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"Utøya: July 22" zeigt das Grauen aus der Sicht der Opfer
Kultur 1 2 Min. 24.11.2018 Aus unserem online-Archiv

"Utøya: July 22" zeigt das Grauen aus der Sicht der Opfer

Kaja (Andrea Berntzen) versucht ihre Schwetser zu finden und den Terror zu überleben. Der Zuschauer
erlebt das Trauma in dem norwegischen Jugendsommer
camp ganz nah mit.

"Utøya: July 22" zeigt das Grauen aus der Sicht der Opfer

Kaja (Andrea Berntzen) versucht ihre Schwetser zu finden und den Terror zu überleben. Der Zuschauer
erlebt das Trauma in dem norwegischen Jugendsommer
camp ganz nah mit.
Foto: Paradox Film 7
Kultur 1 2 Min. 24.11.2018 Aus unserem online-Archiv

"Utøya: July 22" zeigt das Grauen aus der Sicht der Opfer

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Die Filmkritik der Woche zu "Utøya: July 22": 69 Kinder und Jugendliche, die auf der Insel Utøya ausgelassene Tage im Sommercamp verbringen wollten, werden von Anders Breivik getötet. Darf man diese Geschichte im Kino erzählen und vor allem wie?

Niemand kommt von Utøya unverletzt zurück: Nicht die Kinder und Jugendlichen, die das Blutbad vom 22. Juli 2011 dort mit- beziehungsweise überlebten und auch nicht der Zuschauer, der diesen schicksalhaften Tag nun in „Utøya: July 22“ am eigenen Leib nacherleben kann.

Mit seinem Film, der bei der vergangenen Berlinale im Wettbewerb lief, aber außer einer lobenden Erwähnung der Ökumenischen Jury leer ausging, wagt der norwegische Filmemacher Erik Poppe, Jahrgang 1960, das Unmögliche: Unfassbares, die Grenzen des menschlichen Verstandes übersteigendes und nicht in Worte zu fassendes Leid zu erzählen. Darf er das? Ja, denn längst hat der Film sich aus einer reinen Unterhaltungs- beziehungsweise Dokumentationsrolle emanzipiert, um die Mission eines gesellschaftskritischen Beobachters zu erfüllen.

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Nicht das „Ob“, sondern das „Warum“ und „Wie“ sind dabei zentrale Knackpunkte. Die Antwort auf die erste Frage liefert Poppe selbst, denn er habe die Geschichte aus Sicht der Opfer erzählen wollen, unterstrich er im Interview.

Dies gelingt ihm handwerklich meisterlich: Chirurgisch präzise und nüchtern und dabei dennoch erschütternd, emotional und nicht voyeuristisch, zeigt Poppes Film, der nach einem Drehbuch von Siv Rajendram Eliassen und Anna Bache-Wiig entstand, die hierfür mit zahlreichen Überlebenden lange Gespräche führten, die brutale Realität dieses 22. Julis. Dass hierfür fiktive Charaktere erfunden wurden, ist dem Fingerspitzengefühl und der gebotenen Zurückhaltung geschuldet, die solch eine Thematisierung rezenter, dramatischer Ereignisse erfordert.

Unsichtbare Gefahr

Kaja (Andrea Berntzen) muss, passabel genervt, gerade der Mutter am Telefon versprechen, dass sie sich um die jüngere Schwester kümmert, als plötzlich Panik um sie herum ausbricht. Niemand weiß etwas Genaues, doch von bewaffneten Angreifern ist die Rede, Schüsse und Schreie sind plötzlich zu hören. Kaja versucht sich zu verstecken und muss zugleich die Schwester suchen. Doch wie sich in Sicherheit bringen vor einer unsichtbaren Gefahr?

Der Zuschauer folgt dem jungen Mädchen in Realzeit: 72 Minuten Flucht und Suche, 72 Minuten Angst, Verzweiflung und Hoffen auf Rettung – eine gefühlte Unendlichkeit lang und vor allem genauso lange wie Breiviks kaltblütiger Blutrausch dauerte. Am Ende sind 69 Jugendliche tot, 110 verletzt und alle – auf und vor der Leinwand – traumatisiert. 72 Minuten lange Unendlichkeit.

Technische Meisterleistung

Technisch ist die Umsetzung der Grundidee ebenso brillant, wie atemberaubend – nicht nur weil ihre Intensität dem Zuschauer buchstäblich den Atem stocken lässt, sondern auch, weil die 72 Minuten, die der Angriff dauerte, in einer einzigen Aufnahme gefilmt wurden – eine technische Meisterleistung. Es wundert wenig, dass der hierfür verantwortliche Martin Otterbeck auch Preisträger des diesjährigen Carlo-di-Palma-Preises ist, mit dem die European Film Academy, den besten europäischen Kameramann auszeichnet.

Die konsequente Wahl der Opferperspektive eröffnet, über die simple Identifikation hinaus, dem Zuschauer eine noch tiefer gehende Dimension: Sie fordert ihn nämlich dazu auf, sich über seine tiefe Betroffenheit hinaus damit auseinanderzusetzen, dass er letztlich froh ist, dass ihm persönlich solch ein schreckliches Erlebnis erspart blieb.

Grausam und notwendig

Wie wichtig dem Regisseur die Wahrheit für seine Wahrhaftigkeit ist, lässt sich aus Poppes Aussage ableiten, dass sogar die Zahl der im Film abgefeuerten Schüsse den im Polizeibericht aufgeführten Hülsenfunden vor Ort entspreche.

Am Ende ist „Utøya: July 22“ ein grausamer, starker und notwendiger Film, der beim Zuschauer einen bleibenden Eindruck hinterlässt, weil er nicht dramatisiert, sondern konfrontiert und dabei die Grenzen von Menschlichkeit und Moral auslotet. Niemand kehrt von Utøya unverletzt zurück ...


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