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Unsere Filmkritik: "The Florida Project": Die Misere neben Mickey Mouse
Kultur 2 3 Min. 20.01.2018 Aus unserem online-Archiv

Unsere Filmkritik: "The Florida Project": Die Misere neben Mickey Mouse

Auch unter dem strahlend blauen Himmel Floridas gibt es Schattenseiten: Halley (Bria Vinaite) und ihre Tochter Moonee (Brooklynn Prince) leben von Sozialhilfe.

Unsere Filmkritik: "The Florida Project": Die Misere neben Mickey Mouse

Auch unter dem strahlend blauen Himmel Floridas gibt es Schattenseiten: Halley (Bria Vinaite) und ihre Tochter Moonee (Brooklynn Prince) leben von Sozialhilfe.
Foto: Le Pacte
Kultur 2 3 Min. 20.01.2018 Aus unserem online-Archiv

Unsere Filmkritik: "The Florida Project": Die Misere neben Mickey Mouse

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Das Scheitern des amerikanischen Traumes offenbart sich im Schatten Disneylands – und doch schimmert da auch Hoffnung. Der amerikanische Traum ist tot. Doch mitten in der Ödnis, die er hinterlässt, ist nicht alles verloren: In einem schäbigen Motel in Florida fristen die sechsjährige Moonee und ihre Mutter Halley ein Dasein im sozialen Abseits – doch auch hier gibt es kleine Freuden und Wunder.

„Weißt du, warum das mein Lieblingsbaum ist?“, fragt Moonee ihre Freundin Jancey und antwortet auf ihr „Warum?“: „Weil er umgefallen ist – und trotzdem weiterwächst.“ In diesem kurzen Dialog lässt sich das zentrale Thema der sozialen Ausgrenzung von Sean Bakers „The Florida Project“ zusammenfassen, und zugleich aufzeigen, weshalb seine Zeichnung davon treffend ist und berührt: Weil der amerikanische Regisseur diese Sätze einem forschen Dreikäsehoch in den Mund legt und ihm dabei das Kunststück gelingt, dass sie ganz natürlich klingen, fast so, als hätte der Zuschauer sie zufällig im Vorbeispazieren aufgeschnappt.

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Authentisch und frisch klingt „The Florida Project“ nicht nur, der Film ist es auch – und macht so erst die eigentliche Tragik des Gezeigten überhaupt erträglich und ein Stück weit glaubhaft erfahrbar.

Denn die sechsjährige Moonee und ihre Mutter Halley (Bria Vinaite) leben in einem schäbigen Motel in Florida. Hinter der lila Fassade waltet Manager Bobby (Willem Dafoe) – mit Nachsicht – über die gescheiterten Existenzen, die dort gestrandet sind.

Das Geld für die wöchentliche Miete kratzt die arbeitslose Alleinerziehende sich durch Straßenverkäufe von billigem China-Parfüm, kleinen Gaunereien, gar Prostitution zusammen. Da wundert es wenig, dass sie als Rollenmodell nicht wirklich ein leuchtendes Beispiel ist, und die Kleine ihre Zeit mit Spielkamarad Scooty damit verbringt, auf Autos zu spucken, manchmal auch mit dem Feuer zu spielen oder Geld für Eis zu erbetteln.

Wie andächtig beide Freunde dieses teilen und wie unbeschwert, selbst geradezu kindlich-unreif Halley mit ihrer Tochter herumtollt, lässt ihre Unzulänglichkeiten als Mutter in einem gewinnend menschlichen Licht erscheinen und Mitgefühl für die Charaktere aufflackern. Die Erwachsenen scheitern zwar in ihren sozialen Rollen, doch sie bleiben stets Menschen, die wenn schon keine Anerkennung zumindest Empathie und somit die Chance auf eine zweite Chance verdienen.

Hervorragende Besetzung

In seiner Bildästhetik und Farbgebung erinnert „The Florida Project“ zuweilen an Andrea Arnolds „American Honey“: Beide sind es auch, die ihm diese überraschend leichtfüßige und dabei stets schlüssige, visuelle Unbeschwertheit geben. Der Kontrast der Farben als Gegenpol zur Tristesse des Alltags nuanciert und bereichert dabei beide Tatbestände.

Dass seine junge Hauptdarstellerin Brooklynn Prince (sieben Jahre alt!) bisher schon mehrere Auszeichnungen für ihre Rolle in „The Florida Project“ erhielt – unter anderem den der besten Nachwuchsschauspielerin des „Women Film Critics Circle“ und „Broadcast Film Critics Association“ – ist nicht nur ihr, sondern ebenfalls dem Drehbuch geschuldet, das der Regisseur zusammen mit seinem langjährigen Ko-Autor Chris Bergoch schrieb.

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Hier mischt sich ein geradezu dokumentarischer Ansatz mit einer Erzähltechnik, wie sie bisweilen auch der Luxemburger Regisseur Govinda Van Maele in seinen Kurzfilmen nutzte. Hier wird der Monotonie und Ausweglosigkeit einer Existenz im sozialen Abseits die kindliche Sicht entgegengestellt, und so entsteht Poesie, mit einer erzählerisch überaus wirksamen Gegenüberstellung der Benehmen der kleinen und großen Protagonisten, wobei Erstere Letztere nachäffen und so Benehmensdynamiken und -fallen offenlegen.

Das glückliche Händchen bei der Besetzung ist dabei Sean Bakers Markenzeichen. Und so schnell kann's gehen: Da ist Bria Vinaite auf Instagram, um ihre Kleiderreihe zu bewerben, und plötzlich hat sie eine Hauptrolle an der Seite des zweifach Oscar-nominierten Leinwandveterans Willem Dafoe und spielt überzeugend in einer der mit Lob überhäuften Filmproduktionen des Jahres.

Für „Tangerine“ erhielt Sean Baker bereits 2015 Auszeichnungen beim Filmfestival von Deauville und Karlovy Vary. Auch „The Florida Project“, wie Disneyland in seiner Bauphase genannt wurde, ist ein starker Film mit leisen Zwischentönen und einer hervorragenden Besetzung. Der Traum mag tot sein und die amerikanische Gesellschaft im Sterben liegen, ihre Menschlichkeit und somit ebenfalls die Chance auf einen Ausweg hat sie am Ende nicht verloren.