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"Wir können uns nicht zurücklehnen"
Kultur 1 4 Min. 06.11.2018 Aus unserem online-Archiv

"Wir können uns nicht zurücklehnen"

Der Prozess um Franz Murer (im Film gespielt von Karl Fischer, Mitte) zählt zu den größten Justizskandalen in Österreich. Das Gerichtsdrama "Murer - Anatomie eines Prozesses" spürt dem Fall nach.

"Wir können uns nicht zurücklehnen"

Der Prozess um Franz Murer (im Film gespielt von Karl Fischer, Mitte) zählt zu den größten Justizskandalen in Österreich. Das Gerichtsdrama "Murer - Anatomie eines Prozesses" spürt dem Fall nach.
Foto: Ricardo Vaz Palma
Kultur 1 4 Min. 06.11.2018 Aus unserem online-Archiv

"Wir können uns nicht zurücklehnen"

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
Produzent Paul Thiltges über die Knochenarbeit, ein politisches Gerichtsdrama ins Kino zu bringen.

Die Bilanz der brutalen Herrschaft von Nazi-Verbrecher Franz Murer über das Getto in Vilnius ist erschreckend: Seine Dienstzeit von 1941 bis 1943 überlebten von rund 80 000 Juden nur ein paar Tausend. 1963 wurde dem „Schlächter von Vilnius“ in Österreich der Prozess gemacht. Die luxemburgisch-österreichische Koproduktion „Murer – Anatomie eines Prozesses“, unter der Regie von Christian Frosch, zeichnet das Gerichtsdrama nach – und PTD-Produzent Paul Thiltges erklärt, warum der Fall noch heute so erschütternd ist.

Was sagt einem der Film „Murer – Anatomie eines Prozesses“, was ein Spielfilm oder eine Doku über die Nürnberger Prozesse dem Zuschauer nicht längst gesagt hat?

Geschichtlich relevante Filme sind einfach immer wichtig; weil sie uns aufrütteln, wenn wir denken, dass so etwas nie wieder passieren kann. Ich habe das Gefühl, dass wir uns nicht zurücklehnen und Holocaustleugner reden lassen dürfen. International kommen Judenhass und Holocaustleugnung wieder auf, deshalb müssen wir sehr wachsam sein. Man darf junge Leute mit diesen Themen nicht erschlagen, aber wir müssen aufzeigen, dass es auch in unserer heutigen Gesellschaft noch Kräfte gibt, die aus Massenvernichtungen ein Detail der Geschichte machen wollen.

Kannten Sie den Fall Murer vor der Arbeit an dem Film?

Überhaupt nicht. Ich habe Regisseur Christian Frosch beim Oldenburger Filmfestival kennen und schätzen gelernt. Daraus entstand eine Freundschaft, und er erzählte mir von dem Fall. Er selbst hat in Vilnius im jüdischen Museum davon erfahren und sich gefragt: „Warum weiß ich das als Österreicher eigentlich nicht?“

Der Prozess ging überraschend, ja geradezu schockierend aus – und Franz Murer starb 1994 als freier, angesehener Bürger ...

Ja, er ist nach seinem Freispruch vor dem Gericht in Graz mit Blumen empfangen worden, wie es der Film zeigt. Das macht auch diese Wut aus, die da noch in einem hochkommt. Man weiß aus heutiger Sicht zwar, dass es mit einem Freispruch ausgeht, hofft aber bis zum Ende auf das Gegenteil, weil man sich fragt: „Wie können sie diesen Mann freisprechen, der für den Tod von fast 80 000 Menschen verantwortlich ist?“

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Welche Reaktionen gab es in Österreich, einmal abgesehen vom Großen Spielfilmpreis beim Diagonale-Filmfestival in Graz?

Ich glaube, die österreichischen Produzenten hatten schon die Hoffnung, dass es ein Box-Office- Hit werden könnte. Der Film läuft aktuell noch in Österreich und hat mittlerweile rund 20 000 Zuschauer – also nicht schlecht. Er wird sehr viel in Schulen gezeigt und läuft gut auf internationalen Festivals. Aber es ist Knochenarbeit, so einen Film ans Publikum zu bringen. Er ist mit 137 Minuten eher lang, aber auch sehr spannend und bewegend inszeniert. Der Zuschauer ist nachher berührt, aber auch wütend, denn er erkennt, dass auch heute Nazis nicht immer zur Rechenschaft gezogen werden.

Ist Verdrängung ein aktuelles Problem?

Ich sehe eher die Verniedlichung, gar Glorifizierung des Nazismus als Problem. Ich denke, dass Filme wie „Murer“ weiterhin wichtig sind, weil sie zur Aufarbeitung beitragen. Wenn in Deutschland oder in den USA Menschen auf die Straße gehen und die Shoah zu einem Detail der Geschichte erklären, obwohl es die schlimmste Katastrophe der Menschheitsgeschichte war, dann ist das alarmierend.

Dreharbeiten fanden auch in Luxemburg statt.

Der Film spielt über weite Teile in einem Grazer Gerichtssaal der 1960er-Jahre, den haben wir im Studio 1 des Filmland in Kehlen nachgebaut. Dort wurde drei Wochen mit allen Darstellern gedreht. Es wurde fast wie im Theater gearbeitet, ganze Szenen gespielt. Außerdem haben wir in der Sankt-Joseph-Kirche in Esch und im Laminoir von Düdelingen gedreht. Am Ende entstanden fast 60 Prozent des Films in Luxemburg, der Rest an Originalschauplätzen in Graz und Wien.

„Anatomie eines Prozesses“ suggeriert eine gewisse Objektivität. Warum dann ein Spielfilm und keine Dokumentation?

Das könnte wohl der Regisseur am besten beantworten. Es war so, dass die Zeugenaussagen beim Prozess nicht stenografiert wurden, es weder Tonbandaufnahmen noch wortwörtliche Protokolle gab. Die Dialoge mussten also alle geschrieben werden. Und es gab nicht genügend Bildmaterial für eine Doku. Insofern denke ich, daraus einen Spielfilm zu machen, war die richtige Entscheidung. Der Film ist nahe an der Realität, was vor allem Christian Frosch zu verdanken ist. Schade für unsere Produktion war nur, dass Österreich die zeitgleich erschienene Dokumentation „Waldheims Walzer“ für den Auslands-Oscar ins Rennen schickt. Ansonsten wäre es vielleicht unser Film geworden.

Was wären Ihre Wunsch-Zuschauerzahlen in Luxemburg?

Alles über 2 000 wäre ein Erfolg, alles unter 1 000 enttäuschend. Ich mache mir keine Illusionen – klar wird „Superjhemp“ besser laufen. Aber ich hoffe, dass der Film auch in Luxemburg sehr viel gesehen wird und dass Lehrer mit ihren Klassen reingehen.

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Im Rahmen der „Filmtage Deutschland-Österreich-Schweiz 2018“ wird der Film am Mittwoch, um 20.30 Uhr, in der Cinémathèque gezeigt. Karten kosten 3,70 Euro an der Abendkasse. Kinostart in Luxemburg ist dann am 14. November.


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