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Tragikomische Sozialkritik
Kultur 15 4 Min. 16.07.2019

Tragikomische Sozialkritik

Jemp Schuster hat Gerhart Hauptmanns über 100 Jahre altes Stück auseinandergenommen und übersetzt. Es geht um Abhängigkeiten, Kleinkriminalität, Armut und falsche Träume.

Tragikomische Sozialkritik

Jemp Schuster hat Gerhart Hauptmanns über 100 Jahre altes Stück auseinandergenommen und übersetzt. Es geht um Abhängigkeiten, Kleinkriminalität, Armut und falsche Träume.
Foto: Pierre Matgé
Kultur 15 4 Min. 16.07.2019

Tragikomische Sozialkritik

Mireille MEYER
Mireille MEYER
Die Theatergruppe „Schankemännchen“ bringt vom 18. bis 27. Juli das Stück „Raten“ in Grosbous auf die Bühne. An heutige Verhältnisse adaptiert hat das Werk, das ursprünglich aus der Feder des deutschen Dramatikers Gerhart Hauptmann stammt, der Autor, Kabarettist und Theaterregisseur Jemp Schuster. Es ist das vierte Theaterstück eines bekannten Schriftstellers, das er für die Luxemburger Bühne bearbeitet hat.

Jemp Schuster, um was geht es im Stück „Raten“?

Im Original ist es ein Werk von Gerhart Hauptmann, das er 1911 in Berlin auf die Bühne gebracht hat. Mich hat seine Thematik interessiert. Das Stück spielt in den berüchtigten Hinterhofkasernen, in denen damals die sozial Schwachen (die „Ratten“) gelebt haben und die von den Eigentümern der Immobilien ausgebeutet worden sind. Eine polnische Magd spielt eine der Hauptrollen. Sie ist schwanger, will das Kind aber nicht und verkauft es an eine andere Frau. Und damit beginnen die Konflikte.

Wie passt das Stück in die heutige Zeit?

Das Werk ist jetzt über hundert Jahre alt und ich wollte die Thematik erweitern. Die armen Leute, die soziale Unterschicht, gibt es immer noch, auch im reichen Luxemburg. Und mit den „Wanderratten“, den Flüchtlingen, kommen immer mehr hinzu. Sie hausen hier oft in heruntergekommenen Immobilien, wie in alten Hotels zum Beispiel, in denen sie regelrecht verloren gehen. Dort spielt auch dieses Stück. Die „Wanderratten“ begegnen den einheimischen „Ratten“ und daraus entstehen dann soziale Konflikte.

Jemp Schuster hat Teile der Handlung mit einer Prise Ironie gewürzt.
Jemp Schuster hat Teile der Handlung mit einer Prise Ironie gewürzt.
Foto: Pierre Matgé

Welche Probleme gibt es?

Die Gesellschaft versucht, diese Menschen zu integrieren. Doch auf welchem Weg gelingt das? Oder ist ihr Aufenthalt in unserem Land lediglich eine weitere Etappe im Verlauf ihres Lebens und sie werden Luxemburg wieder verlassen müssen? Diese Problematik der „Wanderratten“ ist das neue Element, das ich dem Stück hinzugefügt habe. Im Original gibt es die nicht. Mir war wichtig, dieses Thema anzuschneiden und zu zeigen, was mit diesen Menschen passiert. Ohne dies zum Hauptpunkt der Handlung zu machen. Es ist eine Nebengeschichte, um zu sagen: Wenn wir von „Ratten“ sprechen, im Sinne von den untersten sozialen Schichten, gibt es nicht nur die Drogenabhängigen, Prostituierten, Abgehängten. Eine weitere Art von „Ratten“ kommt dazu, die von uns einfach automatisch zur Unterschicht gezählt wird, obwohl das auch Ärzte, Juristen, etc. sind. Es ist das Milieu, in das sie hineinkommen, was sie prägt und aus dem sie keine Chance haben, herauszukommen. Oder doch?

Welches sind die weiteren Handlungsstränge?

