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Unsere Musikkritik: Iggy Pop: Müde "Post Pop Depression"
Kultur 2 3 Min. 02.04.2016 Aus unserem online-Archiv

Unsere Musikkritik: Iggy Pop: Müde "Post Pop Depression"

Auf dem neuen Albumcover ist Iggy Pop (2. v.l.) mit seinen Mitmusikern zu sehen.

Unsere Musikkritik: Iggy Pop: Müde "Post Pop Depression"

Auf dem neuen Albumcover ist Iggy Pop (2. v.l.) mit seinen Mitmusikern zu sehen.
Cover: Loma Vista
Kultur 2 3 Min. 02.04.2016 Aus unserem online-Archiv

Unsere Musikkritik: Iggy Pop: Müde "Post Pop Depression"

Was hat Iggy Pop denn da abgeliefert? Unsere Musikkritikerin Vicky Stoll hat sich das jüngste Album des Altmeisters angehört.

Von Vicky Stoll

Mit seinem nackten, sehnigen, von ledriger Haut überzogenen Oberkörper gockelt er in abenteuerlichen Verrenkungen am Rande einer Bühne entlang, der pure Hedonismus in den stahlblauen Augen: Iggy Pop greift lüstern nach dem Leben. Während seine Zeitgenossen einer nach dem anderen den Löffel abgeben, hüpft er immer noch wie ein von der Tarantel gestochener Irrer umher und spuckt und raunt seine viel zitierten Zeilen in ein Mikro.

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Diese ungebändigte Energie muss er sich allerdings inzwischen diszipliniert zusammensparen, denn Iggy wird im April 69 Jahre alt. Seinen Tag läutet er mit einer Tai-Chi-Routine ein, anschließend erledigt er alle lästigen Pressetermine, um sich dann, wie er kürzlich einem Journalisten verriet, den „humaneren“ Dingen des Lebens zu widmen. Und damit meint der Berufsrüpel schon lange nicht mehr Sex, Drogen und Alkohol. Diese Zeit hat er hinter sich gelassen. Über seine Heroinsucht soll ihm sein kürzlich verstorbener enger Freund David Bowie in den 80er-Jahren hinweggeholfen haben.

Künstlerischer Stillstand oder Symbol von Authentizität?

An Iggys Erfolgsformel hat sich über fünf Jahrzehnte wenig geändert. Sie geht so: eine halbnackte Rampensau, ein räudiges Gitarrenriff, eine Suppenkelle voll Testosteron, eine auf den Kern reduzierte Parole und ein Überschuss an Energie – fertig. Iggy ist zudem der Ansicht, dass einfache Texte mit einer klaren Aussage eine längere Haltbarkeit hätten als der verschwurbelte „mush“ (dt.: Brei), den man heutzutage im Radio hört.

Von wegen Mumie: Iggy Pop ist immer noch schwer im Geschäft.
Von wegen Mumie: Iggy Pop ist immer noch schwer im Geschäft.
Foto: AFP

James Newell Osterberg, so heißt Iggy auf dem Pass, zeigt jedenfalls keine Anzeichen von Müdigkeit, wenn es darum geht, diese Formel alle paar Jahre herauszukramen, wenn wieder ein neues Album mit den Stooges oder Solo ansteht. Man kann ihm das als Mangel an Weiterentwicklung ankreiden oder man feiert den Mann als Symbol von Authentizität und Standhaftigkeit.

Nach zahlreichen Kollaborationen mit den verschiedensten Künstlern – Peaches, Debbie Harry, David Bowie, Ke$ha, New Order, Alice Cooper, Goran Bregovic, At The Drive-In ... die Liste ist endlos – hat sich der rastlose Iggy zum Anlass seines neuen Albums „Post Pop Depression“ mit den Queens Of The Stone Age, den Wüstenrockern um Josh Homme, zusammengetan.

Eingeläutet wird die neue Platte durch „Break Into Your Heart“. Iggys Stimme klingt theatralisch, raumergreifend und bedrohlich, zu Beginn nur von Hommes Gitarre begleitet, das typische und unverkennbare Vibrato elektrisiert den Hörer. Das zweite Stück „Gardenia“ lockert die bleierne Stimmung wieder auf. Vergnügt dahingroovende Strophen werden gefolgt von einem Ohrwurmrefrain.

Iggy spricht zu einem Mädchen namens Gardenia und raunt ihr zu, was er mit ihr anstellen will.

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Lyrischen Tiefgang sucht man vergebens, stattdessen lässt man sich von Iggys primitivem und ironisierendem Charme einlullen. „American Valhalla“ tröpfelt so dahin, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck. Die irgendwie plumpe Abrechnung mit dem Showbusiness, „In The Lobby“, geht musikalisch und inhaltlich unter.

Durchwachsener Songmix

„Sunday“ wartet mit einer interessanten Dramaturgie auf und endet völlig unerwartet in einer Art Schunkelsymphonie. Den Tiefpunkt des Albums bildet „Vulture“, das mit seinen platten Zeilen und dem nervigen Refrain einfach auf ganzer Linie misslungen ist.

Unter den drei verbleibenden Songs sticht „Chocolate Drops“ heraus. Alle Elemente des Liedes wirken wie eine Parodie eines depressiven Mid-Tempo-Rocksongs. Der Refrain bestätigt diesen Eindruck schließlich: „When you get to the bottom, you're near the top, the shit turns into chocolate drops“.

Wer etwas wirklich anderes von Iggy hören möchte, der ziehe sich doch seine Vertonung der Walt-Whitman-Gedichte aus „Leaves of Grass“ auf die Lunge. Diese Zusammenarbeit mit Tarwater und Alva Noto ist ebenfalls diesen Monat erschienen.
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Iggy Pop wird am 11. Juli im Rahmen des OMNI-Festivals neimënster spielen. Karten unter www.atelier.lu


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