägen Destinationen wie in die bizarre, seelenlose Hauptstadt Myanmars oder zu surrealen Sportveranstaltungen in Turkmenistan verschlägt, wo korrupte Regimes sich und ihre Macht zelebrieren, oder wenn er versucht, in die abgeriegelte Geisterstadt Famagusta in Nordzypern einzudringen.

Wie eine Rüstung trägt Farrier seine rosa Shorts mit Ananas und sein humoriges Gebaren vor sich her, um Distanz zum Erlebten und Gezeigten herzustellen, das dem Zuschauer dann doch des Öfteren das Blut in den Adern gefrieren lässt. Er nimmt an Tieropferungen und Beerdigungsritualen in Indonesien teil, lässt sich in Benin als Voodoo-Jünger einführen, schwimmt in einem atomverseuchten kasachischen Kratersee, durchstreift einen Selbstmörderwald am Hang des Fujiyama und lässt sich in einem Horror-Haus in Kentucky foltern.

Doch zum Reiseprogramm des „Dark Tourist“ gehören auch Begegnungen jenseits aller ethischen Grenzen, etwa wenn Farrier sich auf die Spuren mexikanischer Emigranten an der Grenze zu den USA begibt, paranoide Apartheid-Nostalgiker in Südafrika aufsucht, oder in Kolumbien „Popeye“, den Killer Pablo Escobars, der vor der Kamera prahlt, wie er Hunderte von Menschen kaltblütig umbrachte. Spätestens hier kippt die Serie in eine Dimension, die mit dem Anspruch von Unterhaltung und dokumentarischer Darstellung nur schwer in Einklang zu bringen ist. Und auch Farriers subtile Ironie macht in zunehmendem Maße – spätestens als ihn in einem kasachischen Waisenhaus die Folgen nuklearer Verstrahlung aus großen Kinderaugen anschauen – einer Haltung des „not amused“ und der kritischen Hinterfragung Platz. Als er in England bei einer Kriegsshow in SS-Uniformen stolzierenden Komparsen begegnet, wundert er sich: Kann man, wenn man aus grausiger Geschichte eine Gaudi macht, die Sache verstehen und eine Wiederholung verhindern?

Wie einen schrägen Urlaub zu den dunklen Seiten menschlicher Existenz, der einem die Gewissheit bringt, „wie gut man es zu Hause doch hat“, „eine Art Weltflucht, bevor es in die öde Normalität zurückgeht“, beschreibt Farrier seine Konzeption des Extremtourismus. Doch sein wohl eindringlichstes Fazit bleibt seine erschrockene Erkenntnis über die hinter Allem stehende Faszination, die soviel Grausames auf den Menschen und auch auf ihn selbst ausübt: „Wir sind alle krank!“

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Die Serie „Dark Tourist“ ist in einer achtteiligen Staffel von jeweils 40 Minuten auf Netflix abrufbar.