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„Tribes of Europa“: Frauen und die brutale Macht
Kultur 1 6 Min. 21.02.2021

„Tribes of Europa“: Frauen und die brutale Macht

Henriette Confurius übernimmt die Rolle der „Liv“ und kämpft sich durch die Wirren in einem zerfallenen Europa, in denen Stämme die früheren Nationen abgelöst haben.

„Tribes of Europa“: Frauen und die brutale Macht

Henriette Confurius übernimmt die Rolle der „Liv“ und kämpft sich durch die Wirren in einem zerfallenen Europa, in denen Stämme die früheren Nationen abgelöst haben.
Foto: Netflix
Kultur 1 6 Min. 21.02.2021

„Tribes of Europa“: Frauen und die brutale Macht

André WESCHE
André WESCHE
Zapping: Henriette Confurius und ihren Hauptrolle in der neuen dystopischen Actionserie.

Die Serie „Tribes of Europa“, die am Freitag, dem 19. Februar auf Netflix an den Start ging, entführt den Zuschauer in das Europa des Jahres 2074. Nach einem großen Blackout haben sich die Länderstrukturen aufgelöst. Diverse Stämme kämpfen um die Vorherrschaft und das eigene Überleben. Im Mittelpunkt steht Liv, eine entschlossene junge Frau, die sich dazu gezwungen sieht, für ihre humanistischen Ideale zu kämpfen. Verkörpert wird Liv von einem der spannendsten Gesichter des jungen deutschen Films: Henriette Confurius, die man bislang eher in historischen Filmen wie „Die geliebten Schwestern“, „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“ oder „Narziss und Goldmund“ verortete.

Henriette Confurius, die Figur der Liv ist eher untypisch für Ihr Rollenbild. Kämpft da die Freude auf die neue Herausforderung mit der bangen Frage, ob man der Aufgabe auch gewachsen ist?

Als ich das Drehbuch gelesen habe, wusste ich, dass Liv total gut zu mir passt. Eine Rolle wie diese wollte ich schon lange spielen. Ich war ein bisschen in diesen historischen Figuren festgefahren, die ich natürlich auch sehr gern mag. Aber ich habe schon so viele davon gespielt. Liv war sicherlich eine Herausforderung, weil es etwas ganz anderes war. Aber ich wusste, dass ich das gut kann.

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Die Serie wurde in vier Ländern gedreht. Wo waren Sie mit an Bord?

Ich war in Tschechien, Kroatien und Südafrika dabei.

Wie war es, mitten in der Arbeit an der Serie durch Corona mit der Tatsache konfrontiert zu werden, dass unser vermeintlich sicherer Alltag auch in der Realität viel zerbrechlicher ist als angenommen?

Tatsächlich wurde Corona erst nach unserem Dreh zum Thema und hat meine eigene Arbeit nicht beeinflusst. Was das Virus und die vermeintliche Sicherheit angeht, in der man sich wähnt, ist es natürlich total spannend. Im letzten Jahr ist ja unheimlich viel passiert. Ich selbst bin an einem Punkt angekommen – und ich weiß nicht genau, ob ich das mit meinem Alter in Verbindung bringen kann – an dem ich Vieles hinterfragt habe. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem kein Krieg ist, in dem man zur Schule gehen sich auch über die Grenzen des eigenen Landes hinaus frei bewegen kann und jederzeit für Wasser und Essen gesorgt ist. Für mich war das immer ganz selbstverständlich, ich hatte in meinem Leben nie ein anderes Gefühl. Das hat sich jetzt geändert, ohne dass ich große Angst davor habe, nicht mehr in Sicherheit zu sein oder auf meinen bisherigen Lebensstil verzichten zu müssen. Ich traue der Menschheit plötzlich viel mehr zu, sowohl im Guten wie auch im Schlechten.

Ich sehe alle Frauenrollen in dieser Serie als Vorbilder für die weibliche Selbstbestimmung.

Der Stamm der Origines, dem Liv angehört, lehnt jede Form von Technik ab, weil sie die Menschheit ins Verderben gestürzt hat. Betrachten Sie auch manchmal mit Sorge, wie absolut abhängig wir uns von der Technik machen?

Die Generationen von heute wachsen mit einem Telefon in der Hand auf und sie haben von klein auf Zugriff auf alle Informationen. Davon machen sie sich abhängig. Tatsächlich wurde mir drei Tage vor unserem Gespräch mein Telefon geklaut. Das war so eine interessante Erfahrung! Man hat eine starke emotionale Bindung zu diesem Gerät, weil es einfach alles ist: Wegweiser und Kontakt zur Außenwelt. Es ist meine Uhr und mein Terminkalender, außerdem sind alle meine Fotos da drauf. So viele persönliche Dinge, auf die ich plötzlich nicht mehr zugreifen konnte. Der Verlust hat mich jetzt nicht völlig aus der Bahn geworfen.

