Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Unsere Filmkritik: „The Unexpected Virtue of Ignorance“
Kultur 1 3 Min. 31.01.2015

Unsere Filmkritik: „The Unexpected Virtue of Ignorance“

Unsere Filmkritik: „The Unexpected Virtue of Ignorance“

(Foto: 20th Century Fox)
Kultur 1 3 Min. 31.01.2015

Unsere Filmkritik: „The Unexpected Virtue of Ignorance“

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Nicht nur die Wege des Herrn, auch die der „Hollywood Foreign Press Association“ sind unergründlich. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie bei den diesjährigen Golden Globes Alejandro González Iñárritus „Birdman“ nur mit einer einzigen Auszeichnung – für Hauptdarsteller Michael Keaton – bedachten?

Von Vesna Andonovic

Nicht nur die Wege des Herrn, auch die der „Hollywood Foreign Press Association“ sind unergründlich. Wie sonst ließe sich erklären, dass sie bei den diesjährigen Golden Globes Alejandro González Iñárritus „Birdman“ nur mit einer einzigen Auszeichnung – für Hauptdarsteller Michael Keaton – bedachten?

Die „Critics' Choice Awards“ ihrerseits, ebenso wie die „Screen Actors Guild Awards“ und die „Producers Guild Awards“ zeigten sich gnädiger und verliehen der Tragikomödie gleich mehrere Auszeichnungen. Richtig spannend wird es dann, am 22. Februar, wenn bekannt gegeben wird, wieviele seiner neun „Academy of Motion Picture Arts and Sciences“-Nominierungen der Superheld im Vogelkostüm in goldene Oscar-Statuen umsetzt angesichts der starken Konkurrenz von Linklaters „Boyhood“ und Tyldums „The Imitation Game“.

360 Videos werden hier nicht unterstützt. Wechseln Sie in die Youtube App, um das Video anzusehen.

Beeindruckende Virtuosität

Dabei ist dieses unbekannte Flugobjekt am Himmel von Hollywood wenn nicht der beste, dann zweifelsohne einer der drei besten Filme das Jahres, denn 2015 wird Filmliebhabern – was Form und Inhalt anbelangt – Spannenderes nicht bieten können! Scheint eine solche Einschätzung gewagt, gar leichtfertig oder überheblich? Nicht so, wenn man die erste Viertelstunde des Opus erst mal gesehen hat. Denn die Virtuosität, die sie offenlegt, ist so beeindruckend, dass es einem buchstäblich den Atem verschlägt.

Dabei gilt: Der mexikanische Regisseur legt dank klarer Anhaltspunkte ein streng mathematisches Koordinatensystem nur vor, um es dann flugs mit einer selten so gesehenen Intelligenz zu sprengen. Schnell versteht man, dass dieser Riggan (Michael Keaton), der da in seiner Theaterloge sitzt bzw. schwebt, als Schauspieler in der Comic-Superheldenadaptierung „Birdman“ zu schnellem Ruhm gelangte und jetzt den Sprung ins „seriöse“ Theaterfach und auf die Broadway-Bühne wagt – und sich dies nicht so simpel gestaltet ...

Iñárritu kennt seine Klassiker und schwingt in seiner Kameraführung, meisterlich umgesetzt von Emmanuel Lubezki (u. a. „Sleepy Hollow“, „Children of Men“, „The Tree of Life“ und „Gravity“), irgendwo zwischen Hitchcock und Ophüls – und das Resultat ist, selbst für geübte Kinogänger, ein Augenschmaus.

Oscarreife Leistung: Michael Keaton
Oscarreife Leistung: Michael Keaton
(Foto: 20th Century Fox)

Spiel, Spaß und Spannung

Auch wenn er diverse Aufnahmen von Douglas Crise und Stephen Mirrione zusammenschneiden lassen musste, sind Iñárritus Übergänge so fließend, dass sie meist unsichtbar scheinen und der Zuschauer von der Geschichte wie vom unaufhaltsamen Strom der Zeit unwiderstehlich mitgerissen wird. Widerstand ist zwecklos: Sich an den einzelnen Figuren, wie an stetig schwankenden und wechselnden Ankerpunkten festklammernd, folgt man gebannt deren verzweifeltem Streben nach Erfolg, Anerkennung und letztlich einfach nur Liebe.

In seiner formal schwindelerregenden Schnitzeljagd legt Iñárritu subtile kleine Indizien- und Referenz-Steinchen aus, denen der Zuschauer Hänsel und Gretel gleich folgt. Nicht nur bei der Entwicklung des Drehbuchs, dessen Komplexität allein darauf hinaussteuert, sie kristallklar erscheinen zu lassen, auch im dunklen Saal schwillt die Neuronenaktivität zu einem symphonischen Feuerwerk.

Bissig-selbstkritische Nabelschau

Selbst wenn „Birdman“ von der Thematik des – scheinbar – hermetischen Showbusiness-Mikrokosmos (inklusive nicht minder neurotischer Mediengalaxie!) und dessen Makro-Ego-Gesetzen auf bekannten und zudem oft erforschten Pfaden wandelt, präsentiert sich diese bissig-selbstkritische Nabelschau sprachlich so gewieft und unterhaltsam, dass man sich der Faszination ihrer Doppelbödigkeit nicht entziehen kann. Wie ein stetiger visueller und darstellerischer Balanceakt, hervorragend nuanciert getragen von – mit Edward Norton, Emma Stone, Naomi Watts oder Lindsay Duncan – einer Traumbesetzung um Keaton, vereint „Birdman“ Spiel, Spaß und Spannung auf allerhöchstem Niveau.

Ein Film, den man sich öfter ansehen kann – und sollte! Das erste Mal wegen der atemberaubenden formalen Umsetzung und spritzigen Dialoge. Ein weiteres Mal wegen der hervorragenden Schauspieler. Und ein drittes Mal, einfach nur weil es so schön ist!

Wenn die Ignoranz im aktuellen Zeitgeist – augenscheinlich – immer öfter zur Tugend wird, kann man sich wohl einfach nur hemmungslos freuen, wenn lasterhafte Filme wie „Birdman“ umso verführerischer erscheinen. The rest is ...showtime!


Lesen Sie mehr zu diesem Thema

Lust auf noch mehr Wort?
Lust auf noch mehr Wort?
7 Tage gratis testen
E-Mail-Adresse eingeben und alle Inhalte auf wort.lu lesen.
Fast fertig...
Um die Anmeldung abzuschließen, klicken Sie bitte auf den Link in der E-Mail, die wir Ihnen gerade gesendet haben.