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Unsere Filmkritik: Goslings unausgegorenes Regiedebüt
Saoirse Ronan

Unsere Filmkritik: Goslings unausgegorenes Regiedebüt

FOTO: BOLD FILMS
Saoirse Ronan
Kultur 1 2 Min. 11.04.2015

Unsere Filmkritik: Goslings unausgegorenes Regiedebüt

Der Platzwechsel von „vor“ zu „hinter“ die Kamera ist gängige Praxis im Filmgeschäft – aber nicht jeder inspirierte Schauspieler taugt auch als Regisseur. Zumindest lässt sich das von Ryan Gosling und seinem Regiedebüt Lost River behaupten.

Von Vesna Andonovic

 Der Platzwechsel von „vor“ zu „hinter“ die Kamera ist gängige Praxis im Filmgeschäft – die zuweilen mehr oder minder glücklich ausfällt, denn nicht jeder inspirierte Schauspieler taugt auch als strippenziehender Regisseur.

Entscheidend ist am Ende, ob man vermag eine Geschichte mit Bildern und Charakteren so zu erzählen, dass der Zuschauer sich ein Stück weit darin versetzen kann und so, die Zeit der Vorführung, seine eigene in den Stand-By-Modus schaltet. Hierfür bedarf es einer klaren Vorstellung, von wo man ausgeht und wohin man gelangen will – eine Gabe, die – eigentlich verständlicherweise – nicht jedem in die Wiege gelegt wurde.

So auch Ryan Gosling, dessen Regiedebüt „Lost River“ diese Woche anlief, und sich als unausgegorenes Mittelding zwischen einer etwas allzu plumpen, filmischen Hommage und einem hermetischen Bewusstseinsstrom präsentiert, der zwar schnell daran getan hat, den Zuschauer mitzureissen, ihn unterwegs auch kräftig durchschüttelt und am Ende erschöpft – jedoch nicht wirklich glücklich – zurücklässt.

Foto: Bold Films

1980 in London – in Ontario, Kanada! – geboren, ist Ryan Gosling (Mr. Eva Mendes im richtigen Leben) einer der Schauspieler dieser neuen Generation vom nord-amerikanischen Kontinent, die sich durch ein erstaunlich reifes, handwerkliches Können und mutige Rollenwahlen auszeichnen. Dass er das Medium „Film“ liebt und seine Klassiker auch kennt, sieht man schnell in „Lost River“; dass dies jedoch bei Weitem nicht ausreicht, um selbst die Zügel in die Hand zu nehmen und den wilden Wagen der Filmfantasie zu lenken, zeigt sich ebenso rasch.

Film ist kein Papier

Denn die Geschichte, um den jungen Bones, der mit seiner Mutter und dem kleinen Bruder in einer langsam dem Verfall überlassenen, postapokalyptisch anmutenden Kleinstadt lebt, bietet – außer seiner ansprechenden Optik – keine richtigen Ankerpunkte, an denen man andocken könnte. Lange braucht der Zuschauer, um sich in der offenen Erzählung, die der visueller Realismus einer inhaltlichen kompletten Wirklichkeitsfremde entgegensteht, zurecht zu finden. Und selbst nach Ende des Abspanns ist er sich nicht sicher, ob er sich da nun eine philosophische Kritik der amerikanischen „Subprime“-Krise, eine poetische Allegorie des Untergangs des Abendlandes, oder einfach nur ein postmodernes Märchen angeschaut hat.

Foto: Bold Films

Was sicher ist: „Lost River“ ist ein Paradebeispiel für die erste, monumentale Todsünde jedes Filmneulings: Gosling schert sich reichlich wenig, um sein Publikum, sondern versucht alles, was er selbst so mag, in sein erstes Opus hineinzupacken. Da gibt es den ätherischen Terrence-Malick-Anschlag und die düstere Nicolas-Winding-Refn-Ästhetik, ja selbst ein Tor zu Dantes Hölle, das irgendwo zwischen dem Monster-Garten im italienischen Bomarzo und Bram Stokers Dracula liegt, findet seinen Platz in Goslings Konstrukt. Fehlen tut hingegen eine schlüssige Charakterentwicklung, was Schauspielkollegen wie Christina Hendricks, Saoirse Ronan, Iain De Caestecker, Ben Mendelsohn und Eva Mendes zu in brownscher Bewegung ziellos herumschwebenden Teilchen macht.

Und das, was auf dem Papier bei James Joyce, Virginia Woolf oder Alfred Andersch funktioniert, also eine frei fließende Bewusstseinsstrom-Erzählung, lässt den Zuschauer auf der Leinwand emotional unberührt. Die grundlegende Lektion des Films, die leider allzu viele Regisseure schlagmäßig ignorieren, ist, dass es stets einer Geschichte mit Entwicklung bedarf, um das Publikum miteinzubeziehen – und dafür reichen Benoît Debies schöne Bilder, die als bewegte Variation der ganz modernen „Lost Place“-Fotografie anmuten, definitiv nicht aus.

So ist „Lost River“ zwar ein ungewöhnliches visuelles Experiment, das Resultat jedoch vergebliche Liebesmühe. Leider.