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Unsere Filmkritik: "Hateful 8": Grausames Kammerspiel
Kultur 2 3 Min. 09.01.2016

Unsere Filmkritik: "Hateful 8": Grausames Kammerspiel

Wieder für Tarantino im Einsatz: Samuel L. Jackson.

Unsere Filmkritik: "Hateful 8": Grausames Kammerspiel

Wieder für Tarantino im Einsatz: Samuel L. Jackson.
Foto: The Weinstein Company
Kultur 2 3 Min. 09.01.2016

Unsere Filmkritik: "Hateful 8": Grausames Kammerspiel

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Nicht die Fantastic Four oder gar die glorreichen Sieben sondern die "Hateful 8" stehen aktuell ihren Mann. Quentin Tarantinos Film hat in fast drei Stunden Länge einige Durststrecken und bietet sonst eher den gewohnten Mix, meint unser Kritiker Daniel Conrad.

Um es gleich vorwegzunehmen: Seinen oberflächlichen Fans wird der jüngst veröffentlichte Streifen „Hateful 8“ sicher gefallen – sie bekommen das übliche Programm in Kapiteleinteilung und mit gewohnten Tarantino-Darstellern. Die, die sich einen absolut herausragenden Film versprochen haben, werden enttäuscht – dafür ist dieses stundenlang ausgedehnte Kammerspiel von Gangstern in einer schneeverwehten Hütte einfach zu anödent. Und für die üblichen Kritiker, die Tarantinos Gewaltorgien im Kino schon immer abgelehnt haben, gibt es einmal mehr Wasser auf die Mühlen – auch wenn sie vielleicht zugeben müssten, dass Tarantino in seinen Interpretationen von Geschichte und dem harten Darstellen von Hass durchaus zum Umdenken anregen könnte. 

Zum Detail: Ein Haufen von Mistkerlen – und in diesem Fall auch einem Drecksweib – findet sich kurz nach dem Ende des amerikanischen Bürgerkriegs im „Minnie's Haberdashery“ während eines Blizzards zusammen. Während draußen die Schneehölle tobt, wimmelt es in dem wärmenden Holzverschlag, diesem Huis-clos, nur so von Betrügern, Gangstern Mördern, Schlächtern, Kopfgeldjägern und geldgierigen Opportunisten mit ihren üblich kruden Wertvorstellungen von Moral, Loyalität, und Geschäft sowie einer gehörigen Portion von individuellem Hass, was sich dann in ausgesprochenem Rassismus und allzu hohem Adrenalinspiegel in der Konfrontation mit den jeweiligen Hassmotiven ausdrückt.

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Hass in seinen schlimmsten Formen

Natürlich hat hier im Prinzip jeder gegen jeden etwas: Nord- gegen Südstaatler, Schwarz gegen Weiß, usw. – fast schon zu sehr konstruiert. Allianzen schmieden kann man natürlich aus Eigennutz immer.

Knapp zwei Stunden dümpelt es dahin, der erste Tote irgendwann eine Frage der Zeit – bis schließlich das Pulverfass explodiert, die Masken der Selbst- und Fremdtäuschung abgenommen werden und der Gewalt – Vergewaltigung und perfidere Taktiken inklusive – in spritzendem Rot freier Lauf gelassen wird. Insgesamt braucht es dazu die Rückblenden und die Längen an Erklärungen eigentlich nicht. Durststrecken entstehen. Tarantino verliert sich scheinbar in seiner typischen Mischung: den Anspielungen an die Filmhistorie, die sichtbare Detailversessenheit in den Bildern, den Antagonismen zwischen elaboriertem, geradezu respektvoll-höflich oder scheinbar klug-gebildetem Dialog und physischer Gewalt.

Obendrauf kommen aber zudem, wie in keinem seiner Filme bisher, Tarantinos politisch-historische Kommentierungen: In „Hateful 8“ analysiert er über die Dialoge die amerikanische Geschichte und die Wurzeln der gesellschaftlichen Bruchlinien auf seine Art und spielt damit zudem in Konsequenz quasi auf die rassistischen Ereignisse des vergangenen Jahres an – aus seiner Sicht sicher richtig und für Kenner der USA ein Mehrwert. Doch braucht es dazu wirklich dann noch den Ballast der Blutspritzereien, um sich und den Fans in diesem Punkt treu zu bleiben?

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Herrliche Bilder!

Was bleibt von „Hateful 8“ haften – jenseits der Schocker wie malträtierten Körpern und schlimmsten Erniedrigungen? Die Gleichberechtigung der Frau so brutal wie ein Mann einstecken zu müssen. Für Sensiblere bleiben sicher die Panoramen und die Freude am Bild – man bedauert es fast, dass die Schneelandschaft nicht weiter als Handlungsort ausgekostet wird.

Und darstellerisch? Zu Recht das anfängliche Spiel von Jennifer Jason Leigh als Miststück „Daisy Domergue“ und Tim Roths Interpretation des um die Gerichtigkeit eines Henkers philosophierenden Engländers mit gefühlt hochgezogener Augenbraue. Ennio Morricone als Filmmusikkomponist? Markante Musikfetzen bleiben nicht im Kopf – der „Spiel mir das Lied vom Tod“-Pathos rundet als Zitat aber sicher das Ganze ab; allerdings fehlen die sonst mit Tarantino verbundenen musikalischen Neu- und Wiederentdeckungen.

Als Tipp für die Lifestyle-Mädels, die sich einmal in einen Tarantio trauen wollten: „Eight-Pack“ Channing Tatum bleibt in seiner Nebenrolle blass, darf noch nicht einmal sein Outfit ausziehen und muss sich dann auch noch als hässliche Fratze beschimpfen lassen.

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