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Unbeirrbare Botschafterin des L(i)ebens
Kultur 1 2 Min. 10.08.2019

Unbeirrbare Botschafterin des L(i)ebens

Emotionale Zeitreise: Ruth Westheimer überlebt als Kind den Holocaust nur, weil die Mutter sie 1939 in ein Schweizer Waisenheim gibt.

Unbeirrbare Botschafterin des L(i)ebens

Emotionale Zeitreise: Ruth Westheimer überlebt als Kind den Holocaust nur, weil die Mutter sie 1939 in ein Schweizer Waisenheim gibt.
Foto: Delirio Films
Kultur 1 2 Min. 10.08.2019

Unbeirrbare Botschafterin des L(i)ebens

Vesna ANDONOVIC
Vesna ANDONOVIC
Die Doku „Ask Dr. Ruth“ zeigt, wie eine Holocaustwaise erst zur Scharfschützin und dann zur Sextherapeutin einer ganzen Nation wurde.

Sexualität: Allein schon beim Lesen treibt dieser Begriff so manchem Schamröte in die Wangen. Dem einen, weil sie ein so intimer Lebensbereich ist, dass man ihn in der Öffentlichkeit nicht auftischt, dem anderen, weil sie darin einfach nur „Schweinekram“ sehen, der weggeschwiegen gehört.

Selbst gegensätzliche Standpunkte stimmen hier überein: Über Sexualität spricht man nicht!

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Eine Frau ist da ganz anderer Meinung und trägt in den (ohnehin eher prüde veranlagten) Vereinigten Staaten maßgeblich zum Befreiungsschlag der Sexualität bei – weg vom Schmuddelimage, hin zum salonfähigen Diskussionsthema: Dr. Ruth. Die kleine, ältere Dame mit Föhnfrisur und Piepsstimme schafft die Wandlung des vermeintlichen Tabus zum akzeptablen Mainstream-Topic geradezu als Einzelkämpferin – mit Hilfe ihres unverkennbaren und undefinierbaren Akzents, viel Einfühlungsvermögen und noch mehr Humor.

Von der Scharfschützin zur Sexologin

In den 1980er-Jahren ist sie omnipräsent auf den Radiowellen und Bildschirmen Amerikas, und erlangt Ruhm weit über die Grenzen der Neuen Welt hinaus. Nur wenige wissen, dass die unbeugsame Verfechterin Eros‘ aus dem Alten Europa stammt – und eine dramatische Begegnung mit Thanatos, dem Tod, hinter sich hat.

Dr. Ruth Westheimer wird nämlich am 4. Juni 1928 als Karola Ruth Siegel, Tochter jüdisch-orthodoxer Eltern, im bayrischen Karlstadt geboren. Als der Vater von den Nazis verhaftet wird, zögert die Mutter nicht lange und schickt sie mit einem Kindertransport in die Schweiz. 

Mit zehn ist Karola alleine und auf sich gestellt in einem Waisenheim, wo sie geradezu als Magd dient. Als klar ist, dass niemand sie nach Kriegsende von dort abholen wird, reist sie mit 17 nach Palästina, wo sie zur Scharfschützin ausgebildet wird. Doch die junge Frau, die nunmehr ihren Zweitnamen Ruth angenommen hat, will mehr vom Leben. Auch ohne Gymnasiumsabschluss schafft sie die Aufnahme in die Pariser Sorbonne und studiert dort Psychologie.

Mit den 5 000 D-Mark, die sie als jüdische Waise von der Deutschen Bundesrepublik erhält, zieht sie gen Amerika – arbeitet dort als Sexologin und steigt zur 1,40 Meter großen Ikone auf.


Foto: Delirio Films

Die Stimme der Menschlichkeit und der Vernunft

Dieses über 50 Jahre lange Engagement und die geleistete Arbeit würdigt der Dokumentarfilm des US-Amerikaners Ryan White, der für u. a. die Netflix-Serie „The Keepers“ verantwortlich zeichnet.

Verdient und mit dem erforderlichen Feingefühl; denn der Film, der beim Sundance Film Festival London seine Premiere feierte, ist mehr als eine simple Hommage. Er zeigt zudem ebenfalls wichtige Kapitel Zeitgeschichte auf – vom Zweiten Weltkrieg bis hin zur Aids-Krise in den USA, in der sich Dr. Ruth als unermüdliche Stimme der Menschlichkeit und Vernunft erweist.

Dort wo White Bilder zur Illustration der Lebensgeschichte fehlen, greift er auf Animationstechnik zurück – und schafft so einen visuellen Kontrapunkt zu den zahlreichen Interviews im Film.


Filmklassiker und Blockbuster auf einen Blick
Flop oder Top?: Die Filmkritik der Woche
Jede Woche neu: Unsere Filmkritiker werfen mehr als nur einen oberflächlichen Blick auf die neuen Filme in den Kinos des Landes. Ob Schnulze, Action-Streifen oder Komödie - wir achten streng auf Qualität und empfehlen Ihnen, auf was Sie sich in den Lichtspielhäusern einstellen müssen.

Das Feuer des Lebens weitertragen

Nun könnte man dem Regisseur vorwerfen, dass er sich allzu sehr vom (wahrhaft umwerfenden!) Charme seiner Hauptfigur einwickeln und kritische Stimmen fast nicht zu Wort kommen lässt. Doch das wäre ein Fehler, durch den man den wichtigsten Aspekt der Dokumentation regelrecht verpassen würde: Durch seine 91-jährige Hauptfigur ist „Ask Dr. Ruth“ nämlich eine Lektion der Unbeugsamkeit, sprich wie man gegen alle Widerstände der Existenz das Feuer des Lebens weiterträgt. In den heutigen Zeiten eine umso wichtigere Botschaft! 




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