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Unter dem Schutz des Caudillo
Kultur 1 3 Min. 14.11.2021
Zapping

Unter dem Schutz des Caudillo

Isabel Garrido (Blanca Suárez) geht auf ihren Rachefeldzug.
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Unter dem Schutz des Caudillo

Isabel Garrido (Blanca Suárez) geht auf ihren Rachefeldzug.
Foto: Netflix
Kultur 1 3 Min. 14.11.2021
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Unter dem Schutz des Caudillo

Marcel KIEFFER
Marcel KIEFFER
Netflix-Serie „Jaguar“ über Nazijäger versinkt im Niemandsland.

Es gibt in der Fülle von Produktionen auf dem Streaming-Markt Serien, von denen man sich auf Anhieb, in Anbetracht ihrer thematischen Vorgaben und ihres realhistorischen Kontextes, viel verspricht. In manchen Fällen zu viel. Dies trifft auf die neue, von dem Duo Ramón Campos und Gena R. Neira verantwortete spanische Netflix-Serie „Jaguar“ zu, in der es um das Aufspüren und die Verfolgung im Franco-Spanien der 60er Jahre untergetauchter Nazi-Bonzen geht. Ein Thema, bei dem man sich aufgrund seiner historischen Veridizität ein Mindestmaß an narrativer Glaubwürdigkeit und atmosphärischer Tiefsinnigkeit erwartet. Bei „Jaguar“ allerdings steht das Urteil schnell fest: es ist ein auf allen Ebenen enttäuschender Ausflug ins anspruchslose Niemandsland.

Dem Thema nicht gerecht geworden

Unter den vielen, dieser Serie vorzuwerfenden Missgriffen und Versäumnissen wiegt ein Versagen besonders: der irrige Glaube der Produzenten und Drehbuchschreiber, mit einer vordergründig auf Action und Spannung ausgerichteten Geschichte dem auf einem weitaus höheren Niveau gelegenen, pietätvollem Respekt vor der Tragik der Opferschicksale verpflichteten Thema gerecht werden zu können.

Zu glatt, plakativ und reißerisch präsentiert sich die grob gestrickte Story vom persönlichen Rachefeldzug der jungen, hübschen, mit allen Waffen und Nahkampftechniken sich auskennenden Spanierin Isabel Garrido (Blanca Suárez, „Die Telefonistinnen“), einer ehemaligen Insassin des KZ Mauthausen, wo sie dem diabolischen SS-Offizier und Mörder ihres Vaters, Otto Bachmann (Stefan Weinert, „Capitani“), begegnete.

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Eine Gruppe ehemaliger KZ-Häftlinge  

Auf den Spuren Bachmanns, der nun, zwanzig Jahre nach Kriegsende mit seiner Frau Ilse im Kreis seiner Kameraden aus früheren Zeiten in schamloser Offenheit in den höheren Zirkeln des faschistischen Spanien paradiert, schließt sie sich einer Gruppe anderer ehemaliger KZ-Häftlinge, Lucena (Iván Marcos), Castro (Óscar Casas), Sordo (Adrián Lastra), Marsé (Francesc Garrido), an. Um Gegensatz zu ihr wollen diese Bachmann und seine Komplizen für ihre Verbrechen gegen die Menschheit vor ein Gericht bringen, um ihre Taten der Öffentlichkeit preiszugeben. 


Alles, was man auf dem Bildschirm haben sollte
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 Doch dieser minimale Ansatz thematischer Nüanciertheit geht in einer atemlosen und immer wieder auf verstörende filmische und szenische Effekte – billiger Interpretationspathos, allzu häufige Zeitlupen-Aufnahmen und Rückblenden, nervige, überpräsente und vielfach unpassende Filmmusik – zurückgreifende, wilde Verfolgungsjagd im Stil einer vordergründigen „Good Guy-Bad Guy“-Posse aus dem B-Movie-Sektor unter.

Dies wird auch nicht besser dadurch, dass mit der Einbeziehung der historisch authentischen Figur des berüchtigten Mauthausener KZ-Lagerarztes Aribert Heim ein historisch nachweisbarer Faktor mit der fiktiven, völlig unnüanciert überzeichneten Bösewicht-Figur des Otto Bachmann vermischt wird. Heim gehörte zu den nach Kriegsende weltweit am meisten gesuchten ehemaligen NS-Kriegsverbrechern, wurde allerdings erst spät als der berüchtigte „Schlächter von Mauthausen“ enttarnt, woraufhin er 1962 untertauchte, das heißt genau in dem Jahr, in dem die Serie „Jaguar“ spielt. Laut dieser sollte es Bachmann sein, über den die Flucht von Heim via Spanien organisiert wurde.

 Die Eichmann-Affäre   

Mit den mehrfachen Verweisen auf die reale, zeitgleiche Eichmann-Affäre und die Kontextualisierung mit dem politisch-gesellschaftlichen Rahmen der faschistischen Franco-Diktatur, in der ein Untertauchen ehemaliger NS-Schergen unter dem Schutz des Caudillo durchaus denkbar war, mündet das Ganze in ein überkonstruiertes pseudo-historisches Imbroglio, das allenfalls den Anhängern temporeicher Actionthriller mit mäßigem Anspruch auf Realismus und inhaltliche Glaubwürdigkeit genügen kann.

„Jaguar“ ist eine Serie, nach der so niemand verlangt hat, deren seichte Anspruchslosigkeit allerdings nicht gegen einen möglichen Publikumserfolg spricht und damit, ganz in der Logik der kommerziellen Streaming-Industrie, durchaus eine weitere Staffel befürchten lässt. Es sei denn das Anspruchsdenken in diesem nicht immer auf niveauvolle Qualität achtenden Geschäft bleibt, wider Erwarten, für eine (positive) Überraschung gut.

„Jaguar“ ist als sechsteilige Serie auf Netflix abrufbar. 

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