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Unsere Filmkritik: "Moonlight": Trotz Anspruch massentauglich
Kultur 2 2 Min. 04.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Unsere Filmkritik: "Moonlight": Trotz Anspruch massentauglich

Ashton Sanders verleiht seiner Rolle herausragende Züge.

Unsere Filmkritik: "Moonlight": Trotz Anspruch massentauglich

Ashton Sanders verleiht seiner Rolle herausragende Züge.
Foto: A24/David Bornfriend
Kultur 2 2 Min. 04.02.2017 Aus unserem online-Archiv

Unsere Filmkritik: "Moonlight": Trotz Anspruch massentauglich

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Das für acht Academy Awards nominierte „Moonlight“ erzählt einfühlsam eine doppelt schwierige „Coming of age“-Geschichte.

Von Vesna Andonovic

Vielleicht gibt es sie am Ende ja doch: die ausgleichende Gerechtigkeit. Denn hatte man – vor allem nach dem Festival-Erfolg von „The Birth of a Nation“ – am zeitgenössischen afroamerikanischen Kino zweifeln können, so macht „Moonlight“ dies alles flugs wett.

Nicht von ungefähr zieht der Film von Barry Jenkins mit „Arrival“ von Denis Villeneuve gleich und platziert sich so, nach „La La Land“ und seinen 14 Nominierungen, mit deren acht im Favoritentrio für die kommenden Academy Awards, am 26. Februar. In seinem, nach „Medicine for Melancholy“ (2008), zweiten Spielfilm erforscht Jenkins, der ebenfalls für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, wie nicht nur die Persönlichkeit durch Elternhaus und Milieu konditioniert werden, sondern ebenfalls der Lebensweg dadurch vorgezeichnet wird.

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Als Vorlage diente ihm dabei das Frühwerk seines Landsmanns, des Autors und Schauspielers Tarell Alvin McCraney, „In Moonlight Black Boys Look Blue“. Und aus dessen autobiografischem Theaterstück macht Jenkins einen überaus stimmigen Film, der das doppelt schwierige „Coming of age“ eines jungen, homosexuellen Schwarzen nachzeichnet.

Für den Zuschauer bedeutet dies dennoch keine trockene, soziologische Studie, sondern ein Eintauchen mit allen Sinnen – Jenkins weiß ganz geschickt, Kamera und Tonspur einzusetzen, um sein Publikum empathisch zu fesseln – in ein Milieu, das, wenngleich es ihm zu Beginn komplett fremd ist, dennoch schnell vertraut wirkt.

Schmerz und Hoffnung

Der zehnjährige Chiron lebt mit seiner Crack-abhängigen Mutter in Liberty City, ein Stadtteil von Miami, dessen ärmliche Realität alles andere als ihren Namen gebührend trägt und scheinbar wenige bis hin zu keine Zukunftsperspektiven eröffnet. Im lokalen Dealer Juan und seiner Freundin Teresa findet der Junge eine Art Ersatzfamilie, und sein kubanischer Schulfreund Kevin scheint der Einzige zu sein, der ihm menschliche Wärme gibt.

Während sich sein Umfeld nicht verändert, wird aus dem sensiblen Einzelgänger über die Jahre ein respekteinflößender Dealer. Doch ob das der wahre Chiron ist, kann erst ein Wiedersehen mit Kevin eröffnen ...

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Jenkins, Jahrgang 1979, und McCraney, Jahrgang 1980, erzählen von einem Leben, das sie selbst, als aus Miami gebürtige Schwarze kennt. Doch statt den Film in einem nüchternen Dokumentarstil zu inszenieren bzw. in ihm mit dem moralischen Zeigefinger zu wedeln, verleiht Jenkins ihm eine mitreißende visuelle Poesie, die stellenweise zwischen Andrea Arnolds „American Honey“ und Terrence Malicks Bildgewalt schwankt, und aufzeigt, dass sich, selbst in der aussichtslos scheinenden Situation, Alternativen präsentieren können.

Großer Bogen

Dabei wechselt Chiron als 10-, 16- und fast 30-Jähriger von „Little“ zu Chiron, der langsam seine Sexualität entdeckt, bis hin zum Dealer „Black“, der am Scheideweg seiner Existenz angelangt ist. Dass Jenkins Film nicht zur Stilübung wird, sondern durch seine lebhafte Zeichnung einer recht unschönen, amerikanischen Realität besticht, hat er seiner eindrucksvollen Besetzung zu verdanken.

Ihr gibt das Drehbuch eine nuancierte Figurenpalette vor, bei der es keine Guten und Bösen gibt, sondern jeder einzelne der Menschen für sich und bei den anderen mit beiden Seiten umzugehen lernen muss. Nicht nur geübte Schauspieler, wie der „House of Cards“-Remy Dayton Mahershala Ali als (oscarverdächtiger) Drogenboss Juan, mit überaus menschlicher Seite, und „Moneypenny“-Naomie Harris beeindruckt als drogenabhängige Mutter, auch Neulinge wie der Jungschauspieler Alex R. Hibbert erfüllen ihre Figuren mit einer berührenden Menschlichkeit, in der Schmerz und Hoffnung stets koexistieren.

So sehr man den Film als Unterhaltungsmedium auch schätzen mag, über sich hinaus wächst er erst richtig in Produktionen wie „Moonlight“, die Realität und Poesie verschmelzen.