Wiessel mol d'Scheif

Alter ist nur eine Zahl

Aufbruch zu neuen Ufern oder letzte große Reise? Deep Purple verraten es nicht.
Aufbruch zu neuen Ufern oder letzte große Reise? Deep Purple verraten es nicht.
Foto: EAR Music / Jim Rakete

Von Tom Rüdell

Bereits auf ihrem vierten Album ließen sich Deep Purple in Stein meißeln. Das Cover zu „In Rock“ zeigt die fünf Briten 1970 anstelle der vier US-Präsidenten am Mount Rushmore. Es war das Debut der legendären Besetzung „Mark II“ mit den 1969 dazugestoßenen Ian Gillan (Gesang) und Roger Glover (Bass), und es war die Platte, die die drei Alben der „Mark I“ komplett in die Versenkung schickte. Die Band eroberte, passend zum Cover, mit "In Rock" Amerika und den Rest der Welt. In Stein gehauen ist auch der Beitrag zur Popgeschichte: Deep Purple erfanden mit Songs wie „Speed King“ oder „Child in Time“ den Heavy Metal, eines der stabilsten Subgenres der Rockmusik.

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Und heute? 47 Jahre später zeigt sich die „Mark VIII“ auf dem Promofoto im ewigen Eis, in selbstironisch übergeworfener Arktisforscher-Klamotte à la Amundsen, Shackleton und Scott – als gäbe es noch etwas zu entdecken. Aber auch, als gelte es, etwas im ewigen Eis für die Unendlichkeit zu konservieren. Deep Purple lassen trotz vielfacher Andeutungen - auf dem Album und in zahlreichen Interviews - ihre Fans im Unklaren, ob - oder wann - es vorbei ist.

Das liegt auch an der Arbeitsethik, die Gillan und Kollegen maßgeblich von anderen Bands aus ihrer Generation unterscheidet: Während Led Zeppelin sich für eine einzige Reunion-Show in 27(!) Jahren feiern ließen, während Black Sabbath von 1997 bis 2016 quasi auf dauerhafter Abschiedstour waren (und in dieser Zeit genau ein Album zustande brachten), produzierten und tourten Deep Purple seit dem Abgang von Ritchie Blackmore 1993 kontinuierlich. „InFinite“ ist immerhin das sechste Album mit Blackmores Nachfolger Steve Morse an der Gitarre. Die beeindruckende Tourliste weist alleine für die aktuelle Besetzung seit 2002 knapp 1000(!) Konzerte auf, inklusive mehrere Gastspiele in Luxemburg, zum Beispiel im Jahr 2000 zur Feier der Thronbesteigung von Großherzog Henri.

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Spielfreude und Routine

Dabei stellt sich auf  „InFinite“ keine Sekunde lang die Frage, ob  „die alten Männer es noch können“. Schon die erste Single „Time for Bedlam“ groovt und drückt und treibt nach einem eher untypischem Intro in bester Purple-Manier. Diverse Riffs und Instrumentalparts auf „InFinite“ könnten auch von wesentlich jüngeren Kollegen wie den Hellacopters kommen – wäre da nicht dieser unglaublich präsente Ian Paice. Bereits 1971 bekam der damals 22-Jährige vom „Luxemburger Wort“ bescheinigt, „einer der agilsten britischen Drummer“ zu sein. Und trotz eines leichten Schlaganfalls 2016 ist er es wohl noch.

Don Airey, der Organist mit dem beeindruckenden Lebenslauf (er spielte auf über 200 Alben, von Ozzy Osbourne über Brian May bis Andrew Lloyd Webber) hatte 2002 zunächst mit dem schweren Erbe von Jon Lord zu kämpfen. Hier trifft er den klassizistisch-verspielten Frühsiebziger-Sound des 2012 verstorbenen Bandgründers, ohne Lord zu kopieren.

Hier kocht keine Oldieband die eigene Legende auf.

Produzent Bob Ezrin soll für diese Spielfreude mitverantwortlich sein, weil er der Band das Nachdenken verbot: Einen Hit wie „Smoke on the Water“ würden sie sowieso nicht mehr schreiben, also sollten sie es gar nicht erst probieren. Hier kocht keine Oldieband die eigene Legende auf. Serviert werden vielmehr routiniert arrangierte und eingespielte Songs mit jeder Menge Altersweisheit und einer Prise Melancholie. Deep Purple beherrschen nach wie vor die verschiedenen Gangarten, das zeigt auch das eher elegische „The Surprising“.

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Bestes Beispiel: „Johnny's Band“, der augenzwinkernde Rückblick auf die eigenen Anfänge. Textlich ist das nah bei Tom Pettys „Into the Great Wide Open“, musikalisch eine aus der – für das Banddurchschnittsalter von 68 viel zu lockeren – Hüfte geschossene Rocknummer, die wegen des souveränen Grooves von Glover und Paice extremen Spaß macht.

Und mit dem Alter wird höchstens kokettiert: Gillan, der immer schon die Gabe hatte, aus einfachen Themen große Rockpoesie zu machen, verwendet genüsslich Vokabeln wie „fortyfive“ (als Metapher für eine Vinyl-Single), Dance Hall“ und „Top of the Pops“ – wissend, dass eine jüngere Zielgruppe als die eigene das erst nachschlagen müsste.

„Johnny's Band“ macht Karriere, verdient großes Geld und spielt ebensolche Shows, bevor es berg- ab geht. Bandmitglieder gehen über Bord, verloren an „the hard stuff“ (Gitarrist Tommy Bolin, der allerdings nie mit Gillan gemeinsam im Line-Up stand, starb 1976 an einer Überdosis Heroin) oder andere Tücken des Geschäfts.

Ewige Jugend überflüssig

Ein weiterer Vorteil, den Deep Purple heute locker ausspielen können: Der Hang zur großen Pose und damit zur ewigen Jugend war ihnen immer fremd (wenn man die internen Querelen mit dem querköpfigen Supervirtuosen Blackmore ausblendet, die allerdings wesentlich zur unbändigen Energie der Anfangsjahre beigetragen haben).

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Frontmann Gillan schaffte bereits vor einigen Jahren spielend die Transformation vom virilen Rockrebellen zum „elder statesman“, der die ganz hohen Töne seiner Jugend nicht mehr trifft – doch dabei nichts vermisst.

Deep Purple sind, zumindest für den Moment, immer noch da: „The beards may be long and the money's long gone, it's a wonder that they're still around. But hey, it's Johnny's Band.“ Sollte „InFinite“ tatsächlich das letzte Kapitel gewesen sein, könnten Fans und Kritiker sehr gut damit leben. Sollte allerdings noch weiteres Material folgen, darf man guten Mutes und ziemlich gespannt sein.

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Ausblick und Rückblick

Deep Purple spielen im Rahmen ihrer "Long goodbye"-Tour am 27. Mai 2017 in der Rockhal in Esch/Alzette - ihr womöglich letztes Konzert in Luxemburg! Wir blicken im Vorfeld dieses Termins aber nochmal zurück auf ihr allererstes Gastspiel im Großherzogtum: Das Deep-Purple-Konzert im hauptstädtischen Stade Achille Hammerel vor 46 Jahren, am 6. Juni 1971, gilt als das erste große Rockfestival in Luxemburg überhaupt. Sie waren damals dabei oder kennen jemanden, der das Konzert miterlebt hat? Bitte melden Sie sich bei uns unter kultur@wort.lu!

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