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„Wir müssen Opfern eine Stimme geben“
Schindler (Liam Neeson) versteht es, zu repräsentieren und Geschäftskontakte zu knüpfen, ist aber in Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben auf seinen versierten Buchhalter Itzhak Stern (Ben Kingsley) angewiesen.

„Wir müssen Opfern eine Stimme geben“

FOTO: RTL II
Schindler (Liam Neeson) versteht es, zu repräsentieren und Geschäftskontakte zu knüpfen, ist aber in Verwaltungs- und Koordinationsaufgaben auf seinen versierten Buchhalter Itzhak Stern (Ben Kingsley) angewiesen.
Kultur 2 Min. 30.11.2018

„Wir müssen Opfern eine Stimme geben“

Stephen Smith, Leiter der Shoah-Stiftung, über Judenverfolgung, Rohingya-Flüchtlinge und Spielbergs Rolle.

Die von Regisseur Steven Spielberg ins Leben gerufene Shoah-Stiftung hat Zehntausende Holocaust-Zeugen interviewt und ihre Lebensgeschichte in einem Archiv gespeichert. Die Arbeit geht heute weiter. Stephen Smith, seit 2009 Leiter der Stiftung an der University of Southern California in Los Angeles, erklärt, warum sie heute wichtiger denn je zuvor ist.

Stephen Smith, was hat der Film „Schindler's List“ vor 25 Jahren bewirkt?

Oskar Schindler.
Oskar Schindler.
FOTO: AP

„Schindler's List“ dreht sich um die Geschichte eines Retters und Helden, doch Steven Spielberg stellt dabei die Erlebnisse der Opfer in den Mittelpunkt. Ich habe von vielen Holocaust-Überlebenden gehört, dass dieser Film tatsächlich ihre Erfahrungen widergespiegelt hat. Damit konnte Spielberg ihr Vertrauen gewinnen, dass er auch ihre persönlichen Geschichten mit derselben Integrität wiedergeben würde. In vielen der 50 000 Interviews, die wir führten, haben die Betroffenen erstmals über ihre Erlebnisse gesprochen. Daher war der Film vor 25 Jahren so wichtig. Es war ein Wettlauf mit der Zeit, die Zeitzeugen zu befragen. Inzwischen sind viele von ihnen gestorben oder sie sind zu alt oder zu gebrechlich, um Interviews zu geben.

Melden sich denn noch Holocaust-Überlebende bei der Stiftung?

Auch heute bekommen wir noch Anfragen. Gerade schrieb mir eine Frau, dass ihre 93 Jahre alte Mutter vor ihrem Tod unbedingt noch ihre Geschichte aufzeichnen möchte. Natürlich gehen wir auf solche Bitten ein. Zusätzlich haben wir ein neues interaktives Programm mit dem Namen „Dimensions in Testimony“ mit bisher 20 Zeitzeugen, denen wir jeweils 1 000 Fragen zu ihrem Leben gestellt haben. Diese Videoaufzeichnungen werden in Schulen oder Museen interaktiv eingesetzt, so als ob die Zuhörer den Betroffenen selber Fragen stellen können. Gerade arbeiten wir an dem ersten deutschsprachigen Interview für den Schulunterricht in Deutschland in diesem neuartigen virtuellen Format.

Gibt es auch andere Verfolgungsopfer, die befragt werden?

Im vorigen Jahr haben wir Rohingya-Flüchtlinge kurz nach deren Flucht aus Myanmar gesprochen. Das war eine sehr bewegende und niederschmetternde Erfahrung, mit diesen Menschen über das Erlebte zu reden. Doch es ist wichtig, den Opfern eine Stimme zu geben, während Verfolgung und Gewalt stattfinden. Mit ihren Zeugenberichten können wir versuchen, Derartiges zu verhindern. Wir haben auch ein Programm für heutige Opfer von Antisemitismus in aller Welt. Nach Anschlägen auf jüdische Einrichtungen in jüngster Zeit, wie in Brüssel, Toulouse, Kopenhagen und zuletzt in Pittsburgh, reden wir mit Betroffenen. In einigen Fällen treffen wir dabei auf Holocaust-Überlebende, die wir schon vor 25 Jahren befragt haben und die jetzt im hohen Alter erneut Antisemitismus erleben.

Welche Rolle hat Steven Spielberg heute als Gründer und Ehrenvorsitzender der Stiftung?

Steven Spielberg ist der Shoah-Stiftung eng verbunden. Er gestaltet die Programme mit und denkt als Visionär mit darüber nach, welche Bedeutung unser Archiv für die Welt hat. Etwa, wie wir die Zeugenaussagen in der heutigen schwierigen Zeit benutzen können, um Menschen von gegensätzlichen Seiten des politischen Spektrums zusammenzubringen, statt tiefere Gräben zu ziehen und abzuspalten.

Mit seiner „Liste“  rettete 
Oskar Schindler 1 100 Juden vor dem sicheren Tod.
Mit seiner „Liste“ rettete 
Oskar Schindler 1 100 Juden vor dem sicheren Tod.
FOTO: AP