Wählen Sie Ihre Nachrichten​

Unsere Filmkritik der Woche: Die Zukunft steht in den Sternen
Kultur 2 2 Min. 07.11.2014

Unsere Filmkritik der Woche: Die Zukunft steht in den Sternen

Nein, Matthew McConaugheys Body steht diesmal nicht im Vordergrund. Im neuen Christopher Nolan Streifen "Interstellar" gibt der Hollywoodbeau den Retter der Menschheit. Unsere Filmkritikerin Vesna Andonovic hat ihm dabei genau auf die Finger geschaut.

VON VESNA ANDONOVIC 

Vor 150 Jahren wäre es sicherlich einfacher gewesen, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob Christopher Nolan nun ein Wahnsinniger oder ein Heiliger ist. Denn bekanntlich werden beide Gattungen von Visionen – je nach Sachlage – beglückt bzw. heimgesucht. Gott sei Dank lernten Ende des 19. Jahrhunderts die Bilder laufen und so konnten diese Art von Kapriolen des Geistes auf Zelluloid exorzisiert werden.

Nun ist der britische Regisseur, Jahrgang 1970, nicht wirklich für Bescheidenheit bekannt. Und mit Mitteln – selbst finanzieller Art – hat dies definitiv nichts zu tun, sondern eher mit seiner filmischen Herangehensweise an ein Thema. Wenn Nolan einen Film macht, ist – durchweg, und unabhängig vom Hintergrund – das Mindeste, was man darüber sagen kann, dass er die berüchtigte „atmosphärische Dichte“ verströmt. So wie er bereits in „Memento“ den Fluss der Zeit und in „Inception“ den des Raumes verbog, so spielt der Filmemacher in seinem neuen Film gleich mit beiden.

Der Messias ist eine Frau

Zogen sich Wahnsinnige und Heilige früher in die Leere der Wüste zurück, um sich ihren Dämonen zu stellen, so fungiert heute das Weltall als neuzeitliche Variation dieses totenstillen und buchstäblich reizlosen Raumes, in dem der Mensch nicht nur auf seine äußeren, sondern auch seine inneren Grenzen trifft. Und wie in der Ödnis muss sich der Mensch ebenfalls im All wohl erst verlieren, um zu dem zu finden, was ihn im Kern als denkendes und fühlendes Wesen ausmacht.

Auch in „Interstellar“ muss ein Mann sich zwischen der Liebe zu seinen Kindern und der (möglichen) Rettung der Menschheit entscheiden. Doch rechtfertigt letztlich irgendein Ethos einen solchen Preis?

Seine „Ode an die bemannte Raumfahrt“ – dixit Nolan – dient dabei als ansprechender Hitech-Rahmen für eine Geschichte, die vor einer überraschenden Mischung aus wissenschaftlicher Auslegung zur Astrophysik und Relativität und metaphysischreligiöser Infragestellung große existenzielle Fragen und primäre (Überlebens-) Instinkte in Dialektik stellt. Interessant ist hier besonders, dass einerseits Nolans Figuren trotz dieser inhaltlich kompakten Kulisse fühlbar bleiben und andererseits der „Messias“ der Zukunft nicht der zentrale „Held“ – Matthew McConaughey, der eine reife Leistung erbringt – und vor allem weiblich (!) ist. Richtig beflügelnd wirkt sich da der sarkastische Humor des Roboters Tars – herrlich nuancenreich von Bill Irwin gesprochen – aus.

Auch der Brite, der das spannungsvolle Drehbuch gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Jonathan schrieb, frönt, wie sein Landsmann Sam Mendes im „Skyfall“-Bond, der Lyrik: Wo Letzterer Tennysons „Ulysses“ auftischte, setzt Nolan auf Dylan Thomas' elegisches „Do not go gentle into that good night“. Verse wie „Do not go gentle into that good night, Old age should burn and rave at close of day; Rage, rage against the dying of the light“ dann auch noch von einem souveränen Michael Caine rezitieren lassen zu können, verleiht dem Ganzen einen überwältigend elegischen Charakter, der das Visuelle doppelt.

Während die wundervolle 70mm-Patina der Bilder den Aufnahmen von Hoyte van Hoytema eine betörende Schönheit verleiht, die den Zuschauer wahrhaftig mit g-Kräften in den Kinosessel drückt, präsentiert sich Hans Zimmers Musik als zuweil etwas zu nachdrücklich grandios-weinerlich. Ein Film, den man wohl am treffendsten als SciFi-Cousin von Malicks „The Tree of Life“ bezeichnen kann und der zweifelsohne keinen Zuschauer unberührt lassen wird.