Das Stück erzählt auch vom Theater. Der Theaterdirektor August Faxmeier hat seinen Fundus in diesem ehemaligen Hotel, in dem nun die Flüchtlinge leben. Er träumt davon, wieder ein Theater eröffnen zu können, liegt aber komplett daneben, weil er in einer anderen Zeit lebt – in der Zeit der Klassiker von Schiller, Shakespeare, Molière. Hauptmann hat 1911 versucht, den Naturalismus ins Theater zu bringen. Das heißt: Weg von den klassischen, gepuderten Stücken, hin zur Darstellung des wirklichen Lebens auf der Bühne. Hauptmann ist damit angeeckt.

Man kann nicht mehr behaupten, nicht zu wissen, dass Menschen ausgebeutet werden.

Wie weit haben Sie das Original „Die Ratten“ verändert?

Meine Version des Theaterdirektors liegt sehr nahe am Original. Er hatte ein Theater in der Stadt und musste es schließen, weil dort Büros und Parkhäuser gebaut wurden. Neu hinzugefügt habe ich den Aspekt, dass die „Wanderratten“ über ein Theaterprojekt in die Luxemburger Gesellschaft integriert werden sollen. Diesen Teil der Handlung habe ich mit einer Prise Ironie gewürzt.

Foto: Mireille Gereke-Pletschette

Haben Sie Hauptmanns Werk zu großen Teilen umgeschrieben?

Zuerst einmal habe ich das Stück ordentlich gekürzt. Im Original dauert es über drei Stunden. Natürlich habe ich auch Passagen hinzugeschrieben, doch die Aufführung meiner Version liegt nun unter zwei Stunden. Gerhart Hauptmann ist 1947 gestorben, das Urheberrecht ist erloschen, das Stück ist gemeinfrei. Die Figuren aus dem Original sind alle noch drin und eine – ein Immobilienhai, der seine Mieter ausbeutet – ist hinzugekommen.

Grundsätzlich hat sich also die Art und Weise, wie die Oberschicht mit den sozial Schwachen umgeht, in hundert Jahren nicht geändert.

Daran hat sich nichts geändert. Es ist eher noch schlimmer geworden. Weil wir heute auch andere Möglichkeiten hätten, mit diesen Menschen umzugehen. Damals war es in Städten noch der Fall, dass die Reichen sich nicht unbedingt bewusst waren, in welch desaströsen Umständen die Armen hausen und was sich dort alles abspielt, weil sie nie in diesen Ecken waren. Heute ist das anders, man kann nicht mehr behaupten, nicht zu wissen, dass Menschen ausgebeutet werden. Aus diesem Grund habe ich die Figur des Immobilienagenten hinzugefügt, in einer kurzen, ganz intensiven Szene. Das ist jemand, den man am liebsten verprügeln möchte.

Menschen wie er sind doch eigentlich die Ratten!

Klar. Diejenigen, die am Anfang als „Ratten“ bezeichnet werden, durchlaufen eine Entwicklung, die im Verlauf des Stücks deutlich wird. Die Flüchtlinge kommen in Luxemburg an, noch mit ihren Rettungswesten um den Hals, und werden einquartiert. Nach und nach emanzipieren und integrieren sie sich. Und wenn wir am Ende des Stückes angelangt sind, ist ganz klar: Die „Ratten“ sind nicht mehr die, die neu hinzugekommen sind, sondern die anderen.

Ist das Stück eine Tragödie?

Es ist eine Tragikomödie, so wie Hauptmann es auch bezeichnet hat. Das Werk hat kein Happy End. Die tragischen Figuren sind in ihrem Auftreten skurril und witzig, weil sie das Leben das sie führen, so nehmen, wie es ist. Das führt zu viel Situationskomik. Sie sitzen nicht rum, lamentieren nicht oder bedauern sich selber. Sie leben ihr Leben, so miserabel es auch ist, einer auf Kosten des anderen.

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14. Freilichtspektakel im Prommenhaff in Grosbous. Aufgeführt wird das Stück „Raten“, von Gerhart Hauptmann (1911) und Jemp Schuster (2019). Vorstellungen am 18., 19., 20., 23., 24., 25., 26. und 27. Juli. Beginn der Aufführung ist jeweils um 21 Uhr. Reservierungen unter Tel. 671 222 224.

www.schankemaennchen.lu

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