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Von Computern und Lügnern
Kultur 4 Min. 31.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Von Computern und Lügnern

Diese Saison ist Michel Clees Hausautor im TNL.

Von Computern und Lügnern

Diese Saison ist Michel Clees Hausautor im TNL.
Foto: Anouk Antony
Kultur 4 Min. 31.01.2020 Aus unserem online-Archiv

Von Computern und Lügnern

Thierry HICK
Thierry HICK
In Michel Clees’ „Captcha“ wird eine mittelständische Frau zu Propagandazwecken missbraucht.

Der Autor und Liedermacher Michel Clees ist bekannt für seine lyrische, poetische und imaginäre Sprache. Bei den beiden Aufführungen seines Monodramas „Captcha“ heute und morgen im Théâtre national du Luxembourg, ist der Ton sachlicher, direkter und engagierter.

Michel Clees, wie ist der Titel „Captcha“ zu verstehen?

Der Begriff stammt aus dem Internet und gibt eine Antwort auf die Frage, ob derjenige der am Bildschirm sitzt, ein Mensch oder ein Computer ist. „Captcha“ ist auch nicht weit entfernt von einem anderen Begriff, einer anderen Idee: „Capture“, also vom Gefangensein. Mensch sein oder nicht Mensch sein: Dieses Thema kommt auch zur Sprache.

In Ihrem Text geht es um „alte Weltordnung“, „mittelmäßige Bürger“ und um „Propaganda“. Erklären Sie uns diese Begriffe aus Ihrer Sicht.

Rechtsnationale Strömungen versprechen, dass der Mittelstand aus den 50er-, 60er- oder 70er-Jahren heute noch möglich ist. Die Menschen sollen glauben, dass sie noch wie früher leben können. Dabei werden sie jedoch belogen. In „Captcha“ wird eine mittelständische Frau entführt und in einem geschlossenen Raum eingesperrt. Dieser Raum wird zum Symbol, dass die mittelständische Frau vor den Flüchtlingen flüchten muss. Dabei stellt sich heraus, dass sie zu Propagandazwecken missbraucht wird.

War dann die Welt früher einfach besser?

Sie war übersichtlicher, mehr schwarz-weiß geprägt als heute. Die Bevölkerung war kleiner und die Natur noch gesund.

Ist „Captcha“ dann ein politisch engagiertes Stück?

Ich glaube schon. In der heutigen Zeit sind politische Aussagen wichtig und notwendig.

Die Partitur stammt von Philippe Manoury. Der fanzösische Komponist hat 2017  die Oper „Kein Licht“ für das Ensemble Lucilin geschrieben.
Die Partitur stammt von Philippe Manoury. Der fanzösische Komponist hat 2017 die Oper „Kein Licht“ für das Ensemble Lucilin geschrieben.
Foto: Anouk Antony

Sie reden von einem „Stillleben zu zweit“. Wie ist dies zu verstehen?

Die Musik spricht mit dem Text und der Text mit der Musik. Und dies in einem 1:1-Verhältnis. Nur am Anfang laufen beide kurz parallel, dann aber gehen Musik und Text Hand in Hand weiter, stellen Fragen und bekommen Antworten.

Was erwartet die Zuschauer an diesem Wochenende?

An sich ein intimes Stück. Dabei sollen sie sich entführen lassen können und mit ihrem Verstand, den Weg für die Musik freimachen, damit sie einen Raum betreten können, in dem sie sich nicht oft aufgehalten haben. Das Ganze ohne Vorbehalt.

Die Musik spricht mit dem Text und der Text mit der Musik. Und dies in einem 1:1-Verhältnis.

Welche Sprache haben Sie für „Captcha“ ausgewählt?

Ich bin meinem Stil treu geblieben, auch wenn der Text hier nicht so stark von Poesie und Bildern geprägt ist. Die Sprache ist bewusst faktisch, sachlich, denn die behandelten Themen sind auch sachlich. Es ist eine Art Bericht, gedacht als Kontrapunkt zu einem rein emotionalen Diskurs, der bei dieser Themengebung oft vorzufinden ist.

Foto: Anouk Antony

Die Partitur von „Captcha“ stammt von Philippe Manoury. Wie war Ihre Zusammenarbeit mit dem französischen Komponisten, der bereits 2017 die Oper „Kein Licht“ für das Ensemble Lucilin geschrieben hat?

Wir kennen uns seit zwei Jahren, also seit der Zeit von „Kein Licht“ und wir sind seitdem Freunde geblieben. Für „Captcha“ hat der Komponist eine Partita für Viola, die er bereits geschrieben hatte, für uns bearbeitet. Diese Musik hat mich beim Schreiben begleitet. Kein Wunder also, dass diese sich in den Text einmischt.

Elektroakustische Elemente von Philippe Manoury, in einer Realisation von Serge Lemouton (IRCAM Paris), spielen eine wichtige Rolle. In welchem Verhältnis stehen diese zum Ihrem Text?

Wie schon bei „Kein Licht“ wird der Komponist live während der Vorstellung mit elektroakustischen Einlagen reagieren. Diese stellen eine richtige Modernität in Manourys Musik dar. Sie sorgen aber auch für eine totale Entfremdung und Verfremdung der Geschehnisse, ganz im Sinne des Textes. Wo ist der Mensch? Wo ist das Digitale? Mit diesen Elementen wird nach Antworten gesucht.

Die Bratschistin Danielle Hennicot, auch Gründungsmitglied von Lucilin, wird den musikalischen Part von „Captcha“ übernehmen. Die Musikerin ist bekanntlich Ihre Ehefrau. Haben Sie beim Schreiben auch an sie gedacht?

Wir haben das Projekt zusammen geplant und getragen. Und die Entscheidungen zu zweit getroffen. Dass wir ein Paar sind, hat geholfen, doch ich schätze sie hier vor allem als Musikerin. Mehr Romantisches gibt es in diesem Fall nicht. Natürlich habe ich beim Schreiben an Danielle gedacht, aber auch an die Schauspielerin Patrycia Ziolkowska, die von Anfang an für die Rezitationsrolle geplant war.

Diese Saison sind Sie Hausautor im TNL, wo im März mit dem Stück „Parterre“ eine weitere Uraufführung geplant ist. Wie erleben Sie diese Künstlerresidenz?

Ich war völlig überrascht, als ich am Telefon erfuhr, dass ich ausgewählt wurde. Natürlich ist es eine enorme Ehre für mich. Diese Residenz ist einfach nur motivierend. Sie macht mir Lust weiterzuschreiben.

„Captcha“: Text von Michel Clees, Musik von Philippe Manoury, Elektroakustik von Serge Lemouton, mit Patrycia Ziokowka (Rezitation) und Danielle Hennicot (Viola) am 31. Januar und 1. Februar um 20 Uhr im Théâtre national du Luxembourg (TNL), 194, route de Longwy, L-1940 Luxemburg. Tickets: 30 und 20 Euro (Jugendliche: 8 Euro. Reservierungen: Tel 47 08 95 1 und www.luxembourg-ticket.lu.

Weitere Infos: www.tnl.lu


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