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Waldheim-Doku seziert den Zerfall der Opferlüge
Kultur 1 3 Min. 12.03.2019

Waldheim-Doku seziert den Zerfall der Opferlüge

„Sie werden nichts finden, wir waren anständig.“ Österreichs Bundespräsident Kurt Waldheim wurde 1988 vom Vorwurf der Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen freigesprochen.

Waldheim-Doku seziert den Zerfall der Opferlüge

„Sie werden nichts finden, wir waren anständig.“ Österreichs Bundespräsident Kurt Waldheim wurde 1988 vom Vorwurf der Beteiligung an NS-Kriegsverbrechen freigesprochen.
Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion
Kultur 1 3 Min. 12.03.2019

Waldheim-Doku seziert den Zerfall der Opferlüge

Sophia SCHÜLKE
Sophia SCHÜLKE
1986 kandidierte Kurt Waldheim, ehemals Generalsekretär der UN, als österreichischer Bundespräsident. Zeitgleich wurde seine NS-Vergangenheit als Offizier der deutschen Wehrmacht bekannt. In „The Waldheim Waltz“ zeichnet Ruth Beckermann den Fall nach und zeigt wie, schmerzhaft das Ringen um das Selbstbild sein kann.

Von Lateinamerika bis Osteuropa und sogar Australien: Noch nie hat Ruth Beckermann für einen Film derart viel internationale Aufmerksamkeit erhalten wie für „The Waldheim Waltz“. 

Die Dokumentarfilmerin und Autorin zeichnet darin eine Affäre um den österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim aus dem Jahr 1986 nach: das Zusammenbrechen einer Lebenslüge und das Bemühen, dies doch noch zu verhindern. 

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„Das Thema ist sehr aktuell, obwohl Waldheim als Person weder aktuell noch spannend ist“, erklärt die Österreicherin. In ihrem Heimatland sahen 30.000 Kinogänger den Film, was „für einen österreichischen Film sehr viel ist“, wie Beckermann anmerkt. Zudem war „The Waldheim Waltz“ als bestes fremdsprachiges Werk bei den diesjährigen Oscars nominiert und gewann im Vorjahr den Glashütte-Original Dokumentarfilmpreis der Internationalen Filmfestspiele Berlin. 

1986 kandidierte Kurt Waldheim, ehemals Generalsekretär der UN, als österreichischer Bundespräsident. Doch während des Wahlkampfes legte der Jüdische Weltkongress in New York Waldheims NS-Vergangenheit als Offizier der deutschen Wehrmacht auf dem Balkan frei.

Protestieren oder dokumentieren?

Es wurden Vorwürfe laut, Waldheim sei an NS-Kriegsverbrechen auf dem Balkan beteiligt gewesen; eine Historikerkommission stellte später aber keine persönliche Schuld im strafrechtlichen Sinne fest. 

Ruth Beckermann trieb die Affäre um Kurt Waldheim schon ganz am Anfang um. Heute spürt sie dem Fall analytischer nach.
Ruth Beckermann trieb die Affäre um Kurt Waldheim schon ganz am Anfang um. Heute spürt sie dem Fall analytischer nach.
Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion

„In diesen Jahren hat Österreich um sein Selbstbild gerungen. Diese Opferlüge ist dadurch langsam zerfallen, das war sehr intensiv“, erinnert sich Beckermann. 

Die Filmemacherin, freie Autorin und Installationskünstlerin hat die Affäre Waldheim damals aus einer ganz besonderen Perspektive verfolgt: Als junge Frau nahm sie an Demonstrationen gegen Waldheim teil, teils auch medienwirksam mit Plakaten in Übertragungen des Fernsehens. „Diese Entscheidung war damals richtig für mich. Aber aus der Perspektive der Filmemacherin ist es heute schade, dass ich nicht öfter gedreht habe, sonst hätte ich mehr Material.“ 

Als junge Frau nahm Ruth Beckermann an Demonstrationen gegen Waldheim teil - wie hier medienwirksam mit Plakaten in TV-Übertragungen.
Als junge Frau nahm Ruth Beckermann an Demonstrationen gegen Waldheim teil - wie hier medienwirksam mit Plakaten in TV-Übertragungen.
Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion

Durch ihre Teilnahme an den damaligen Protesten weiß Beckermann auch genau, dass es von vielen Aktionen der Demonstranten keine Aufnahmen gibt. 

„Das offizielle Fernsehen hat versucht, uns zu ignorieren. Bis zur Wahl standen fast alle österreichischen Medien ausnahmslos hinter Waldheim.“ 

Ihre heutige Arbeit über die Waldheim-Affäre hat Beckermann Sichtweisen eröffnet, die ihr in den 1980er-Jahren nicht zugänglich waren: internationale Quellen, dank des Internets.

Der Sohn vorm US-Kongress

So hat sie neben eigenen Originalmitschnitten zahlreiche internationale Archivaufnahmen aus den 1980er-Jahren verarbeitet, auch von Anhörungen aus dem US-Kongress. 

Darin ist unter anderem zu sehen, wie Waldheims Sohn versucht, den Vater zu rechtfertigen. „Ich glaube, dieses Material ist nie ausgestrahlt worden. Man fragt sich, warum er das macht.“ 

Weitaus verstörender wirken Aufnahmen von Waldheim selbst, wenn er versucht, drei Jahre Kriegseinsatz auf dem Balkan erst zu dementieren, dann zu verharmlosen – obwohl die Fakten gegen ihn sprechen –, und sich dabei auch antisemitisch äußert. 

Zivilgesellschaft braucht Stärke 

Der Film zeigt eindringlich die Notwendigkeit einer starken Zivilgesellschaft. „Ich hoffe aber, dass sie heute stärker ist. Die österreichischen Medien haben damals viele Stimmen ignoriert. Heute kann man nicht mehr so leicht eine ganze Gruppe von Leuten ignorieren, der Protest würde sich über die sozialen Medien verbreiten“, sagt Beckermann. 

Der Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf 1986 ein Holzpferd mit SA-Kappe und Hakenkreuz: Es sollte an Waldheims geleugnete Zugehörigkeit zur Reiter-SA erinnern und stand zur Inauguration Waldheims auf dem Wiener Stephansplatz.
Der Bildhauer Alfred Hrdlicka schuf 1986 ein Holzpferd mit SA-Kappe und Hakenkreuz: Es sollte an Waldheims geleugnete Zugehörigkeit zur Reiter-SA erinnern und stand zur Inauguration Waldheims auf dem Wiener Stephansplatz.
Foto: Ruth Beckermann Filmproduktion

Der erste Impuls für den Film kam allerdings nicht von Beckermann selbst. Ausschlaggebend war eine Diskussion mit jungen Leuten, die sich entspann, als Beckermann einige ihrer Aufnahmen zeigte. „Sie waren sehr interessiert und haben viele Fragen gestellt. Da kam mir die Idee, die Affäre in einem größeren Kontext zu analysieren.“ 

Beckermanns Dokumentarfilm skizziert sehr sehenswert, mit welchen Mitteln mancher Wahlkampf gewonnen wird – nämlich durch das Schüren von Hass gegen ein an sich austauschbares Feindbild. Auch wenn der Fall aus dem Jahr 1986 datiert, legt er zeitlos gefährliche Mechanismen frei.
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„The Waldheim Waltz“ morgen, 18.30 Uhr, in der Cinémathèque. Umtrunk ab 18 Uhr, nach der Vorführung Möglichkeit zur Diskussion mit Gregor Schusterschitz, Österreichs Botschafter in Luxemburg.


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