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„Underground Railroad“: Flucht aus dem Tal der Tränen
Kultur 1 3 Min. 08.08.2021
Zapping

„Underground Railroad“: Flucht aus dem Tal der Tränen

 Eindrucksvoll schlüpft Thuso Mbedu in die Hauptrolle als „Cora“, deren Geschichte die Serie maßgeblich erzählt.
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„Underground Railroad“: Flucht aus dem Tal der Tränen

Eindrucksvoll schlüpft Thuso Mbedu in die Hauptrolle als „Cora“, deren Geschichte die Serie maßgeblich erzählt.
Foto: Amazon Studios
Kultur 1 3 Min. 08.08.2021
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„Underground Railroad“: Flucht aus dem Tal der Tränen

Marcel KIEFFER
Marcel KIEFFER
Ein filmisches Gesamtkunstwerk über die Sklaverei im Serienformat.

 Die Dominanz des Streaming-Riesen Netflix mag auf dem umkämpften Serien-Markt einstweilen noch unangefochten bleiben, dennoch hat nun Konkurrent Amazon einen bemerkenswerten Achtungserfolg zu verzeichnen. Auf der Qualitätsskala der Serien-Produktionen hat man sich mit dem historischen Sklaverei-Drama „Underground Railroad“ auf einen Schlag eindrucksvoll an die Spitze katapultiert.

Sie hat die Eigenschaften und das Potenzial eines großen Epos, und schon das Produktions-Casting dieser wuchtigen und bildgewaltigen Serie unterstreicht ihren ebenso künstlerischen wie politischen Anspruch: Die literarische Vorlage stammt von Pulitzer-Preisträger Colson Whitehead, die Regie übernahm Oscar-Gewinner Barry Jenkins, und unter den Produktionspartnern steht der Name von Brad Pitt an erster Stelle.

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Die Voraussetzungen für ein großes filmisches Kunstwerk auf sehr realem, authentischem Boden, dazu getragen von hervorragenden schauspielerischen Leistungen und perfekter technischer Umsetzung – vor allem die musikalische Bearbeitung von Nicholas Britell besticht durch ihre besondere atmosphärische Intensität – waren in jeder Hinsicht gegeben, um eine düstere Thematik wieder in den Vordergrund zu rücken, die in der vor allem US-amerikanischen gesellschaftlichen Aktualität immer wieder und immer noch negative Entwicklungen generiert. In der Tradition vorangegangener zeitkritischer Filmwerke („Roots“, „Twelve Years a Slave“) beruht auch „Underground Railroad“ auf der realen, drastischen Darstellung der Sklaverei in den USA der Gründerzeit.

In seiner gewollten Langsamkeit erreicht der in Kapiteln sich zu einem eindringlichen Gesamtkunstwerk entwickelnde Erzählstrang eine Intensität und atmosphärische Dichte, die den Zuschauer in zunehmendem Maße fesselt und in die ebenso menschlich erschütternde wie moralisch aufwühlende Komplexität und Tragik der Thematik einführt.

Der amerikanische Imperativ

Beruhend auf der Geschichte der jungen schwarzen Sklavin Cora (Thuso Mbedu), die auf der Flucht vor einer in ihrer Menschenverachtung vor nichts zurückschreckenden Gesellschaft nahezu alle Facetten des in den Südstaaten der USA verbreiteten Rassismus am eigenen Leib erfährt, wird jede einzelne Episode dieser aufwühlenden Serie zu einer Erforschung der düstersten Abgründe der menschlichen Seele. Den diabolischen Kontrapunkt zu Cora und ihrem offensichtlich unentrinnbaren Opferschicksal bildet dabei der von einer gottgewollten Überlegenheit des weißen Zivilisationsmodells, dem sogenannten amerikanischen Imperativ, beseelte Sklavenfänger Ridgeway (Joel Edgerton).

Auf der Suche nach entronnenen Sklaven befindet er sich in Begleitung seines von ihm manipulierten, kindhaften, schwarzhäutigen Helfers Homer (Chase Dillon) als die geradezu surreale Verkörperung menschlicher Duplizität, dabei nicht minder auf seiner eigenen sinnsuchenden Wanderung durch ein düsteres, todbringendes Tal der Tränen.

  Eine poetische Tragik  

Der Serie wohnt eine poetische Tragik inne, die durch die metaphorische Darstellung einer die flüchtenden Sklaven in den sicheren Norden rettenden unterirdischen Eisenbahn eine durchaus reale, positive Dimension erfährt.

Denn in den schlimmsten Jahren der amerikanischen Sklaverei, Mitte des 19. Jahrhunderts, hatte es durchaus ein solches, wenn auch überirdisches, aus geheimen Verbindungswegen bestehendes, von mutigen, weißen wie schwarzen Sklaverei-Gegnern betriebenes Netzwerk gegeben, das mehreren Zigtausend Menschen in die Freiheit führte.

Doch vor dem Erreichen des sich in gegenseitiger Achtung und Respekt vollendenden idealen Menschheitstraums – des von dem an seinem Sohn verzweifelnden Vater Ridgeways verkörperten humanen Diktats, stets zu versuchen, sich selbst in jedem Wesen zu erkennen, sich selbst in ihm zu suchen – türmten sich damals, wie heute, ebenso irrationale wie dem Menschen offensichtlich schicksalhaft innewohnende Hindernisse auf.

Die Feststellung eines dieser die rettende unterirdische Eisenbahn betreibenden Helfers klingt dabei, ab der ersten bis zur letzten Episode dieser ersten Staffel in ihrer bedeutungsschwangeren, bedrückenden Eindringlichkeit nach: „Zu welchen Grausamkeiten der Mensch doch fähig ist, wenn er glaubt, er diene einer gerechten Sache!“

„Underground Railroad“ ist als zehnteilige Serie auf Amazon Primevideo abrufbar. 

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