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Eine gemeinsame Wanderung
Kultur 4 Min. 11.07.2021
Uraufführung im TNL

Eine gemeinsame Wanderung

Sylvia Camarda bei einer Probe im TNL.
Uraufführung im TNL

Eine gemeinsame Wanderung

Sylvia Camarda bei einer Probe im TNL.
Foto: Anouk Antony
Kultur 4 Min. 11.07.2021
Uraufführung im TNL

Eine gemeinsame Wanderung

Thierry HICK
Thierry HICK
Bei Camille Kergers „Begegnungen“ treffen Musik, Tanz, Malerei und Video aufeinander

Bereits im Januar 2016 stellte Camille Kerger mit „Abrasch“ ein Werk in der Philharmonie vor, das Musik, Literatur und Malerei zusammenbrachte. Aktuell geht der Komponist noch einen Schritt weiter. Sein neues Werk, oder besser Gesamtkunstwerk, „Begegnungen“, das kommende Woche im Théâtre national du Luxembourg uraufgeführt wird, baut das Zusammentreffen von Genres, Gattungen und Ausdrucksformen noch weiter aus. 

Neben Kergers Komposition wird es auf der Theaterbühne etliches zu hören und sehen geben. Die Musiker von Lucilin, die Tänzerin Sylvia Camarda, der Videokünstler Paul Schumacher, der Maler Mark Anton Huber – der schon bei „Abrasch“ mitwirkte – und der Oud-Spieler Tarek Alsayed wollen ein gemeinsames Ziel erreichen. 

Oud-Spieler Tarek Alsayed.
Oud-Spieler Tarek Alsayed.
Foto: Anouk Antony


In der arabischen Kunst ist die Ornamentik nicht festgelegt. Hiermit steht diese im Kontrast mit den europäischen Ausdrucksformen.

Markus Anton Huber, Maler

Worum geht es in „Begegnungen“? Camille Kerger erklärt: „Ich bin immer von anderen, fremden Kulturen erstaunt und fasziniert. Wie funktioniert ein Mensch? Der Bezug zur Politik ist dann auch schnell da. Es geht hier auch um die Fragen rund um die Migration von Völkern, um Menschen, die wir nicht kennen. Dabei werden oft Ängste geschnürt. Es ist eine Herausforderung, das, was man sieht, auch zu verstehen. Mit der Musik kann ich als Künstler die Gesellschaft beobachten. Denn physikalisch klingt die Musik überall in der Welt gleich, die Wahrnehmung jedoch variiert und passt sich den einzelnen Gesellschaften an.“ 

Der Mastermind des Projekts, der Komponist Camille Kerger.
Der Mastermind des Projekts, der Komponist Camille Kerger.
Foto: Anouk Antony

 

Begegnungen sollen bewusst provoziert werden 

Mit der Hinzunahme eines Oud-Spielers in sein Projekt will der Komponist Türen zur arabischen Welt öffnen und Begegnungen provozieren. Der österreichische Maler Markus Anton Huber, der mit live auf malerisch auf der Bühne auf die Situation reagiert, teilt die gleiche Auffassung: „In der arabischen oder islamischen Kunst ist die Ornamentik nicht festgelegt. Hiermit steht diese im Kontrast mit den europäischen Ausdrucksformen. Wir haben die Verbindung zur arabischen Welt verloren. In meiner Arbeit suche ich ein Zusammenspiel zwischen beiden Elementen und Welten. Ich will eine Art von Synthese erreichen.“ 

 Camille Kerger beschäftigt sich seit Jahren mit ethnischer Musik. Tonsprachen aus den arabischen und asiatischen Welten sind ihm Offenbarungen und Quellen. Mit „Begegnungen“ sucht er „eine Konfrontation“ zwischen seiner Tonsprache und arabischen Musiktraditionen. Dabei ist „eine Verwässerung der ethnischen Elementen sicherlich der falsche Weg“. 

Maler Markus Anton Huber.
Maler Markus Anton Huber.
Foto: Anouk Antony

Zusammenprall und Konfrontation 

Aus diesem gesuchten Zusammenprall sollen also eher ein beidseitiger Austausch entstehen können, so der Komponist, der mit dem Oud-Spieler Tarek Asayed diese Konfrontation erleben will. 

Für Kerger soll „Begegnungen“ als ein Spiegel des Ist-Zustands unserer Gesellschaft interpretiert werden können. Soll das Werk dem Zuschauer dann eine Botschaft mitteilen? „Nein, dass behaupten zu wollen, wäre recht überheblich von uns allen. Hier geht es um ein individuelles Fortschreiten, um ein gemeinsames Stück Wandern“, betont der Musiker, der diese Metapher als begeisterter Wanderer ganz bewusst nutzt. 

Für seine kompositorische Arbeit hat Kerger Maqamen – die Melodiemodelle im arabischen Tonsystem – benutzt und betont, dass diese mit den europäisch temperiert gestimmten Instrumenten vom Ensemble Lucilin im Einklang gebracht werden können. 

Probe im TNL.
Probe im TNL.
Foto: Anouk Antony

 Kein Eintopf, keine Symbiose 

Neben der Musik von Camille Kerger und der Malerei von Markus Anton Huber werden weitere Elemente auf der Bühne des TNL zusammenstoßen. „Es wird kein buntgewürfelter Eintopf“, warnt der Maler. Jeder mitwirkende Künstler wird mit seiner Sprache, mit seinen Mitteln das Konzept mitgestalten können. „Es soll ein gemeinsames Erlebnis werden“, so Kerger. „Es entsteht keine Symbiose zwischen den Genres, also kein riesiges Feuerwerk am Ende. Ich suche liebe ein Zusammenkommen und ein Auseinanderdriften der Partner.“ 

„Begegnungen“ ist in drei Teile aufgebaut: Nach einem eher düsteren Start, kommt es zu einer ersten frohen und farblichen Auseinandersetzung, bevor zum Schluss ein neues Angebot dargelegt wird. „Es ist eine Art Gespräch in einer Form von These, Antithese und Synthese“, unterstreicht Huber. 

Es geht hier um Fragen rund um die Migration von Völkern, um Menschen, die wir nicht kennen. Dabei werden oft Ängste geschnürt.

Camille Kerger, Komponist

Das Warten hat ein Ende

 Diese Woche finden erstmals gemeinsame Proben im TNL statt. Der TNL-Dramaturg Andreas Wagner wird dafür sorgen, dass das Kaleidoskop aus den verschiedensten künstlerischen Elemente zu einem Ganzen heranwachsen kann. „Auch wenn jeder von uns seine Rolle und seine Aufgaben kennt, nehmen wir uns noch Zeit, verschiedene Aspekte gemeinsam auszudiskutieren“, berichtet Huber, der wie Camille Kerger ungeduldig auf die beiden – bereits ausverkauften – Vorstellungen wartet. 

 Nach der zweijährigen Planungphase und Terminverschiebungen wegen der Corona-Krise kommt das Werk nun endlich auf die Bühne. „Wir wollen es jetzt einfach spielen, wir haben lange genug gewartet“, betont Camille Kerger. Dass es nur zu zwei Vorstellungen zum Saisonende im TNL mit einer begrenzten Zahl an Zuschauern kommen kann, nehmen die Verantwortlichen in Kauf. Weitere Vorstellungen in Luxemburg oder im Ausland sind vorstellbar, so Kerger und Huber. Wann und wo? Diese Fragen bleiben heute unbeantwortet. 

 Die beiden „Begegnungen“-Vorstellungen am 12. und 13. Juli im TNL sind coronabedingt restlos ausverkauft. 

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