Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Visite d'atelier: Kunst ist Schwerstarbeit
Kultur 24 3 Min. 25.08.2014

Visite d'atelier: Kunst ist Schwerstarbeit

Kultur 24 3 Min. 25.08.2014

Visite d'atelier: Kunst ist Schwerstarbeit

Es müssen nicht immer zerrissene Telefonbücher sein: Im Atelier von Stahlskulptur-Spezialist Bernie Klein vollbringt Kraftmensch Georges Christen ganz andere Leistungen im Zeichen der Kunst.

Von Daniel Conrad

So ganz kann Georges Christen sein Showtalent nicht ablegen. „Nehmen Sie das Eisen in die Hand, schauen Sie es sich genau an und versuchen Sie es doch einmal“, sagt der Kraftsportler überschwänglich und reicht dem Luxemburger Wort-Team schon kurz nach dem Eintreffen in dem ehemaligen Stall bei Beckerich erst einen Stahlnagel, dann ein Hufeisen.

Trotz Christens Motivation will sich weder der Nagel noch das eiserne U in den – lediglich an die Computertastatur gewöhnten – Autorenhänden verbiegen lassen. Nur wenige Minuten später hat Christen selbst das Hufeisen so in sich verdreht, dass es wie ein Herz wirkt – und das einfach mal so, zum Warmmachen. Für die weit massiveren Stähle, die im Atelier von Freund und Bruder im Geiste, Bernie Klein, noch warten, ist allerdings auch für Christen mehr als nur Kraft in den Händen notwendig.

Gemeinsam sind wir stark

Zusammen haben die beiden Kunst-Quereinsteiger 2012 die Mondorfer Skulptur in Erinnerung an den 1868 dort geborenen „stärksten Mann der Welt“, Jean „John“ Grün, geschaffen. Ihr Prädikatsstempel, der gleichzeitig den Herstellungsprozess beschreibt, durfte nicht fehlen. Er ist zum wiedererkennbaren Qualitätsmerkmal ihrer Werke geworden: „Vun Hand gebéit“.

Heute zehren ihre Popularität als Kunstduo und die gemeinsamen Weiterentwicklungen von dieser Aufsehen erregenden „Handarbeit“. „Damals war das purer Stress. Bis in die Nacht hinein hat Georges die Stahlstäbe für die Grün-Skulptur zu Ovalen geformt und sich dabei oft bis an die Grenzen beansprucht“, berichtet Klein.

Bernie Klein bei der Arbeit.
Bernie Klein bei der Arbeit.
Foto: Gerry Huberty

Der kunstschaffende Polizist, der sein Hobby immer mehr über Abend- und Meisterkurse wie zum Beispiel der Central Saint Martins-Kunstakademie bei London vertieft hat, markiert bei Rundungen zum Beispiel mit einem Kreidestück die Stellen, an denen Christen ansetzen soll. Der Rest ist Sache von Christens Kraft, clever eingesetzten Hebelwirkungen am Körper und viel notwendiger Konzentration. „Es braucht bei einigen Biegevorgängen aber auch das Feingefühl; zu starke Verformungen lassen sich nur schlecht beheben. Verletzungen gab es bisher noch keine. Das liegt allerdings auch an der Erfahrung“, betont Christen.

Bernie Klein wahrt bei den Biegevorgängen Zurückhaltung – fast wirkt das ehrfurchtsvoll abwartend; dann und wann hilft er beim Halten überlanger Stähle: „Wir haben da so unsere Arbeitsteilung gefunden.“ Die Zusammenarbeit entstand aus der gemeinsamen Passion für den Kraftsport. „Ich fand das immer schon faszinierend. Ich habe auch selbst lange Kraftsport gemacht und Georges schon als junger Mann kennengelernt. Die Idee zu einer künstlerischen Arbeit kam erst später, aber ist ein tolles gemeinsames Projekt“, erzählt Klein von den Anfängen.

Finaler Feinschliff

Sein spezieller Part bei den fließend wirkenden Stahlskulpturen sind der Feinschliff, wie das Schweißen und die Veredelungen der Oberflächen. „Wir beraten viel in den Pausen zwischen den einzelnen Biegungen, wie wir die Skulptur weiter aufbauen. Formende Nacharbeiten wie mit dem Hammer oder über das Erwärmen des Stahls kommen allerdings nicht in Frage.“

Das Endergebnis darf auch ruhig Spuren der nicht zu präzisen Verformung aufweisen. Ob Kleins Vater solche Ungenauigkeit gern gesehen hätte? Schließlich waren die kindliche Aufenthalte seines Sohnes im eigenen Schlossereibetrieb der Ausgangspunkt von Bernies' Leidenschaft für die Arbeit mit Metall. Aber der Sohn zeigt in den ganz eigenen Werken – die aktuell neben den mit Christen entstandenen Skulpturen in der Abtei Neumünster zu sehen sind –, dass er auch mit höchster Präzision fast schwerelos wirkende metallene Wandarbeiten schaffen kann.

Braucht Klein vielleicht nur Christens Name als Publikumsmagnet um mehr zu erreichen? „Nein, es geht hier ganz und gar nicht um die Show als Kraftmensch“, betont Christen. „Ich würde auch bei einer Vernissage keine Telefonbücher zerreißen, nur damit das Publikum etwas geboten bekommt. Uns geht es hier wirklich um eine ganz andere Facette menschlicher Anstrengung – geistig wie körperlich. Das ist etwas ganz anderes.“

Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.