Ich glaube, ich bin nicht so abhängig von meinem Telefon wie andere. Aber ich habe gemerkt, dass man sich plötzlich ganz anders durch die Welt bewegt. Ich bin eine Straße entlanggegangen, die ich jeden Tag langgehe und ganz klischeehaft habe ich nun Gebäude gesehen, die mir vorher nie aufgefallen sind. Einfach, weil ich sonst auf die Musik vom Handy konzentriert war oder aufs Display geschaut habe. Ich muss gar nicht auf den Weg achten, weil das Handy ihn vorgibt. Diese Abhängigkeit von einem Handy kann man durchaus in Frage stellen. Man sagt gern, dass früher alles anders war und die Jugend von heute total verdorben ist. Aber vielleicht ist es einfach die Generation, die mit dem Telefon als Wegweiser aufwächst. Gefährlich wird es dann, wenn man sich absolut abhängig davon macht.


Ich würde sogar behaupten, dass es kaum einen Drehtag gab, der keinen blauen Fleck und keinen Kratzer hinterlassen hat.

Sehen Sie Liv als Vorbild für die weibliche Selbstbestimmung?

Ja. Ich sehe alle Frauenrollen in dieser Serie als Vorbilder für die weibliche Selbstbestimmung. Und ich finde es sehr schön, dass in dieser Welt der Zukunft die typischen Bilder von „weiblich“ und „männlich“ nicht mehr klar voneinander getrennt sind. Frauen können genauso brutal Macht ausüben wie Männer, aber sie können auch mütterlich und fürsorglich sein. Ob Liv eine Frau oder ein Mann ist, spielt keine wesentliche Rolle. Sie ist einfach die Älteste von drei Geschwistern.

Sollte man es sich nach diesen Dreharbeiten besser zweimal überlegen, ob man Sie in der Bahn dumm anquatscht, weil Sie nun wehrhafter sind?

(lacht) Ich war schon immer sehr wehrhaft, ich bin mit zwei Brüdern auf dem Land aufgewachsen. Ich habe keine Angst, mich zu verletzen. Ich habe tatsächlich ein wenig Kampfsporttraining gehabt und entsprechende Choreographien gelernt. Nun weiß ich, wie ich ein bisschen mehr Kraft in meinen Schlag legen kann als vorher. Aber ich konnte mich schon immer ganz gut wehren.

Gab es blaue Flecken und Schrammen?

Auf jeden Fall! Ich würde sogar behaupten, dass es kaum einen Drehtag gab, der keinen blauen Fleck und keinen Kratzer hinterlassen hat. Das war aber auch schon während der Vorbereitung so. Es gab ein Wochenende, an dem wir drei als Geschwister auf einen Survivaltrip irgendwo in der Nähe von Berlin geschickt wurden. Wir haben gelernt, Bogen zu schießen, durch den Wald zu schleichen und ein Reh zuzubereiten. Vom Bogenschießen hatte ich einen riesigen blauen Fleck am Arm. Es gibt auch ein Foto von Ana Ularu und mir, dass nach einem Stunttraining-Tag entstanden ist. Sie hat einen Cut an der Stirn und ich ein blaues Auge. Und wir grinsen total glücklich in die Kamera.

Ein militärischer Führer der Crimson sagt zu Liv: „Die europäische Idee wird niemals sterben!“. Würden Sie das unterschreiben?

Ja. Ich bin keine Deutsche. Ich bin Holländerin und lebe in Deutschland. Ich bin hier geboren, aber meine Eltern sind beide Holländer. Es ist für mich völlig selbstverständlich, dass ich in diesem Land leben kann, ohne den deutschen Pass zu haben. Ich habe mein Abitur in Irland gemacht und ich habe eine Zeit lang in Spanien gelebt. Ich kenne Europa als einen Kontinent, auf dem man sich frei bewegen kann. Alle Länder können trotzdem ihre eigene Sprache, ihre eigene Kultur und ihr eigenes Essen bewahren, das finde ich sehr schön. Das Bedürfnis mancher nach Eigenständigkeit und Abgrenzung ist für mich nicht nachvollziehbar. Es macht überhaupt keinen Sinn.

Natürlich ist eine mögliche Fortsetzung der Serie abhängig vom Erfolg der ersten Folgen. Für wie viele Staffeln haben Sie unterschrieben?

(lacht) Das weiß ich nicht! Ich habe immer Vertrauen in die Menschen, die das für mich erledigen. Ich kann aber sagen, dass ich auf jeden Fall gern weitermachen würde. 

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