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Unsere Filmkritik: Bittersüße Nostalgie

Unsere Filmkritik: Bittersüße Nostalgie

Foto: Le Pacte
Kultur 1 3 Min. 10.01.2015

Unsere Filmkritik: Bittersüße Nostalgie

"Liebe ist in ,Queen and Country' noch richtige, tief empfundene romantische und folglich unerfüllte Liebe", meint unsere Filmkritikerin Vesna Andonovic, die sich den Streifen angeschaut hat.

(vac) - Ruhig war es geworden um den Briten John Boorman, der am 18. Januar Geburtstag feiert und dessen letzter Film, die Komödie „The Tiger's Tail“, 2006 herauskam. Doch bei Regisseuren ist es wie bei allen kreativen Berufen, so richtig im Ruhestand ist man eigentlich nie. Nun kehrt der Filmemacher, immerhin Jahrgang 1933 und somit bald stolze 82 Lenze jung, mit einem neuen Opus auf die große Leinwand zurück: „Queen and Country“.

Und worüber redet „Her Majesty's“ Untertan am besten? Klar: über „Her Majesty's“ Empire! Die Besinnung auf die nationalen Wurzeln ist an dieser Stelle ebenfalls eine Rückkehr zu den privaten, denn Boorman knüpft mit „Queen and Country“ an ein Glanzlicht seiner Karriere an: „Hope and Glory“ (1987).

Idylle in Bedrängnis?

Wieder steht im Mittelpunkt der junge Billy, inzwischen beim zweijährigen Militärdienst vor Koreakrieg-Hintergrund angelangt, wo er Freundschaft mit dem rebellischen Percy Hapgood schließt und nicht nur Lektionen fürs Leben lernt – und austeilt –, sondern auch die scheinbar letzte Hürde des Erwachsenwerdens, sprich den Verlust der Jungfräulichkeit, meistert.

Dabei ist „Queen and Country“ für den vom Zeitgeist des 21. Jahrhunderts geprägten Zuschauer nicht trotz, sondern gerade wegen seiner grundlegend harmonischen Melodie, die ihn auf allen Ebenen – der erzählerischen, der visuellen, der darstellerischen und der musikalischen – zuweilen eine regelrechte Tortur, da stets eine irrationale Prise Angst mitschwingt, dass dann nun doch eine fürchterliche Katastrophe diese scheinbar untrübbare Idylle auf der Leinwand zerstört.

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Liebe ist in „Queen and Country“ nämlich noch richtige, tief empfundene romantische und folglich unerfüllte Liebe. Kameraderie ist ein solch starkes Band, dass sie einerseits von einer an Schillers Bürgschaft erinnernden Loyalität erfüllt ist und man gar urplötzlich, aus dem überwältigenden herzlichen Einklang des Augenblicks heraus, zum genüsslichen Raucher wird. Großbritannien – vom trauten Heim inmitten der Themse symbolisiert – ist noch immer die mythologische Insel der Glückseligen, über die das allessehende Auge der allmächtigen Monarchin wacht: Die Thronbesteigung Elisabeths II. und der Einzug des Fernsehapparats in die gute Stube stehen für Tradition und kündigen zugleich neue Zeiten an.

Wundervoll nuancierte Zwischentöne

John Boorman erweist sich auch in diesem Film – eigenen Aussage nach der Letzte überhaupt – als fesselnder und empathischer Erzähler und Meister klassischer filmischer Faktur, dessen Handwerkskunst voller jugendlicher Frische ist. Erstaunlich bleibt, dass man Schauspieler – wie z. B. Mrs. Jeremy Irons – Sinéad Cusack, die nach Sarah Miles nun Billys Mutter verkörpert – austauschen kann und die Figur darunter weder leidet, noch dadurch verändert wird.

Foto: Le Pacte

Auch wenn er augenscheinlich die rosarote Brille der Nostalgie aufsetzt, gelingt es Boorman dennoch, diesen unerschütterlichen Optimismus so stringent durch den ganzen Film zu ziehen, dass Gefühlsduselei erst gar nicht aufkommt. Schmerzlich-unbequemen Themen wie der Unmenschlichkeit eines auf blindem Gehorsam und klarer Hierarchie fußenden Systems wie das des Militärs und der einhergehenden Willkür werden durch diese paradoxe Kohärenz überraschend facettenreiche Nuancen entlockt. Dennoch schwingt in all diesen Figuren unweigerlich ein Hauch vom Kinderreim, um Humpty Dumptys Fall und die Unwiederbringlichkeit des Vergangenen, mit, was „Queen and Country“ letztlich auch irgendwie einen elegischen Charakter verleiht.

Ein in seinen Zwischentönen nuancierter und von einer tiefen Menschlichkeit beseelter Liebeserklärung an die eigenen Wurzeln und Filmzunft, dessen Süße keine Bitterkeit hinterlässt.