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Unsere Filmkritik: "Colonia": "Dieses miese Schwein"
Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) geraten in die Wirren um den Sturz des chilenischen Präsidenten Allende.

Unsere Filmkritik: "Colonia": "Dieses miese Schwein"

Foto: Iris Productions
Lena (Emma Watson) und Daniel (Daniel Brühl) geraten in die Wirren um den Sturz des chilenischen Präsidenten Allende.
Kultur 1 3 Min. 12.03.2016

Unsere Filmkritik: "Colonia": "Dieses miese Schwein"

Daniel CONRAD
Daniel CONRAD
Da sitzt man im Kino und ballt mindestens die Faust, kommt gar in Versuchung,den Satz „Dieses miese Schwein“ zu denken: "Colonia" schildert in harten Bilder historische Ereignisse in Chile.

Von Daniel Conrad

Da sitzt man im Kino und ballt mindestens die Faust, kommt gar in Versuchung den Satz „Dieses miese Schwein“ zu denken: Wenn sich der als Heilsbringer inszenierende Paul Schäfer der jungen Lena nähert und sie mit verschwitzten Haaren eng klammernd an sich presst; gerade, wenn er dazu noch etwas von „Die Gnade des Herrn komme auf dich herab“ und dem „Austreiben des Satans“ faselt – und dabei nur die eigene Lust und den Machthunger befriedigt.

Oder gar wenn er sich den im Vorraum der Gemeinschaftsdusche zum singenden Chor versammelten Knaben nähert und seinen Unterleib an die nur mit Unterhosen bekleideten Jungen drückt – Bilder, die eigentlich nicht gleichgültig hingenommen werden können; und doch offenbar sehr nah an den realen Ereignissen orientiert sind. „Colonia“-Regisseur Florian Gallenberger sucht, die ganze Diabolik dieses Sektenführers über das meisterhafte Spiel des schwedischen Starschauspielers Michael Nyqvist auszudrücken.

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Was muss es den an Überwindung gekostet haben, diesen Teufel in Menschengestalt darzustellen? Paul Schäfer und seine „Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad“ gab es wirklich.

Die deutsche Kolonie bestand seit Mitte der 1950er-Jahre, ein abgesperrtes riesiges Areal, auf dem unter dem Deckmantel religiöser Demut und Heilssuche schwerste Misshandlungen stattfanden. Ebenso zynisch wie „Arbeit macht frei“ über dem KZ von Auschwitz, fand sich in dieser deutschen Enklave im Süden Chiles „Dignidad“ (Würde).

Nyqvist gibt den diabolischen Sektenführer Paul Schäfer.
Nyqvist gibt den diabolischen Sektenführer Paul Schäfer.
Foto: Iris Productions

Im Kleid einer fiktiven Liebes- und Fluchtgeschichte um das Pärchen Lena und Daniel – gespielt von dem erwachsen gewordenen Harry-Potter-Star Emma Watson und dem deutschen Vorzeigedarsteller Daniel Brühl –, das in den Wirren um den Sturz Allendes in die Fänge Schäfers und seiner Getreuen gerät, versucht der Regisseur, das Grauen als packende Actiongeschichte zu erzählen.

Emma Watson darf in dem zum Teil in Obermartelingen gedrehten Film eine Heldin geben, die aus Liebe alles aufgibt und letztlich gewinnt. Allerdings im Kopf bleibt Nyqvist als Sektenführer. Dank der Koproduktion mit der Iris Productions und der Finanzierung des Filmfonds dürfen Luxemburger zeigen, was sie können – nur in Nebenrollen, aber durchaus stark: Vicky Krieps (!), Jeanne Werner und Steve Karier.

Viel Stoff um ein zu wenig aufgearbeitetes Thema

Regisseur Gallenberger hat sich spürbar intensiv mit den immer noch zu wenig aufgearbeiteten Hintergründen des dort verübten Grauens beschäftigt. Er war vor dem Dreh mehrmals in Chile, um Zeugen und die näheren Umstände zu erforschen. Authentisch bezeugt ist, wie Schäfer und seine Helfershelfer die sich ihnen nicht nur freiwillig unterwerfenden Menschen quälten, misshandelten, sie in einem ausgeklügelten System und psychischen Abhängigkeiten gegeneinander ausspielten, mit dem Pinochet-Regime kooperierten, Folter und Experimente mit Häftlingen unterstützten – gar Waffen produzierten oder handelten.

Das alles wurde politisch gedeckelt, lange stießen die wenigen mahnenden Stimmen und Protestierenden auch in Deutschland und gerade bei den deutschen Behörden vor Ort auf taube Ohren, gar bestanden offenbar enge Kooperationen zwischen Schäfers Kolonie und den Amtsträgern.

Vicky Krieps spielt "Ursel".
Vicky Krieps spielt "Ursel".
Foto: Iris Productions

Das ist viel Stoff und kann selbst in 110 „Colonia“-Minuten nicht immer im Detail aufgedröselt werden. Zumal nicht nur die Kolonie, sondern auch der Militärputsch Pinochets erläutert werden. Um die Tragweite noch zu erhöhen, nutzt Gallenberger Kontraste: in der Filmmusik, in Spielen mit dem Licht – süßlich-sonnenbestrahltes Glück trifft auf düster-dreckige Dunkelheiten um das Grauen und den Terror. Man ist geneigt, über Schwächen hinwegzusehen, alleine schon, weil bis heute im Fall Colonia Dignidad nicht genauer hingeschaut wurde und wird, noch immer ehemalige Führungskräfte der Sekte ohne Prozess auf freiem Fuß sind und dieser Film so wichtig erscheint, weil er den Opfern eine Stimme gibt – selbst wenn der echte Schäfer 2008 in chilenischer Haft starb.

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