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"Wiessel mol d'Scheif": Mit der Museumsbahn zurück nach Dartford
Kultur 4 3 Min. 08.12.2016 Aus unserem online-Archiv

"Wiessel mol d'Scheif": Mit der Museumsbahn zurück nach Dartford

Alte Liebe rostet nicht: Mick Jagger (links) und Keith Richards kennen sich seit 1961.

"Wiessel mol d'Scheif": Mit der Museumsbahn zurück nach Dartford

Alte Liebe rostet nicht: Mick Jagger (links) und Keith Richards kennen sich seit 1961.
Foto: AFP
Kultur 4 3 Min. 08.12.2016 Aus unserem online-Archiv

"Wiessel mol d'Scheif": Mit der Museumsbahn zurück nach Dartford

Tom RÜDELL
Tom RÜDELL
Die Rolling Stones feiern auf "Blue & Lonesome" ihren Gründungsmythos - und den Chicago Blues. Das ist angemessen, kompetent umgesetzt, und legitim ist es auch. Aber brauchen wir diese Platte?

Die Stones und der Blues, das ist eine Symbiose, die man kennen sollte. Ende 1961, so will es die Legende, aus der Rockstars gemacht sind, begegneten sich Mick Jagger und Keith Richards auf dem Bahnhof ihrer Geburtsstadt Dartford/Kent. Sie wollten nach London zum Studium: BWL (Jagger) und Kunst (Richards). Sie kannten sich flüchtig und mochten sich nicht sonderlich, heißt es. Ins Gespräch kamen sie trotzdem – weil Jagger Platten von Muddy Waters und Chuck Berry unter dem Arm hatte, die Richards hören wollte. Blues von Muddy Waters, Howlin' Wolf oder Little Walter war für langhaarige 18-Jährige in England damals das große Ding. Jaggers Platten waren Erkennungszeichen und Zündfunke gleichermaßen. 

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Der Rest ist sattsam bekannte Geschichte: Die Rolling Stones, gezeugt am Bahnsteig von Dartford, wurden in London geboren. Und entwickelten sich mit frühen Coverversionen ihrer schwarzen Helden zu einer der wichtigsten Bands der Sechziger, später zur größten der Welt. Als sie selbst daran gingen, zu komponieren, gelang auch das – „The Last Time“, der Über-Pop-Song „Satisfaction“ oder „Honky Tonk Women“ schoben den Zug aufs richtige Gleis, Alben wie „Let it Bleed“ oder „Sticky Fingers“ sorgten dafür, dass er Fahrt aufnahm.

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Der Blues half den Stones auch durch die für Sechziger-Bands kritischen Achtziger und findet sich schließlich noch zur Genüge in den starken Spätwerken „Voodoo Lounge“, „Bridges to Babylon“ und „A Bigger Bang“. Und nun soll also „Blue & Lonesome“ mit zwölf Coverversionen nach 55 Jahren den Bogen zurück nach Dartford spannen.

Was 1961 als fauchender Schnellzug begann, der alles niederstampfte, was ihm im Weg stand, ist 2016 nur noch eine Museumsbahn, die von London zurück nach Dartford dampft.

Den Bogen gibt es, doch er ist weder gespannt noch spannend. Was 1961 aufwärts als fauchender Schnellzug begann, der vom Kriegstrauma der Elterngeneration über dröge Fifties-Musik bis zu einengender Sexualmoral alles niederstampfte, was ihm im Weg stand, ist 2016 (leider!) nur noch eine gemütliche Museumsbahn, die von London zurück nach Dartford dampft. Und Jagger, Richards, Wood und Watts zeigen aus dem Fenster und erzählen Leuten ihres Alters, wie es dort früher aussah.

Das kann man gut finden. Wer es kauft, macht nichts falsch, denn es ist sicher von anekdotischem Wert. Es spricht nichts dagegen, es ist sogar angemessen, dass die Stones ihren Gründungsmythos feiern. Doch man kann auch die Sinnfrage stellen: Brauchen wir diese Platte?

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Zwar sind die elf Songs fachkundig ausgewählt: Hier findet sich Chicago Blues für Kenner, von Memphis Slim („Blue and Lonesome“) bis Willie Dixon („I Can't Quit You Baby“) und Little Walter („I Gotta Go“). Und die Stones gehen mit ihren Heiligtümern auch kompetent um: Der Opener „Just Your Fool“ und auch „Ride 'em On Down“ sind mit ihrer „Four to the Floor“-Attitüde genau, wie sie sein sollen. Mick Jagger macht stimmlich eine gute Figur. Einmal mehr zu loben ist Session-Bassist Darryl Jones, der seit Jahren mit Engelsgeduld das immer eigensinnigere Timing von Charlie Watts und Keith Richards meistert. 

Dem Ganzen fehlt der Drive, die Unmittelbarkeit, das „get out of the way“, das die Stones immer noch auszeichnet.

Doch irgendwie fehlt dem Ganzen der Drive, die Unmittelbarkeit, das „get out of the way“, das die Stones immer noch auszeichnet. Attribute, für die Alter übrigens keine Entschuldigung ist, denn live klappt es ja noch.


Vaterfreuden im hohen Alter: Mick Jagger.
Mick Jagger wird zum achten Mal Vater
Neues Album, neuer Nachwuchs: Mick Jagger ist im stolzen Alter von 73 Jahren nochmals Vater geworden, es ist sein achtes Kind. Jaggers Partnerin Melanie Hamrick (29) brachte am Donnerstag einen Jungen zur Welt.

Hartnäckig hält sich der Eindruck, dass hier kaum verhohlen aufs Weihnachtsgeschäft geschielt wurde – mit einer Hommage, die in drei Tagen eingespielt und nicht wirklich nötig war, denn dass Richards und Co. den Blues lieben, das müssen sie nicht mehr beweisen.

Der Blues und die Stones, das ist auf „Blue & Lonesome“ eine Symbiose, die (leider!!) nicht mehr so recht funktioniert. Noch einen Kracher wie „A Bigger Bang“ hätte man den Herren gewünscht und auch zugetraut, obwohl der Bandälteste, Charlie Watts, bereits 75 ist.

Wer den Blues will, findet, neben den Originalen, -zig Formationen, junge und alte, die das Thema mit deutlich mehr Eigenständigkeit, besserer Technik und genauso viel Sachverstand (den sollte man den Stones allerdings nie absprechen!) angehen – und die genau die Leidenschaft und Energie mitbringen, die den Unterschied macht.  

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Wer die Stones will, kann sich durch ein großartiges Gesamtwerk aus insgesamt 22 Alben plus Soloprojekten arbeiten, auf denen sie alles Wichtige gesagt und getan haben. Im Plattenregal mag sich „Blue & Lonesome“ als das 23. gut machen. Ein Statement kann dieses Album aber nicht mehr sein – dazu hat sich die Welt um den Dartforder Bahnhof herum zu sehr verändert.

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